Ernährung

Fussball ohne Fleisch: Warum Ernährung im Sport immer wichtiger wird

Veganes Essen soll besser verdaulich sein, für Sportler ein Pluspunkt. (Symbolbild)

Veganes Essen soll besser verdaulich sein, für Sportler ein Pluspunkt. (Symbolbild)

Auf der Suche nach der bestmöglichen Leistung, wird die Ernährung der Athleten immer wichtiger. Warum das manch einen Klub trotzdem kaum kümmert.

Alain Sutter ist der Vorreiter. 1995 verzichtete der Spieler von Bayern München auf Fleischkonsum. Manager Uli Hoeness wetterte: «Ein Spieler, der kein Fleisch isst, kann auf dem Platz keine Leistung bringen.» Eine Aussage, die zu jener Zeit Befürworter fand, heute aber nachweislich falsch ist.

Vegetarische oder gar vegane Sportler gibt es immer häufiger. Und nicht erst seit der Netflix-Dokumentation «Game Changers» haben ausgerechnet jene Athleten, die wenig bis kein Fleisch konsumieren, den Ruf, besonders hart an sich zu arbeiten. Spitzensportler sein: Das bedeutet längst nicht mehr nur Leistung im Ernstkampf zu zeigen, sondern sich ideal vorzubereiten und sich richtig zu erholen.

Auch Superstar Lionel Messi bevorzugt vegetarische Ernährung.

Auch Superstar Lionel Messi bevorzugt vegetarische Ernährung.

Dies hat auch mit der Ernährung zu tun. Veganes Essen soll besser verdaulich sein, für Sportler ein Pluspunkt. Auch aus ethischen Gründen verzichten die Weltbesten in ihren Sportarten zum Grossteil auf Fleisch: Lewis Hamilton, Novak Djokovic, Tom Brady, Lionel Messi. Mit Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld setzt selbst eine ganze Mannschaft bei gemeinsamen Essen auf vegetarische und vegane Ernährung.

Wenn die Köchin transferiert wird

Wie wichtig die Ernährung inzwischen für Fussballer geworden ist, zeigt die Geschichte von Mona Nemmer. Die deutsche Ernährungswissenschafterin wird transferiert wie sonst nur die Spieler selbst. Zunächst arbeitete sie im Nachwuchs des DFB, ehe sie Pep Guardiola 2013 zu Bayern München gelotst wurde. 2016 wechselte sie auf Wunsch von Jürgen Klopp nach Liverpool. «Ich wusste sofort, dass das ein Supertransfer ist», so Klopp später.

In der Schweiz ist man noch nicht so weit. Einen eigenen Koch kennt lediglich die Nationalmannschaft. In Trainingslagern oder bei gemeinsamen Essen vor Spielen entscheidet oftmals die Menükarte des Restaurants und nicht Ernährungsexperten, was es zu Essen gibt. Einen Schritt vorwärts in diesem Bereich haben die Berner Young Boys Anfang Jahr gemacht. Der Meister und Cupsieger zählt neu auf die Expertise einer Ernährungsberaterin. Karin Frey, normalerweise im Spital Thun angestellt, hält Vorträge, berät in Einzelgesprächen und überprüft Menüpläne.

Und sie stellt fest: «Die jungen Fussballer wissen oft wenig über Ernährung.» Zum Teil sei es dem kulturellen Hintergrund geschuldet, manchmal aber auch mangels Zeit oder fehlendem Wissen. «Viele gesunde Menüs sind gar nicht so aufwendig, wie man denkt. Darum stelle ich Rezepte für die Athleten zusammen, die sie selber kochen sollen.» Und bei Spielern, die noch bei den Eltern wohnen, werden auch schon mal Mütter mit in die Beratung genommen. Junge Fussballer ernähren sich oft nicht so, wie sie sollten. «Sportlerernährung ist nicht hochkomplex. Es geht darum, die Basisernährung zu gewährleisten, damit der Körper genug Energie erhält.»

Die neue YB-Ernährungsberaterin Karin Frey.

Die neue YB-Ernährungsberaterin Karin Frey.

Den Trend, wonach sich immer mehr Sportler vegan ernähren, sieht Frey derweil kritisch. «Die Verdauung ist individuell sehr unterschiedlich. Für einige kann die vegane Ernährung tatsächlich stimmen, aber empfohlen ist dies nicht. Grundsätzlich darauf zu schliessen, dass durch vegane Ernährung die Leistungsfähigkeit höher ist, ist falsch», sagt sie. Wenn ein Sportler bereits vegan lebt, versucht die Ernährungsberaterin, dies zu berücksichtigen. «Ich würde aber keinem Sportler raten, sich vegan zu ernähren, nur um die Leistung zu steigern», so Frey.

Zwar sei es möglich, als Veganer Höchstleistungen zu bringen, aber: «Je nach Person ist es auch möglich, dass die Energie- und die Proteinzufuhr zu gering ausfallen und die Zufuhr einzelner Mikronährstoffe wie Eisen nicht gewährleistet werden kann. Es ist möglich, durch Pflanzen den Bedarf zu decken, dafür müssen aber riesige Mengen eingenommen werden.» Frey empfiehlt daher Spitzensportlern statt einer veganen Lebensweise eher eine vielseitige Kombination mit Fleisch, Fisch und vegetarisch. Auf diese Kombination setzt sie auch bei Teamessen der YB-Spieler, die jeweils ein Buffet mit ausgewogener Ernährung bereitgestellt erhalten.

Individualität ist zentral: Jeder isst anders

Für Karin Frey ist klar, dass die Ernährung im Fussball einen höheren Stellenwert einnehmen sollte, als dies heute der Fall ist. «In anderen Sportarten wie im Radsport oder in der Leichtathletik ist das Bewusstsein für eine ideale Ernährungsweise deutlich fortgeschrittener als im Fussball», beobachtet die Bernerin. Und wenn sich ein Fussballer von sich aus informiert, achte er oft nicht auf die Individualität. «Nur weil eine Ernährung richtig für Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi ist, heisst es nicht, dass sie für mich auch richtig ist», sagt Frey. «Viel wird einfach mal gemacht, weil man es so irgendwo gehört hat. Aber man kennt die Hintergründe für diese Ernährung nicht.»

Deshalb braucht es Expertise. Zu Freys Kunden gehören einige Einzelsportler, manchmal gibt es auch Athleten aus Teamsportarten, die sich bezüglich Ernährung alleine beraten lassen. Doch das Problem: Die Unterstützung des Vereins fehlt. «Zu Hause funktioniert der passende Ernährungsplan. Aber was ist im Trainingslager? Oder während einer englischen Woche mit Reisen? In solchen Situation ist die Unterstützung der Vereine wichtig.» Frey lobt dafür ihren Arbeitgeber YB: «Alle stehen hinter mir: der Trainer, der Sportchef, die medizinische Abteilung. Das ist entscheidend, damit sich die Spieler richtig ernähren können.»

Ob vegan oder nicht: Die Ernährung von Spitzensportlern wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden. Schon bald könnten Ernährungsberater genau so zum Staff gehören wie heute Physiotherapeuten. «Dadurch würde die Ernährung zu einem wichtigeren Thema, das in den Köpfen präsent ist», sagt Frey. Sie ist überzeugt: «Die richtige Ernährung ist nicht der einzige Grund für eine gute Leistung eines Sportlers, aber sie kann einen wichtigen Anteil haben.»

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