Mehr Tempo macht nicht automatisch einen besseren Hürdenläufer. Stimmt der Takt der Schritte zwischen den Hindernissen nicht, sind die besten Sprintqualitäten nutzlos. «Ich muss meinen Rhythmus finden», sagt Kariem Hussein deshalb vor seinem Einsatz beim Leichtathletik-Meeting in Luzern am Dienstagabend (19.30 Uhr/TV 24).

Der Europameister über 400 m Hürden hat in den vergangenen Monaten intensiv an seiner Grundschnelligkeit gearbeitet – mit dem Ziel, zwischen den einzelnen Hürden weniger Schritte zu benötigen und letztlich auch schneller über die Runde zu kommen. Ob diese Taktik aufgeht, wird sich zeigen. Weil sich der passende Rhythmus im Training kaum simulieren lässt, benötigt Hussein erst einige Wettkämpfe, bis die neuen Abläufe sitzen.

Kariem Hussein, der Europameister von 2014:



Sein Ziel ist es, bis zur sechsten Hürde jeweils mit 13 Schritten auszukommen und dann auf einen 14er-Rhythmus zu wechseln. Zuletzt benötigte er vor den letzten beiden Hindernissen jeweils noch 15 Schritte. Bereits gelungen ist der Wechsel von 21 auf 20 Schritte vor der ersten Hürde. Um diese weiterhin mit dem gleichen Bein in Angriff nehmen zu können, stösst er dafür nun mit dem anderen Bein vom Startblock ab als in der Vergangenheit.


Noch bleibt etwas Zeit bis zu den beiden Saisonhöhepunkten. Bei der EM von Anfang Juli in Amsterdam, wo der Sieger von Zürich 2014 als Titelverteidiger an den Start gehen wird, will der 27-jährige Thurgauer erneut eine Medaille gewinnen. Für die Olympischen Spiele im August hat er sich die Qualifikation für den Final zum Ziel gesetzt. Bis dann soll der Rhythmus sitzen.

Die Formkurve stimmt

In den bisherigen Rennen hat Hussein gezeigt, dass er gute Fortschritte macht. Vor Wochenfrist senkte er in Bellinzona seine Jahresbestleistung auf 48,98 Sekunden und blieb damit nur zwei Hundertstel über seiner Siegerzeit vom EM-Final im Zürcher Letzigrund. Damit liegt er in der europäischen Bestenliste gegenwärtig an zweiter Position. «Es ist immer noch früh in der Saison», sagt er. «Aber ich bin zufrieden damit, wie es bisher gelaufen ist.»

Kariem Hussein feiert seinen Sieg mit Maskottchen Cooly.

Kariem Hussein feiert seinen Sieg mit Maskottchen Cooly.



Im Aufbau auf die Olympiasaison haben Hussein und sein Coach Flavio Zberg nach den guten Erfahrungen aus den vergangenen Jahren erneut auf zwei lange Trainingsblöcke von je dreieinhalb Wochen in Südafrika gesetzt. Dazu kamen zwei zehntägige Trainingslager in der Türkei. Nachdem der Medizinstudent im März sein vorläufig letztes Spitalpraktikum beendet hat, kann er sich den Sommer über wieder ganz auf den Sport konzentrieren. Vorteile bringt ihm dies primär für die Erholung, für die nun mehr Zeit zur Verfügung steht.

Obwohl Hussein im Winter zwischenzeitlich durch eine gereizte Patella-Sehne behindert wurde, sollte der Formstand stimmen. «Seine Leistungswerte stimmen zuversichtlich, dass wir auf gutem Weg sind», sagt Coach Zberg. «Wenn er den Rhythmus noch ein wenig optimieren kann, ist viel möglich.»

In Luzern steht für Hussein denn auch nicht die Zeit im Vordergrund, sondern das Rhythmusgefühl. Wenn dieses stimmt, könnte es für ihn sogar der letzte Wettkampf vor der EM in drei Wochen sein. An Sparring-Partnern fehlt es nicht: Gemeldet sind gleich fünf Athleten, die schon eine Zeit unter 48 Sekunden gelaufen sind. Zum Vergleich: Husseins Bestzeit liegt bei 48,45.