Wer Roger Federer vor guten einem Monat im Wimbledon-Final spielen sah, der stellte sich die Frage, ob der Baselbieter dem Bad im Jungbrunnen entsprungen war. Fast fünf Stunden lang war er dem um fast sechs Jahre jüngeren Novak Djokovic ebenbürtig, hatte zwei Matchbälle und verbuchte mehr Punkte als sein Gegner.

Wie schnell solche Eindrücke verblassen, stellte jüngst Mats Wilander unter Beweis, einst selbst der Weltbeste und auch stets darum bemüht, mit seinen Aussagen zu polarisieren, sagte der Schwede: «Rafael Nadal ist der einzige Kontrahent, der Djokovic bei den US Open schlagen kann. Ich sehe niemanden anderes, der ihn bei einem Grand-Slam-Turnier über fünf Sätze bezwingen kann.» Das ist nicht nur populistisch, sondern auch falsch. Denn Anfang Juni bei den French Open hatte Dominic Thiem Djokovic in fünf Sätzen in die Knie gezwungen.

Federers Abgang – wortlos, grusslos, etwas ratlos

Aber bekanntlich ist es ja immer der letzte Eindruck, der haften bleibt. Und der war bei Roger Federer zuletzt äusserst zwiespältig. In Cincinnati verlor er in der dritten Runde in nur 62 Minuten mit 3:6, 4:6 gegen den Russen Andrey Rublev. Letztmals hatte der inzwischen 38-Jährige Anfang 2003 in Sydney gegen den Argentinier Franco Squillari ein Spiel in derart kurzer Zeit verloren. Was er auch machte - es misslang.

Federer offenbarte beim Aufschlag eklatante Schwächen, und wenn er ans Netz stürmte, wirkte das zuweilen kopflos - und war auch selten erfolgreich. Bei 19 Angriffen verlor er 12 Mal den Punkt. Federer stürmte vom Platz, ohne ein Autogramm zu geben – wortlos, grusslos, etwas ratlos. Später spielte er die Bedeutung der Niederlage herunter. «Ich war nicht mal allzu schlecht.»

Wenn er derart deutlich verliere, habe man immer das Gefühl: Was war los? Ist er verletzt, ist er krank? «Aber das ist nicht so. Ich kann ihm nur gratulieren.» Er selbst könne besser spielen, sagte Federer. Aber sein Gegner sei sehr aggressiv gewesen. «Da kannst du nicht mal zu frustriert sein.»

Sechs Mal Hoffen auf eine Initialzündung

Es zeichnete ihn schon immer aus, das Glas halb voll, statt halb leer zu sehen. Und so ist es auch vor den US Open, als er sagt: «Ich bin froh, bin ich hergekommen und hatte einige gute Trainings.» Das Wichtigste sei, dass er nicht verletzt sei. «So gut habe ich mich vor den US Open seit Jahren nicht mehr gefühlt.» Letztmals spielte Federer vor vier Jahren ohne Beschwerden bei den US Open.

2016 hatte er die Saison Ende Juli wegen Kniebeschwerden abgebrochen, 2017 erreichte er trotz eines blockierten Rückens die Viertelfinals, sprach nach dem Ausscheiden aber von einer Erlösung und war froh, «dass es endlich vorbei ist». Und im letzten Jahr begleiteten ihn Schmerzen an der Schlaghand durch den Spätsommer. Federer scheiterte bereits in den Achtelfinals, er wurde ein Opfer der Hitze, wirkte matt, ausgelaugt, und zum ersten Mal alt.

Das Glas Wein mit Frau Mirka

Nüchtern betrachtet blickt Federer auf ein hervorragendes Jahr zurück. Er gewann Turniere in Dubai, Miami und Halle, verpasste in Wimbledon nach einem hinreissenden Final seinen 21. Grand-Slam-Titel nur knapp, erreichte bei den French Open die Halbfinals, ist die Nummer drei der Welt und hat 37 seiner 31 Spiele gewonnen.

Sich an diesen Zahlenreihen aufzurichten, fiel aber selbst ihm, dem Optimisten, schwer. «Als ich wieder zu trainieren begann, hatte ich Flashbacks – von den guten und schlechten Momenten. Es war schwierig», sagte Federer. Er befindet sich in einem ständigen Kampf – gegen die negativen Erinnerungen, aber auch gegen das eigene Vergessen. Das Vergessen der Siege.

Fünf Mal hat Roger Federer die US Open von 2004 bis 2008 gewonnen und zwei weitere Male (2009 und 2015) den Final erreicht. Es fühlt sich an wie die Erinnerung an eine andere Zeit. «An die Triumphe erinnert man sich nicht so lebhaft wie an Niederlagen. Umso mehr nach einer solch engen und denkwürdigen wie in diesem Final», sagte er.

Manchmal habe er darüber nachgedacht, was er anders hätte machen können. «Aber am nächsten Tag trinkst du mit deiner Frau ein Glas Wein und denkst dir: ‹Hey, der Halbfinal war gut. Und der Final eigentlich auch.›» Er sei stolz, Teil eines begeisternden Finals gewesen zu sein.

Vielleicht hat Roger Federer sich bei diesem Glas Wein, beim Blick auf das Schweizer Alpenpanorama, auch an seinen letzten Triumph in New York vor elf Jahren und die Wochen davor erinnert. Damals hatte er letztmals so früh in Cincinnati verloren wie in diesem Jahr. Danach gewann er zum fünften Mal und bislang letzten Mal die US Open.