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FC-Sion-Trainer Peter Zeidler: «Ab 6 Uhr höre ich Cup, Cup, Cup»

FC-Sion-Trainer Peter Zeidler sagt, wie es zum Engagement beim FC Sion gekommen ist und erklärt seine Fussballphilosophie.

Markus Brütsch
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Peter Zeidler: «Sion ist genau der Arbeitsplatz, den ich mir gewünscht habe.»

Peter Zeidler: «Sion ist genau der Arbeitsplatz, den ich mir gewünscht habe.»

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Peter Zeidler, kaum waren Sie in der Schweiz, steckte man Sie schon ins Gefängnis.

Peter Zeidler: Es war eine grandiose Erfahrung. Wir besuchten mit dem FC Sion eine Haftanstalt in der Nähe von Yverdon und haben gegen die Gefangenen Volleyball gespielt. Unser Stürmer Léo ist zwei Meter hoch gesprungen − das war sehr beeindruckend. Das Ganze war ein sehr wertvoller Teambildungsevent.

Wieder auf freiem Fuss, haben Sie nach dem Sieg gegen Vaduz auch gegen Thun gewonnen und sind als neuer Trainer optimal ins Abenteuer FC Sion gestartet.

Wir mussten gewinnen. Ich weiss nicht, was hier in den letzten Wochen los gewesen wäre, wenn wir diese Spiele verloren hätten. Tabellenletzter! Krise! Der FC Sion verkauft die besten Spieler! – so hätten wohl die Schlagzeilen gelautet. Und es hätte geheissen: Selbst der neue Trainer kann nichts ausrichten, mit dem verliert man auch.

Kaum sind Sie beim FC Sion angekommen, wurden mit Léo Lacroix und Edimilson Fernandes zwei Leistungsträger verkauft.

Ich wäre schon froh, wenn sie noch da wären. Aber ich stelle auch fest, wie stolz der Verein ist, dass er einen Spieler für 7 Millionen Franken zu West Ham und einen für 3,5 Millionen zu Saint-Etienne verkaufen konnte. Als Trainer akzeptiere ich das und gehe zur Tagesordnung über.

Um gleich den Zoff um die Captainbinde zwischen Vero Salatic und Reto Ziegler schlichten zu müssen.

Ich war erstaunt, was für ein grosses Themadies wurde. Ziegler und Salatic sind Leaderfiguren. Weil die Binde aber nur einer tragen kann, macht dies Ziegler.

Noch bis vor einem Monat waren Sie in der Schweiz ein unbeschriebenes Blatt.

Aber nicht bei Christian Constantin, dem Präsidenten des FC Sion. Wir kennen uns schon lange. Allerdings hatten sich die Kontakte auf Telefongespräche beschränkt. Es ging um Informationen aus Deutschland und Frankreich. Ich war für ihn wohl vor allem der Deutsche, der mal beim FC Tours gearbeitet hatte.

Deutsche Trainer in Frankreich sind aus sprachlichen Gründen rar.

Ja, aber ich habe viele Jahre am Gymnasium französisch unterrichtet und hatte eine gute Saison beim FC Tours in der Ligue 2. Ich liebe die französische Sprache. In Sitten imponiert mir die Zweisprachigkeit. Es gibt deutsch und vor allem französisch. Da taue ich so richtig auf. Für Spieler wie Theofanis Gekas ist es jedoch wichtig, wenn jemand deutsch spricht. 2007 durfte ich mit einer Gruppe deutscher Fussballlehrer – unter anderem waren Bruno Labbadia, Thomas Tuchel und Marc Wilmots dabei − in Basel bei Christian Gross hospitieren. Wir waren beeindruckt, in wie vielen Sprachen er mit den Spielern kommunizierte.

Sie hätten jetzt sogar noch ungarisch lernen können.

Bis vor gut vier Wochen war ich mir sicher, künftig in Ungarn zu arbeiten. Es war alles geregelt. Ich sollte die U21 übernehmen und die Verantwortung für den Nachwuchs. Ich hatte meine Koffer gepackt und der Flug war reserviert. Dann kam der Anruf von Constantin: Können wir reden? Ich fuhr ins Wallis, wir diskutierten zwei, drei Stunden, spürten, dass es passt und machten gleich den Vertrag.

Warum ist der Job beim FC Sion interessanter als jener in Ungarn?

Hier gibt es Zuschauer. In Ungarn wäre das erste Spiel mit der U21 gegen Liechtenstein gewesen. Da wären 14 Zuschauer gekommen.

Aber Sie hätten gewonnen.

Und Prämien erhalten.

Und würden nicht wie beim FC Sion auf einem Schleudersitz sitzen.

Ich bin noch immer im Amt! Spass beiseite: Ich habe Christian Contantin als einen grossen Fussballliebhaber kennen gelernt. Als einen, der das Spiel und seine Spieler liebt. Wir hatten etliche Gespräche mit Spielern. Es war höchst interessant zu sehen, welch guter Psychologe er ist. Aber natürlich bin ich immer noch dabei, ihn zu entdecken.

Einige frühere Trainer des FC Sion wie Uli Stielike, Victor Muñoz und Didier Tholot waren selber gute Spieler gewesen, Sie aber nicht. Ein Nachteil?

Ich habe grossen Respekt vor jenen, die früher Profis waren und nun Trainer geworden sind. Ich erwarte aber denselben Respekt auch gegenüber Trainern wie mir, die nie selber auf hohem Niveau gespielt , sondern eine akademische Karriere eingeschlagen hatten. In Deutschland gab es, initiiert von Mehmet Scholl, die berühmte Diskussion über die jungen Laptop-Trainer ...

... zu denen auch Sie gezählt werden.

Dabei bin ich gar nicht so gut am Laptop ... Ich bin eher der Praktiker.

Eine österreichische Zeitung hat über Sie geschrieben: «Seine Philosophie sieht frühes Attackieren im Schwarm vor, hohes Verteidigen auf der Linie, Spiel durch die Mitte und das Vernachlässigen der Räume an den Flanken.»

Das ist eine korrekte Beschreibung. Wobei: Vernachlässigen der Räume an den Flanken − es gibt im heutigen Fussball die Flanke zwar noch, aber weniger von den Seitenlinien, als von der Strafraumgrenze.

Wie gehen Sie mit Spielern um?

Ich bin Pädagoge. Ich habe gelernt, harte Entscheidungen zu treffen. Wie jetzt beim FC Sion, wo ich mich entschieden habe, mich von Assistenztrainer Amar Boumilat zu trennen, weil ich das Gefühl hatte, dass er wie ein Cheftrainer funktioniert ... Ich war lange mit Ralf Rangnick beim VfB Stuttgart, Hoffenheim und Salzburg zusammen. Er hat mir mitgegeben, was es im Verhältnis zu den Spielern braucht: Liebe und Konsequenz. Fachkompetenz hilft nichts, wenn man die Spieler nicht mag.

Wollen Sie mit Sion spielen wie mit Salzburg: Kompromissloses Pressing?

Bei Salzburg haben wir einen extremen Stil gespielt. Vor allem unter Roger Schmidt, etwas weniger unter Adi Hütter. Da kam immer wieder die Diskussion auf: Sollte man nicht etwas mehr Ballbesitz haben und die Pressinglinie zurücksetzen? Spitzentrainer wie Tuchel oder Martin Schmidt von Mainz wissen, dass man ab und zu den Ball haben sollte.

Welches Verhältnis haben Sie zu Adi Hütter, dessen Nachfolger Sie in Salzburg wurden?

Ein sehr gutes. Als Roger Schmidt nach Leverkusen ging, gab es zwei Kandidaten für die Nachfolge bei Red Bull: Hütter und mich. Sie nahmen Hütter. Ich habe ihm gratuliert. Ich freue mich, ihn in einer Woche zu sehen, wenn wir gegen YB spielen.

Sie haben bei Hoffenheim und Salzburg gearbeitet, Klubs, die bei Traditionalisten in der Kritik stehen, weil unendlich viel Geld hineingebuttert wird. Wie stehen Sie dazu?

Red Bull ist ein Klub, der unter anderem an die Verkaufszahlen seiner Produkte denken muss. Aber ich habe mit tollen Menschen und Teams arbeiten dürfen. Man hat grossartige Bedingungen. Allein das Trainingszentrum hat zirka 70 Millionen Euro gekostet. Wir hatten Forscher, die den ganzen Tag dagesessen sind und ausgetüftelt haben, wie man Tore schiesst. Richtige Akademiker eben. Ich habe viel gelernt. Was die alles messen! Wir haben jeden Tag Blut genommen. Zum Schluss habe ich allerdings dagegen gekämpft und gesagt: Fragt den Spieler lieber, wie es ihm geht, bevor ihr ihm Blut nehmt.

Dafür konnten Sie in Salzburg vermutlich viel mehr verdienen als in Sion.

Salzburg hat unendlich Geld. Aber Millionenhabe ich als Trainer dort nicht bekommen; die Spieler vielleicht, aber nicht ich. Das grosse Vorbild in Salzburg ist der FC Basel. Man sagt sich immer: Es kann doch nicht sein, dass die Schweizer immer Champions League spielen und wir nie, obwohl wir einen höheren Etat haben. Es zeigt aber, dass Basel grandios arbeitet, und Salzburg eben nicht.

Christian Schwegler, der bei Salzburg unter Ihnen gespielt hat, sagt, Sie seien ein hoch emotionaler Trainer, der aber manchmal etwas «überpace».

Ich mag Christian sehr. Er war unter Roger Schmidt und Hütter wegen seiner taktischen Fähigkeiten ein enorm wichtiger Spieler. Bei mir aber war er bald einmal verletzt, dann habe ich ihn leider zu früh forciert. Vermutlich hat er ja recht, was er über mich gesagt hat: Als Trainer muss man sich entwickeln, und auch ich darf mal ruhiger werden.

Schwegler könnte Ihnen erzählen, welche Bedeutung der Cup in Sitten hat. Mit YB hat er gleich zwei Finals gegen Sion verloren.

Ich habe in den letzten Wochen erfahren, was für eine Rolle der FC Sion in der Region spielt, wie wichtig er für die Identität des Wallis ist. Das war für mich eine sehr positive Überraschung. Jetzt aber, wo wir im Cup gegen Xamax antreten, scheint es hier nur noch den Cup zu geben. Ab sechs Uhr morgens konfrontiert mich jedermann mit diesem Thema. Da höre ich nur Cup, Cup, Cup. Unglaublich.

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