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Ein Leben lang im Dienste der Young Boys – YB-Kultfigur Heinz Minder über die letzten 31 Jahre des Cupfinalisten

31 Jahre warteten die Young Boys auf einen Titelgewinn – einer, der diese Leidenszeit vom ersten bis zum letzten Tag durchlebt hat, ist Heinz «Hene» Minder (75)

François Schmid-Bechtel
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Heinz Minder ist trotz enormem Engagement für den Klub in erster Linie dankbar: «YB war immer gut zu uns.»

Heinz Minder ist trotz enormem Engagement für den Klub in erster Linie dankbar: «YB war immer gut zu uns.»

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

«Hopp YB!» Wo Heinz Minder in der Stadt auftaucht, folgt ihm der Schlachtruf. Manchmal halten die Menschen für einen kurzen Schwatz. Was er nicht als störend empfindet. Im Gegenteil. «Hene» freut sich am Interesse der Berner an seinen Young Boys. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da hat seine Frau, die den Fanshop leitete, im Jahr 25 Trikots verkauft. Meistens aber rufen die Menschen dem «Hene» bloss «Hopp YB!» hinterher. Minder ist YB. Kultfigur, allein weil er sich seit mehr als 30 Jahren in den Dienst des Klubs stellt.

Vielleicht hatte er gar keine Wahl. Aufgewachsen nur wenige hundert Meter vom Wankdorf entfernt. Der Vater, ein Heizungsmonteur und Young Boy. 52 Jahre lang. Erst als Spieler, später als Platzorganisator. Das Wankdorf wird zum zweiten Lebensmittelpunkt der Familie. Im Blick liegen Enthusiasmus und Melancholie, wenn Minder die alten Zeiten Revue passieren lässt.

Als Anfang der 50er-Jahre das Wankdorf dem WM-Stadion weichen muss, stehen die Minders in der ersten Reihe. Mit einem Dutzend anderer Kinder hämmert Heinz wochenlang jeden Abend zwei Stunden lang Nägel aus dem beseitigten Holz, das für andere Stadion-Bauten wiederverwendet wird. Am Ende der Woche gibt es jeweils Lohn: «Schoggi-Milch, Brötli und einen Zweifränkler.»

Balljunge an der WM 54

Dann die WM 1954. Minders Vater ist für die Betreuung der Schiedsrichter eingeteilt. Und Heinz kommt in allen fünf Spielen, die im Wankdorf stattfinden, als Balljunge zum Einsatz. Entzückt erzählt er: «Weil es zu wenige Garderoben gab, mussten wir uns im Heizungsraum umziehen. Als Ungarn im Viertelfinal Brasilien eliminierte, wurden die Sieger auf dem Weg in die Garderobe mit Gegenständen beworfen. Wir kriegten dermassen Schiss, dass wir uns für mehr als eine Stunde im Heizungsraum verbarrikadierten. Sicherheitsaspekte wurden damals kaum berücksichtigt.

Es gab 25 Sicherheitsleute im Stadion, zwei mit Hund, das wars. Und die Tribünen waren so nahe am Spielfeld, dass wir uns jeweils hinsetzen mussten, damit wir den Zuschauern nicht die Sicht nahmen. Dann der Final. Es goss wie aus Kübeln, innert weniger Minuten war ich seichnass. Und als Jules Rimet dem deutschen Captain den Pokal überreichte, musste der grösste von uns Balljungs den Schirm halten, damit der Fifa-Präsident nicht nass wurde. Ich habe noch ein Büchlein zu Hause mit fast allen Unterschriften jener Akteure, die in Bern gespielt haben. Einzig jene von Helmut Rahn, der im Final den Siegtreffer erzielte, fehlt mir – leider. Aber ich bin nach dem Final einfach nicht mehr bis zu ihm vorgedrungen.»

Die Schufterei im Nebenamt

Fortan träumt Minder davon, auch einmalim Wankdorf vor 62 000 Zuschauernzu spielen. Talent hat er. Aber: «Wäre ich nicht so ein fauler Siech gewesen, hätte es vielleicht für die erste Mannschaft gereicht.» Hene macht das KV und verkauft am Wochenende Schoggi-Milch im Wankdorf. 1974, mit 31, wechselt er zum Amt für Jugend und Sport, wo er bis zu seiner Pensionierung arbeitet.

Als YB Mitte der 80er-Jahre für lange Zeit ein letztes Mal blüht, reift in Minder der Wunsch, mehr als nur Fan zu sein. Er darf bei Physiotherapeut Fredi Häner über die Schultern gucken, wie er sagt. Das bedeutet auch, den Boden wischen und das Lavabo putzen. Und es bedeutet,fortan um 6 Uhr im Büro zu sein, damit erauf genügend Arbeitsstunden kommt, um nachmittags im Wankdorf zu schuften. Später, nach dem Cupsieg 1987, wird er Teambetreuer und Materialwart. Aber stets im Nebenamt.

Minder bleibt

Acht Jahre später ist bei YB der Lack ab. Der Geist der Tristesse hält den Klub als Geisel. Kein Geld, Abstieg in die NLB, Beinahe-Konkurs. Wer kann, der geht. Aber Minder bleibt, wird zu einem Pfeiler des Klubs. Für nichts ist er sich zu schade, um dem Klub in irgendeiner Form zu helfen. Mit seiner Frau, die den Fanshop führt, stellt er sich an Wochenenden an irgendeinen Weihnachtsmarkt, um YB-Utensilien zu verkaufen. Wenn am Abend 50 Franken in der Kasse sind, war es ein guter Tag. «Nichts gegen das Klee-Museum», sagt Minder. «Aber YB schien wie von der Aussenwelt abgeschnitten. Da war viele Jahre lang keine Hilfe in Sicht.»

Perspektivlosigkeit macht sich breit. Es kommt vor, dass YB-Spieler im Winterzu Hause im Mantel auf dem Sofa sitzen, weil ihnen das Geld zur Begleichung der Heizkosten fehlt. Es kommt vor, dass Spieler den Trainer um 100 Franken anpumpen. Und es kommt vor, dass vor Auswärtsspielen nicht mal mehr genügend Geld im Tresor ist, um Sandwiches für die Spieler zu kaufen. Häufig ist es Minder, der Vorschuss leistet. Da verwundert es nicht, wenn auch er mal die Zuversicht verliert. Das Mantra seiner Frau lautet: «Wir müssen YB helfen, es kommt schon gut.» In dieser Zeit ruft ihm in der Stadt keiner «Hopp YB» hinterher.

Der Marsch an die Spitze

Erst mit dem Umzug ins Neufeld 2001 und der Aussicht auf den Einzug ins neue Stadion vier Jahre später gewinnt YB wieder an Goodwill. Und mit der Übernahme durch die Rihs-Brüder sind auch die existenziellen Nöte passé. YB lässt kaum etwas unversucht, um den FCB vom Thron zu stossen. Es wird Geld in die Mannschaft, in die Organisation, in den Nachwuchs, in die Infrastruktur gepumpt. Der aufstrebende Vladimir Petkovic soll es richten. Später der Titelsammler Christian Gross. Aber Basels Position auf dem Thron ist unantastbar wie die Mumie Tutanchamuns – bis vor kurzem.

Natürlich war Heinz Minder, der unterdessen die Einlaufkids betreut, am 28. April mit seiner Frau im Stadion, als YB nach dem 2:1 gegen Luzern den ersten Meistertitel nach 32 Jahren gewann. Als sich die Möglichkeit bietet, allein und in Ruhe vom Balkon aus über den Rasen zu blicken, nutzt er diesen. Was er für YB in über 30 Jahren geleistet hat, ist in diesem Moment weit weg. Hingegen empfindet er eine tiefe Dankbarkeit für das, was ihm YB gegeben hat – die Möglichkeit, zu helfen.

Die Chancen stehen 50 zu 50

«YB war immer gut zu uns», sagt Minder. «Egal ob Spieler, Trainer oder Funktionär: Keiner hat sich je quergestellt, wenn ich ihn um Hilfe bat, Geld für den Arche-Fonds zu sammeln, der krebskranke Kinder unterstützt». Eine Stiftung, die den Minders ebenso viel bedeutet wie YB. Weshalb seine Frau, die heute auf den Rollstuhl angewiesen ist, den Reinerlös ihrer Kinderbücher dem Arche-Fond spendet.

Minder schaut auf die Uhr. Er müsse langsam los, meint er. Die beiden Enkelkinder kämen bald von der Schule und er müsse das Mittagessen zubereiten. Sicher, mit dem Sieg im Cupfinal würde für Minder ein Kreis geschlossen. «Aber», warnt Minder, «auch wenn der Final in Bern ist und wir Meister sind: Die Chancen stehen 50 zu 50.» Minder weiss, wovon er spricht. Nach 1987 hat er mit YB dreimal den Cupfinal verloren.

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