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FC Bayern München: Niko Kovacs Erlösung vom langen Kesseltreiben

Das wars: Niko Kovac ist bei Bayern München Geschichte (Bild: key).

Das wars: Niko Kovac ist bei Bayern München Geschichte (Bild: key).

Nach der Trennung vom Trainer werden im Umfeld des FC Bayern München viele mögliche Nachfolger, von Rangnick über Tuchel zu Flick, gehandelt.

Rangnick? Tuchel? Allegri? Mourinho? Wenger? Zidane? Ten Hag? Xabi Alonso? Oder vielleicht doch Flick?

Seit am Sonntagabend klar geworden ist, dass es mit Trainer Niko Kovac trotz eines Vertrags bis 2021 beim FC Bayern nicht weitergeht, schiessen die Spekulationen über den Nachfolger ins Kraut. Weil sich Uli Hoeness in zehn Tagen an der Jahreshauptversammlung in der Olympiahalle von einem mächtigen Präsidenten in einen normalen Aufsichtsrat verwandelt, wird der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge bei der Wahl des neuen Trainers das Sagen haben. Dieser hatte schon vor Kovacs Anstellung im Sommer 2018 nie einen Hehl daraus gemacht, dass eigentlich Thomas Tuchel sein Mann wäre. Doch dieser entschied sich gegen die Münchner und für den PSG.

Gut möglich also, dass Rummenigge nun einen neuen Anlauf im Werben um den 46-Jährigen nimmt. Bekannt ist aber auch, dass er auf den früheren Münchner Mittelfeldstrategen Xabi Alonso steht und diesen perspektivisch als idealen Bayern-Coach sieht. Wie perspektivisch, ist dabei die Frage, denn der Baske ist erst einmal daran, in seiner Heimat bei der zweiten Mannschaft von Real Sociedad San Sebastian in der Segunda Division B seine Sporen als Trainer abzuverdienen. Ein Engagement käme daher, wohl auch aus Sicht Rummenigges, zu früh.

Wird der ehemalige Bayern-Spieler Xabi Alonso Nachfolger von Niko Kovac?

Wird der ehemalige Bayern-Spieler Xabi Alonso Nachfolger von Niko Kovac?

Hansi Flick coacht die Bayern in den nächsten beiden Spielen

In Stein gemeisselt ist deshalb einzig, wie es bei den Münchnern in den beiden Spielen bis zur Länderspielpause weitergeht. Gegen Olympiakos Piräus in der Champions League am Mittwoch und beim Knaller gegen Borussia Dortmund in der Bundesliga am Samstag wird Hansi Flick auf der Bank sitzen. Dieser ist auf diese Saison hin als Assistent in den Staff von Kovac aufgenommen worden. Der frühere Bayern-Spieler war während sechs Jahren bis 2014 Co-Trainer von Jogi Löw bei der Nationalmannschaft gewesen. Der «Kicker »schreibt, dass es bei den Bayern die Tendenz gebe, mit Flick einmal bis zur Winterpause weiter zu machen. Sollte der 54-Jährige reüssieren, wäre auch eine «Dauerlösung» möglich.

Hansi Flick (rechts) wird die Bayern mindestens für die nächsten beiden Partien betreuen - vielleicht auch länger.

Hansi Flick (rechts) wird die Bayern mindestens für die nächsten beiden Partien betreuen - vielleicht auch länger.

Kovacs Abgang nach 490 Tagen, 65 Pflichtspielen und einem 1:5-Debakel zum Schluss bei Eintracht Frankfurt (der höchsten Niederlage des FC Bayern in der Bundesliga seit mehr als zehn Jahren) ist keine Überraschung. Der in Berlin geborene Deutsch-Kroate war in München seit seinem Amtsantritt umstritten. Selbst nach dem Gewinn des Doubles in der letzten Saison wurde er in Frage gestellt. Vor allem Rummenigge war ihm im Gegensatz zu Hoeness alles andere als ein Rückhalt. Anzunehmen ist, dass der Trainer am Sonntag seinen Rücktritt auch im Wissen angeboten hat, dass mit dem Rückzug des Patrons sein Schutzschild wegbricht. Dass er sich dazu nur fünf Wochen nach dem unglaublichen 7:2-Auswärtssieg in der Champions League gegen den letztmaligen Finalisten Tottenham, nach neun Punkten aus drei Spielen in der Königsklasse und «nur »vier Zählern Rückstand auf Leader Mönchengladbach in der Bundeliga gezwungen sah, zeigt eindrücklich, wie die Traineruhren im Mia-san-mia-Land ticken: Nur Siege und Titel zählen und sonst nichts.

Nach dem Spiel in Bochum rückte Kovac von der Mannschaft ab

Kovac ist ohne Zweifel ein guter Trainer. Das hat er bei Eintracht Frankfurt mit dem Klassenerhalt aus misslicher Position und dem Pokalsieg bewiesen. Aber er ist keiner mit der besonderen Ausstrahlung eines Taktik-Gurus wie Guardiola. Bei Bayern ist er auch ein Opfer der schwachen Transferpolitik, verantwortet von Sportdirektor Hasan Salihamidzic, geworden. Und Kovac ist auch ein anständiger Trainer, der die Unterstützung der Hardcore-Fans genoss. Er hat sich lange damit zurückgehalten, seine Spieler in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Erst nach der schwachen Leistung beim 2:1-Sieg im Pokal gegen den unterklassigen VfL Bochum rückte er von der Mannschaft ab und warf ihr vor, nicht umzusetzen, was er von ihr verlangte.

Inzwischen ist klar geworden, dass er die «Kabine »verloren hatte, die Mannschaft nicht mehr hinter ihm stand. Das muss auch er selber gespürt haben, denn er war zuletzt ungewöhnlich gereizt. Kovac war in München nie ein starker Trainer gewesen, eigentlich immer einer auf Bewährung. Er hatte zu wenig den Chef gegeben und zu lange zu viel Rücksicht auf grosse Namen genommen. Als er dann davon Abstand nahm und eine Münchner Institution wie Thomas Müller auf der Ersatzbank schmoren liess, hatte er wichtige Spieler gegen sich und die Autorität bröckelte. Die Profis liessen wissen, Kovac habe keinen Plan B, es fehlten die taktischen Anweisungen und es würde zu sehr die Defensive trainiert. Es stimmt: Eine Handschrift und Weiterentwicklung war nicht zu erkennen.

Was soll ich machen? Bei Niko Kovac herrschte am Samstag Ratlosigkeit: Eine Handschrift und Weiterentwicklung der Bayern war unter ihm nicht zu erkennen.

Was soll ich machen? Bei Niko Kovac herrschte am Samstag Ratlosigkeit: Eine Handschrift und Weiterentwicklung der Bayern war unter ihm nicht zu erkennen.

Unglückliche Kommunikation

Zuletzt agierte der Trainer auch in der Kommunikation unglücklich. Erst sprach er im Zusammenhang mit Müller von einem Notnagel, den er immer einsetzen könne, wenn Not am Mann sei; vor dem Spiel bei der Eintracht erklärt er, dass deren Fans die Besten im Land seien. Und zwischendurch hatte er auf die Frage, weshalb Bayern nicht so wie Liverpool spiele, geantwortet: «Man muss die Spielertypen dazu haben. Man kann auf der Autobahn nicht mit 200 Kilometern pro Stunde fahren, wenn das Gefährt nur 100 hergibt.»

Unter dem Strich ist nachvollziehbar, dass Rummenigge «Handlungsbedarf» erkannte. Aber offenbar sogar auch Kovac, der die Trennung als «richtige Entscheidung »bezeichnete. Vielleicht auch, weil diese nach dem langen Kesseltreiben einer Erlösung gleich kommt.

Autor

Markus Brütsch

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