Interview
Schweizer Fechter vor dem Team-Kampf: «Wir werden gereizt sein»

Weltmeister Schweiz strebt heute an der EM in Düsseldorf nach einer Medaille. Teamleader Max Heinzer (31) aus Küssnacht am Rigi spricht über die Ausgangslage, und er verrät, auf welchem Parkett er weniger talentiert ist.

Stephan Santschi
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Das war vor einem Jahr in China: Steffen, Malcotti, Heinzer und Niggeler holen für die Schweiz Team-Gold. (Bild: Bo Li/Imago (Wuxi, 26. Juli 2018))

Das war vor einem Jahr in China: Steffen, Malcotti, Heinzer und Niggeler holen für die Schweiz Team-Gold. (Bild: Bo Li/Imago (Wuxi, 26. Juli 2018))

Das EM-Einzel endete für Sie am Dienstag im 1/16-Final mit der 14:15-Niederlage gegen den Ungaren Tibor Andrasfi. Was lief schief?

Max Heinzer: Nicht so viel. Den letzten Punkt habe ich mir x-mal auf Video angeschaut und er nervt mich noch immer. Im Fechten gibt es für jede gegnerische Aktion eine Lösung. Hätte ich antizipiert, wie er abwehrt und dann mit einer Finte zugestossen, wäre ich eine Runde weiter, und wer weiss, was dann noch möglich gewesen wäre. Beim Stand von 14:14 ist es aber immer auch eine Glückssache. Ich habe gut gefochten, doch gegen diesen starken Athleten hätte es eine sehr gute Leistung gebraucht.

In dieser Saison verloren Sie zum vierten Mal ein Duell mit nur einem Punkt Differenz.

Daran habe ich auf der Bahn nicht gedacht, das macht mir auch keine Angst, weil ich solche Situationen schon oft erlebt habe. Mir unterlaufen jeweils keine fatalen Fehler, ich habe einfach einen schlechten Lauf. Deshalb werde ich nun nicht nervös, sondern arbeite gezielt weiter.

Nach zweimal Silber und dreimal Bronze warten Sie im Einzel weiter auf EM-Gold.

Ich gewann mit dem Team dreimal die EM und dabei war ich kein Ersatzspieler, sondern habe immer eine wichtige Rolle gespielt. Ich kann mich also bereits Europameister nennen.

Auch Ihre Schweizer Teamkollegen wuchsen im Einzel nicht über sich hinaus. War die Stimmung gedrückt?

Keiner war so recht zufrieden mit seiner Rangierung. Doch wir sind nicht am Boden zerstört. Den Team-Weltcup in Paris haben wir im Mai gewonnen. Vielleicht hat es nun vor der Team-EM am Freitag auch etwas Gutes, wenn wir alle enttäuscht sind. Wir sitzen im gleichen Boot und werden gereizt sein. Der Teamwettkampf ist mit Blick auf Olympia ohnehin wichtiger. Wenn wir am Ende der Saison auf Platz 5 der Weltrangliste stehen, werden wir als Team und mit drei Athleten im Einzel für Tokio 2020 qualifiziert sein.

Die Schweiz wurde 2018 Weltmeister – mit Athleten, die mit Ausnahme von Ihnen nicht in der absoluten Elite vertreten sind. Was macht euch im Verbund so stark?

Der Mix aus komplett unterschiedlichen Fechtern. Michele Niggeler (27-jährig, Anm. d. Red.) ist sehr defensiv und stark bei Gegenstössen. Lucas Malcotti (24) ist unser Joker, der gerne offensiv agiert. Ihn können wir bringen, wenn wir zurückliegen und All-in gehen müssen. Benjamin Steffen (37) unser Allrounder, kann sowohl mauern, als auch den Punkt suchen. Und ich sorge mit meinem offensiven Stil dafür, dass wir früh in Führung gehen. Oder ich mache im Schlusskampf alles klar.

Nationaltrainer Didier Ollagnon verglich Sie mit Elton John: Nach innen sachlich, nach aussen ein Rockstar. Was meinte er damit?

(schmunzelt)

Das Sachliche bezieht sich darauf, dass ich jedes Training topseriös vorbereite und wohl so viel Videostudium betreibe wie kein anderer Fechter. Wenn es mir dann auf der Bahn läuft, greife ich unorthodox und spektakulär an. Ich habe viele verschiedene Angriffe in meinem Repertoire, kann verschiedene Entscheidungen treffen. Ich riskiere sehr viel und wenn ich damit erfolgreich bin, muss die Anspannung raus und ich zeige Emotionen. Das wirkt dann wie eine Show – wie bei einem Rockstar eben. Doch ich versichere Ihnen: Alles ist hart erarbeitet, jede Aktion geplant.

Hören Sie privat die Musik von Elton John?

Nein, ich bin eher unmusikalisch. Ich höre auch nicht immer das gleiche Lied vor einem Wettkampf. Aktuell tue ich mich schon genug schwer im Salsa-Kurs, den ich mit meiner Verlobten Janique als Hochzeitsvorbereitung mache. Wegen meines fehlenden Rhythmusgefühls in der Musik fällt es mir nicht leicht, den Takt zu spüren (lacht).

Wann findet die Hochzeit statt?

Im nächsten September.

Zurück zum Fechten: Wie sehen Sie die Ausgangslage für die Schweiz vor dem Teamwettkampf am Freitag?

Die EM ist der härteste Wettkampf aller Kontinentalgames. Im ersten Duell im Achtelfinal mit Finnland ist zwar ein Sieg Pflicht, doch auf europäischem Parkett gibt es kein Kanonenfutter mehr. Schon im Viertelfinal würde uns mit der Ukraine oder Dänemark ein Topteam gegenüberstehen. Auf der anderen Seite gibt es derzeit keine Übermannschaft. Im letzten Jahr waren wir EM-Vierter und einen Monat später Weltmeister. Eine EM-Medaille im Team, die erste seit 2015, ist unser Ziel, doch dafür brauchen wir durchs Band super Leistungen.

Düsseldorf. Europameisterschaften. Männer. Florett. Mannschaften: 1. Frankreich. 2. Deutschland. 3. Italien. 4. Russland.

Final: Frankreich s. Deutschland 45:26. – Um Platz 3: Italien s. Russland 45:36.

Frauen. Säbel. Mannschaften: 1. Russland. 2. Ungarn. 3. Frankreich. 4. Italien.

Final: Russland s. Ungarn 45:34. – Um Platz 3: Frankreich s. Italien 45:42.