Australian Open

Federers Kampf gegen seine Dämonen

Roger Federer hat in seiner Karriere 13 von 20 Spielen nach einem Fünfsatzerfolg gewonnen, seit 2012 blieb er aber erfolglos.

Roger Federer hat in seiner Karriere 13 von 20 Spielen nach einem Fünfsatzerfolg gewonnen, seit 2012 blieb er aber erfolglos.

Seit fast fünf Jahren hat Roger Federer jedes Spiel nach einem Fünfsatzerfolg verloren.

Zwei Tage vor Heiligabend gewährt Roger Federer (35) seinen Anhängern rund um den Globus einen Einblick in eine Welt, die sonst im Verborgenen liegt. Aus Dubai überträgt er sein Training über die Streamingplattform Periscope live. Über eine Million Zuschauer verfolgen die 40-minütige Einheit mit anschliessender Fragerunde.

Was sie sehen: Federer, 35-jährig und im Tennis-Zirkus damit ein Relikt, befindet sich körperlich in bester Verfassung. Dafür sorgt seit über einem Jahrzehnt Fitnesstrainer Pierre Paganini, der auch an diesem Donnerstag in der Meydan Tennis Academy die Übungen seines wichtigsten Klienten orchestriert.

Ein kalkuliertes Risiko

Die Saison bereits nach sechs Monaten zu beenden, weil er «immer wieder Feuerchen» hatte löschen müssen, ist ein kalkuliertes Risiko, das Federer eingeht, um seine Karriere um «mehrere Jahre» verlängern zu können. Ein Risiko aber auch, das für Fragezeichen sorgt: Wie gut bin ich? Wie reagiert mein Körper auf lange Partien? Erste Antworten liefern die Australian Open, es sind positive. Gegen Kei Nishikori gewinnt Federer zum 25. Mal in seiner Karriere ein Spiel nach fünf Sätzen. «Ein grosser Sieg. Und wegen der Vorgeschichte ein ganz spezieller», sagt er.

Highlights des Achtelfinals zwischen Roger Federer und Kei Nishikori am Australian Open 2017

Die Highlights der Partie zwischen Roger Federer und Kei Nishikori.

Melbourne ist für Federer nicht nur Schauplatz seiner Rückkehr, sondern auch «der Ort, wo alles begann, schiefzulaufen. So gesehen treffe ich hier auf meine Dämonen», hatte er vor dem Turnier gesagt. Vor einem Jahr hatte er sich am Tag nach seinem Halbfinal-Aus gegen Novak Djokovic, beim Einlassen des Wassers für ein Bad seiner Kinder, den Meniskus im linken Knie gerissen und sich danach erstmals in seiner Karriere operieren lassen müssen.

Erinnerung an Wimbledon

Körperlich fühle er sich sehr gut. «Ich bin wieder im Winner-Modus und hätte gerne mehr. Aber ich weiss ja nicht, wie mein Körper die fünf Sätze verkraftet.» Nicht nur für den Körper, sondern auch für den Kopf wird die Partie gegen den Deutschen Zverev zur Nagelprobe. Denn Federer hat in seiner Karriere zwar 13 von 20 Partien nach einem Fünfsatzerfolg gewonnen, die letzten vier Partien aber allesamt verloren. Zuletzt im Vorjahr in Wimbledon, als er in den Halbfinals Milos Raonic ebenfalls in fünf Sätzen unterlag.

Weil der Baselbieter dort stürzte und sich erneut am lädierten Knie verletzte, beendete er daraufhin seine Saison vorzeitig. Letztmals konnte Federer vor fast fünf Jahren, im Juni 2012 in
Wimbledon, einen Fünfsatzsieg bestätigen. Nachdem er in der dritten Runde den Franzosen Julien Benneteau nach 0:2-Satzrückstand bezwungen hatte, gewann er sein bislang letztes von 17 Grand-Slam-Turnieren.

Vor anderthalb Wochen ist Federer froh, überhaupt wieder auf dem Platz zu stehen. Weit weg der Traum von einem Turniersieg, dem ersten seit Basel im November 2015. Doch nach zum Teil begeisternden Auftritten gegen Tomas Berdych und Kei Nishikori, gegen den er den 200. Karriere-Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler feiert, gilt Federer bei den Buchmachern plötzlich als Favorit.

Dass nach dem Aus des schottischen Vorjahresfinalisten Andy Murray (29) und des serbischen Titelverteidigers Novak Djokovic (29) erstmals seit den French Open 2004 die zweite Turnierwoche bei einem Grand-Slam-Turnier ohne die beiden Ersten der Weltrangliste über die Bühne geht, verstehen viele als Wink des Schicksals.

«Warum nicht?», fragt Carlos Moya, seit Anfang Jahr Trainer von Rafael Nadal, auf die Frage, ob Federer am Sonntag seinen 18. Grand-Slam-Titel feiern werde. «Wir wissen, dass er sich gegen die Besten steigert.» Obwohl er ihn nicht zu den Favoriten gezählt hatte, stimmt auch Federers Freund Yves Allégro, heute Nachwuchschef bei Swiss Tennis, dem Verdikt zu: «Bei Roger ist alles möglich.» Auch ein Sieg aus dem Nichts.

Federer, der Ausserirdische

Auf der Jagd nach seinem 18. Grand-Slam-Titel kann Federer auch auf seine Erfahrung bauen: Er hat mehr Fünfsätzer (45) bestritten als Zverev Partien auf Grand-Slam-Stufe (34). Aber selbst für ihn sind Turniersiege nach Fünfsätzern eine Rarität. Nur fünf Mal gelang ihm das.

Zahlen aber spielen für ihn kaum eine Rolle, vielmehr sein Gefühl. «Dass ich mich auch am Ende gut gefühlt habe, zeigt, dass wir gut gearbeitet haben.» Am Montag steht er keine Stunde auf Platz 17, obwohl er diesen für zwei Stunden gebucht hat. So ist das meist bei ihm.

Die Basis hat Federer in Dubai gelegt. Eine Antwort, wie gut diese ist, liefert der Viertelfinal. Jim Courier hat sie für sich schon beantwortet: «So gut habe ich Roger vielleicht noch nie gesehen. Langsam, aber sicher glaube ich, dass er ein Ausserirdischer ist», schwärmt der ehemalige Weltranglistenerste.

Das sind alle Turniersiege von Roger Federer:

Meistgesehen

Artboard 1