Es hätte wohl wieder «nur eine humoristische Provokation» sein sollen: das Spruchband, das im Spiel zwischen dem FC Luzern und St.Gallen in der Gästekurve gehisst worden war.

«Fussball macht frei», stand darauf geschrieben, eine deutliche Anlehnung an den zynischen Schriftzug «Arbeit macht frei», der über zahlreichen Konzentrationslager der Nationalsozialisten prangte.

Arbeit macht frei, FC St.Gallen, Fans, Hooligans

Der Spruch ist eine Abwandlung der Torinschrift «Arbeit macht frei» über mehreren Nazi-Konzentrationslagern wie Auschwitz oder Dachau. In den rund 1000 Konzentrationslagern fielen während des Zweiten Weltkrieges mehrere Millionen Menschen dem Nazi-Terror zum Opfer.

Der Slogan "Arbeit Macht Frei"  in Auschwitz (Archiv)

Der Slogan "Arbeit Macht Frei" in Auschwitz (Archiv)

Das Banner soll wohl eine Replik auf die Aktion der Luzerner Fans im Februar sein, so sickert es zumindest aus St.Galler Fankreisen durch. Damals hatten Anhänger des FC Luzern vor einem Auswärtsspiel einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann durch die Strassen St.Gallens getrieben. Der verfolgte Mann gab sich später als Luzern-Fan zu erkennen.

Der damalige Vorfall löste grosse Entrüstung aus. Teile der Luzerner Fankurve versuchten zwar zu beschwichtigen: Die Aktion habe keinen antisemitischen Hintergrund, sondern spiele mit der in der Fussballszene angeblich üblichen Bezeichnung der St.Galler als Juden und sei zudem als Fasnachtsscherz zu verstehen.

Später entschuldigte sich der als Jude verkleidete Fan aber gegenüber dem Schweizerische Israelitischen Gemeindebund, dem grössten jüdischen Dachverband der Schweiz. Die Stadtpolizei St.Gallen zeigte gleichwohl mehrere Personen aus dem Umkreis der FCL-Fans an.

Fensterplatz im Geschichtsunterricht

Mit dem «Fussball macht frei»-Banner habe man wohl nicht zuletzt auch gegen die rigiden Kontrollmassnahmen in der Swissporarena protestieren wollen, so die Spekulationen eines FC-St.Gallen-Fans. Tatsächlich erfolgten am Stadioneingang Kontrollen der Fangegenstände, darunter auch Fahnen und Transparente. 

Wie der Spruchband mit der Aufschrift «Fussball macht frei» ins Stadion gelangen konnte, kann sich der Medienchef des FC St.Gallen, Daniel Last, nicht erklären. Ihm sei zugetragen worden, dass der Spruchband am Eingang sogar kontrolliert worden und dann für okay befunden worden war: «Falls das stimmt, ist das natürlich bedauerlich, denn dann hätte das Banner einbehalten werden müssen und wir hätten diese Diskussion nicht». 

Tweet StG

Last betont, dass sich der FC St.Gallen in aller Form von der Aktion in der Gästekurve distanziere und verweist auf das Statement auf der Klubwebsite: «Rassistische, religiöse, politische oder in jedweder Form extremistische Propaganda hat in der Gesellschaft nichts verloren», man verurteile solche Aktionen aufs Schärfste.

Text der Antirassismus-Strafnorm

Text der Antirassismus-Strafnorm

Text der Antirassismus-Strafnorm

Immerhin konnte man im Gespräch mit den Fans erreichen, dass das Banner im Lauf der Partie abgehängt wurde, so Last. Der Mediensprecher sieht darin einen kleinen Erfolg. Und welche Massnahmen trifft der FC St.Gallen nach diesem Vorfall? «Unsere Sicherheitsfachleute und Fanarbeiter werden noch enger mit den Fans zusammenarbeiten», antwortet Last. Es gelte, ähnliche Vorfälle in Zukunft unbedingt zu verhindern.

Auch innerhalb der Fanszene scheinen die anonymen Urheber des Plakats kaum Rückhalt zu geniessen: Im Fanforum des FC St.Gallen überwiegen die kritischen Stimmen, das gleiche Bild zeigt sich auch im Fanforum des FC Luzern.

Beim Dachverband 1879, der grössten St.Galler Fanorganisation, hält man sich auf Anfrage bedeckt: Man sei selber noch damit beschäftigt, die Geschehnisse des gestrigen Abends aufzuarbeiten. Einen antisemtischen Hintergrund schliesst man aber aus: «Vielmehr sollte es [das Spruchband] offenbar eine Antwort auf die Geschehnisse am letzten Gastspiel des FC Luzern in St.Gallen und eine Kritik am Auftreten der FCL-Fans sein.»

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des grössten jüdischen Dachverbandes in der Schweiz sieht in dem Spruchband einen unsensiblen Vergleich, der offenbart, dass es in den Fankurven noch an Geschichtsverständnis mangelt. «Das Banner banalisiert die grausamen Taten der Nazionalsozialisten», so Kreutner. Gefordert sei auch hier die Fanarbeit.

Aber Kreutner betont auch, dass die jüngsten Vorkommnisse in St.Gallen und Luzern Teil eines grösseren Problems seien: «Im Umgang mit den dunklen Seiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts mangelt es immer wieder an Sensibilität.» Gleichzeitig sei gesellschaftlich die Hemmschwelle gesunken, sodass diskriminierende Aktionen und Äusserungen leichter von der Hand gingen. 

Den Urhebern des fragwürdigen Banners droht nun eine Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft Luzern habe Kenntnis von dem Banner und prüfe, ob ein Anfangsverdacht wegen einer Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm gegeben ist, teilt Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei auf Anfrage von watson mit. (wst/watson.ch)

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