Fussball-EM
«Wales. Golf. Madrid. In dieser Reihenfolge.» So tickt Gareth Bale

Er ist der Talisman des Schweizer EM-Startgegners Wales und die schillerndste Figur beim EM-Halbfinalisten von 2016. Und das ist seine Geschichte.

Peter M. Birrer
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Die Probleme in Madrid sind ganz weit weg, wenn Gareth Bale bei der walisischen Nationalmannschaft weilt

Die Probleme in Madrid sind ganz weit weg, wenn Gareth Bale bei der walisischen Nationalmannschaft weilt

Claudio Thoma/Freshfocus

Was im Juli sein wird? Ob er nach Madrid zurückkehrt? Oder hört er gar auf? Kein Wort möchte er darüber verlieren, um nicht Spekulationen anzuheizen. Die Zukunft kann warten. Und sowieso: Gareth Bale hat Wichtigeres zu tun als sich mit dem Alltag nach dem Sommer zu beschäftigen.

Mit seinen Kollegen hat er sich nach Aserbaidschan aufgemacht, um mit Wales in Baku gegen die Schweiz in die EM zu starten. Und wenn Bale mit dem Nationalteam unterwegs ist, sind das für ihn keine Pflichtübungen. Ruft die Heimat, ist der 31-jährige Captain da.

Das Bekenntnis zu Wales, diese tiefe Verbundenheit - es ist ein Teil der Erklärung, warum die Menschen ihn lieben. Der andere, nicht unwesentliche: Er ist ein ziemlich guter Fussballer. Und: «Er ist zwar ein Superstar, hat aber die Bodenhaftung nie verloren.» So sagt das Stuart James, ehemaliger Profi bei Swindon Town und heute Journalist bei «The Athletic».

Der Besuch des Scouts von Southampton

Die Geschichte des Gareth Bale hat ihren Ursprung in Whitchurch, einem Vorort von Cardiff im Norden der walisischen Hauptstadt. Als Bub kickt er am liebsten mit seinem Vater und Freunden in einem Park, er hat einen feinen linken Fuss. Aber den darf er nicht einsetzen, wenn er an der Whitchurch High School mit seiner Klasse im Turnunterricht Fussball spielt. Zu gut ist er, darum führt Sportlehrer Gwyn Morris die Sonderregelung ein, dass Bale nur mit seinem schwächeren rechten Fuss spielen darf.

Seine Begabung bleibt nicht verborgen. An einem Turnier in Newport schaut ein Scout des FC Southampton vorbei. Unzählige Mal schon ist ihm an solchen Anlässen keiner aufgefallen. Aber diesmal sticht ihm ein dünner Junior sofort ins Auge, einer, der schneller rennt als alle anderen: ein Neunjähriger namens Gareth Bale.

Rod Ruddick heisst der Talentspäher, der Ende 1998 seinem Auftraggeber empfiehlt, Bale doch einen Platz in der Akademie anzubieten. Die Eltern willigen ein und fahren fortan zweimal wöchentlich von Cardiff nach Bath im Südwesten Englands, wo der FC Southampton seine Talente formt. 100 Kilometer sind es pro Weg. Doch die Familie nimmt diesen Aufwand gerne auf sich.

Gareth ist technisch versiert und wird immer schneller. Mit 14 sprintet er die 100 Meter in 11,4 Sekunden. Doch dann plagen ihn Wachstumsstörungen. «Wir wussten nicht, in welche Richtung es geht», sagt Huw Jennings, damals Akademiedirektor in Southampton. «Heute weiss ich: Wenn wir nicht an Gareth festgehalten hätten, wäre das der grösste Fehler meines Lebens geworden.»

Länderspieldebüt noch vor dem 17. Geburtstag

Bale überwindet die gesundheitlichen Schwierigkeiten. «Zum Glück ist er in jungen Jahren zu einem Mann gereift und hat die körperlichen Probleme unter Kontrolle bekommen», sagt Jennings: «Aber er hat sich vieles erarbeiten müssen.» Trotzdem kommt Bale zügig voran. Als er am 17. April 2006 bei den Profis von Southampton in der zweithöchsten Liga debütiert, ist er erst 16 Jahre und 275 Tage alt, seine Position ist die des linken Verteidigers. 40 Tage später macht er das erste Länderspiel.

Bale ist begehrt, wechselt 2007 für zehn Millionen Pfund zu Tottenham nach London. Damien Comolli, in jener Zeit Sportdirektor der Spurs, frohlockt, man habe «den neuen Paolo Maldini» verpflichtet. Aber das ist nicht die Rolle, in der die wahren Qualitäten von Gareth Bale zum Vorschein kommen. Und ganz so locker und leicht wie bis anhin funktioniert es bei Tottenham anfänglich nicht, dazu kommen verletzungsbedingte Rückschläge.

Real Madrid bezahlt sagenhafte 100,8 Millionen Euro für Bale

Harry Redknapp macht aus dem Waliser, der in seinen ersten 24 Partien in der Premier League keinen einzigen Sieg feiern konnte, einen Flügelstürmer, der in England zu einem Spektakelmacher reift. Bale lässt seine Gegner mit Leichtigkeit stehen, er sorgt mit seinen Sturmläufen für Begeisterung - auch in Madrid.

2013 überweist Real für diesn Unaufhaltsamen 100,8 Millionen Euro an Tottenham. Sein Entdecker Rod Ruddick empfiehlt ihm, umgehend Spanisch zu lernen, um die Integration zu beschleunigen. Als Bale im Estadio Santiago Bernabeu vorgestellt wird, jubeln ihm über 20000 Fans zu. Auf Spanisch sagt er: «Es ist ein Traum, für Real zu spielen. Danke für den warmen Empfang.» In der Heimat ist Ruddick «sehr stolz».

Champions-League-Final 2018. Real gegen Liverpool. Bale sitzt wie so oft nur auf der Bank. Als er eingewechselt wird, steht es 1:1. Trainer Zidane springt über seinen Schatten, wechselt Bale ein, dieser trifft zweimal und Real gewinnt die Champions League.

Champions-League-Final 2018. Real gegen Liverpool. Bale sitzt wie so oft nur auf der Bank. Als er eingewechselt wird, steht es 1:1. Trainer Zidane springt über seinen Schatten, wechselt Bale ein, dieser trifft zweimal und Real gewinnt die Champions League.

EPA/ROBERT GHEMENT

Sieben Jahre bleibt Bale bei den Königlichen. Gewinnt mit ihnen viermal die Champions League, zweimal den spanischen Meistertitel. Schiesst 105 Tore. Hat aber ein Problem: Zinédine Zidane. Unter dem französischen Trainer verbringt Bale ganz viel Zeit auf der Ersatzbank oder Tribüne.

Mijatovic schimpft - und liefert eine Steilvorlage

Im Herbst 2019 schimpft der frühere Real-Stürmer Predrag Mijatovic, Bale denke in erster Linie an die Nationalmannschaft von Wales, dann an Golf und nach all dem erst an Real. Als sich Wales für die EM 2020 qualifiziert, tanzt Bale hält die Hand an einer Wales-Flagge, auf der die Botschaft steht: «Wales. Golf. Madrid. In dieser Reihenfolge.»

In diesem Kreis fühlt sich Bale wohl, scheinbar deutlich wohler als bei Real, wo er lange im Schatten von Cristiano Ronaldo steht und offenbar auch überschaubare Lust hat, sein Spanisch zu verbessern. Sein einstiger Förderer Huw Jennings kann mit solchen Unterstellungen wenig anfangen: «Ich glaube, dass sein Spanisch so gut ist, dass er sich mühelos mit den Leuten verständigen kann.»

Was für ihn weniger zu Bale passt, ist die Glitzerwelt von Real, das Galaktische, mit dem sich der Verein gerne schmückt: «Gareth ist nicht jemand, der fünf Stunden am Tag die sozialen Medien mit irgendwelchen Posts füttert. Er ist auch kein Partygänger, sondern hält sich lieber im Hintergrund.» Von Bale heisst es, dass er drei freie Tage nicht für einen Abstecher an die Sonne nutzt, sondern lieber für einen Besuch in Cardiff, um mit Freunden eine Runde Golf zu spielen.

Erinnerungen an 2016 werden aufgefrischt

Im September 2020 lässt er sich an Tottenham ausleihen. Nun aber ist er vertraglich wieder an Real gebunden, bis 2022 verdient er in Spanien noch gutes Geld. Aber eben, das Thema ist für ihn weit weg in Tagen wie diesen, in denen sich die Menschen in Wales gerne an 2016 erinnern.

Bale feiert mit seiner Tochter den faszinierenden Sturmlauf der Waliser an der EM 2016.

Bale feiert mit seiner Tochter den faszinierenden Sturmlauf der Waliser an der EM 2016.

EPA/GEORGI LICOVSKI

Die kleine Nation mit nur 3,1 Millionen Einwohnern ist stolz auf die Fussballer gewesen, die in den EM-Halbfinal eingezogen sind, angeführt von Gareth Bale, der in jedem Gruppenspiel einmal trifft und mit 33 Treffern walisischer Rekordtorschütze vor dem legendären ex-Liverpool-Stürmer Ian Rush (28) ist.

«Für Wales ist er der Talisman», sagt ex-Profi und Journalist Stuart James, «er ist für die anderen Spieler ein Vorbild, und die Menschen im Land beeindruckt er, weil er sich nicht scheut, grossen Druck auf sich zu nehmen.» Für ihn ist es tatsächlich eine Herzensangelegenheit, für Wales anzutreten. Das darf er am Samstag wieder, zum 93. Mal in seiner Karriere.