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Besser als Maradona und Pelé – in Nordirland ist George Best der Beste aller Zeiten

Das Bild an der Wand ist weg. Einfach übermalt. Wer in Belfast einem älteren Reiseführer vertraut und sich in die Woodstock Road begibt, um an einer Hausfassade den dribbelnden George Best zu bewundern, hat Pech.

Markus Brütsch
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«Ich habe immer geglaubt, ich sei der beste Spieler aller Zeiten.» George Best

«Ich habe immer geglaubt, ich sei der beste Spieler aller Zeiten.» George Best

Die bärtige Fussballlegende mit der wallenden Mähne ist vor ein paar Jahren durch einen knorrigen Baum ersetzt worden, dessen Äste angeblich die Verkehrsadern von Ost-Belfast darstellen. Mist!

Wer unbedingt sehen will, wie der «fünfte Beatle» auf einer Mauer mit dem Ball trickst, muss sich in den Süden der Stadt an die Sandy Row bemühen. Dort führt der Superstar im Trikot von Manchester United den Ball eng am Fuss und man kann sich gut vorstellen, wie er im Old Trafford seine Gegner schwindlig gespielt hat.

George Best auf einer Mauer ist das eine. George Best an einer Mauer, das andere. Wäre er aber nie an einer Mauer gewesen, gäbe es ihn heute auf keiner Mauer. Klingt kompliziert, ist aber einfach.

Der Schweizer Walter Grüter, der 1980 zusammen mit Best bei den San José Earthquakes in der Northern America Soccer League Fussball gespielt hat, berichtet: «Eines Tages hat George das Geheimnis gelüftet und mir erzählt, weshalb er als Nordire mit dem Ball genauso gut umgehen könne wie Pelé, dem als Brasilianer das Talent ja in die Wiege gelegt worden sei.»

Den Ball gegen die Mauer kicken

Best habe ihm geschildert, wie er mit zwölf Jahren in den lokalen Fussballklub eintreten wollte, aber für zu wenig gut befunden wurde. Der Trainer habe ihm geraten, vor dem Elternhaus die Abfallcontainer wegzuräumen und dann den Ball gegen die Mauer zu kicken. Tausendmal. Jeden Tag. Mit dem linken Fuss. Mit dem rechten Fuss. Mit dem Kopf.

Und genau das habe er anderthalb Jahre lang gemacht. Dann sei er wieder zum Klub gegangen, und diesmal hätten sie ihn genommen. Genauso habe Best ihm die Story erzählt, sagt Grüter, der sich glänzend mit dem humorvollen Nordiren verstanden hatte.

Lange war der junge Best dem Belfaster Verein Cregagh Boys Club aber nicht erhalten geblieben. Schon bald meldete ein Scout von Manchester United dem Trainer Matt Busby, er habe ein Genie entdeckt. Als 17-Jähriger wechselte Best zu den roten Teufeln und bestritt mit dem Nachwuchs das Blue-Stars-Turnier in Zürich.

Die englische Stürmerlegende: George Best im Trikot von Manchester United.

Die englische Stürmerlegende: George Best im Trikot von Manchester United.

Keystone

Ob er die Playboy-Bar auch kenne, fragte er Grüter viele Jahre später. Für die United absolvierte Best 466 Pflichtspiele und schoss 178 Tore. Er wurde zwei Mal englischer Meister und gewann 1968, in der Blüte seiner Leistungsfähigkeit, gegen Benfica den Europacup der Landesmeister.

Ein grosses Turnier blieb im verwährt

Vier Jahre zuvor hatte er mit der nordirischen Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen die Schweiz gespielt. Obwohl in Lausanne Torschütze, gab es eine 1:2-Niederlage und die Schweiz reiste zwei Jahre später an die WM nach England. Best, 37 Länderspiele, blieb dagegen ein grosses Turnier verwehrt.

Köbi Kuhn, der damals gegen die Nordiren aufgelaufen war, erinnert sich: «Best war ein grossartiger Spieler, schnell und technisch brillant. Ich hatte damals nach dem Spiel das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen. Ein feiner Kerl, der das Leben in vollen Zügen genoss.»

Kuhn bedauert, dass Best heute mehr mit Alkohol als mit grossartigem Fussball in Verbindung gebracht wird, räumt ein: «An jenem Abend tranken wir bestimmt nicht nur Ovomaltine.»

George Best lebt weiter

Das Trinken, unzählige Frauengeschichten, die Spielsucht und das ausschweifende Nachtleben des ersten Popstars der Fussballgeschichte sind nicht dem Mythos geschuldet. Am 1. Januar 1974 bestritt Best das letzte Spiel für Manchester United. Es folgten 17 Stationen; er spielte in Irland, in Südafrika und in Australien.

Ein Fussballfan schaut hoch zu seinem Idol: George Best faszinierte die Massen.

Ein Fussballfan schaut hoch zu seinem Idol: George Best faszinierte die Massen.

Keystone

Grüter, der heute den FC Regensdorf trainiert, kann über Best nur das Beste sagen. «Ich war vier Monate mit ihm zusammen. Wir gingen oft aus und ich habe ihn in der ganzen Zeit nur ein einziges Mal betrunken gesehen.» Beim Mittagessen habe George keinen Alkohol angerührt und bei den Spielen die Fans mit seinen Tricks entzückt. Er war 34-jährig und fit. Obwohl er pro Partie 10 000 Dollar kassierte, war er nicht abgehoben.

«Es war die Zeit, als er mit Angela, mit der er einen Sohn hatte, verheiratet war. Sie hat gut für ihn geschaut», sagt Grüter. Doch Best verlor wieder den Boden unter den Füssen. Auch eine Lebertransplantation half ihm nicht mehr, er starb 2005 mit 59 Jahren. Als er in Belfast zu Grabe getragen wurde, säumten 100 000 Menschen den letzten Weg. Die Rede hielt Premierminister Tony Blair.

Best aber lebt weiter. Ein Flughafen ist nach ihm benannt, im nächsten Jahr soll das George-Best-Hotel eröffnet werden und da ist ja auch noch das Wandbild an der Sandy Row. In Nordirland sagen die Leute: «Maradona Good, Pelé Better, George Best.»

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