Champions League

FCB-Captain Marek Suchy: «Die russische Liga ist besser als ihr Ruf»

Der eine ist heute FCB-Sportchef, der andere FCB-Captain: Marco Streller und Marek Suchy im Europa-League-Spiel zwischen Basel und Spartak Moskau im Februar 2011. KEY

Der eine ist heute FCB-Sportchef, der andere FCB-Captain: Marco Streller und Marek Suchy im Europa-League-Spiel zwischen Basel und Spartak Moskau im Februar 2011. KEY

Vier Jahre spielte FCB-Captain Marek Suchy in der russischen Liga. Am Mittwoch trifft er mit dem FC Basel auf ZSKA Moskau. Der bz erzählt der Verteidiger von seinen Erlebnissen in Russland.

Seine Frau hatte es ihm noch gesagt. Bestimmt würde der FC Basel nun ZSKA Moskau als dritten und letzten Gegner bekommen. Und Alyona Suchy sollte recht behalten. Als am 24. August die Champions-League-Gruppen ausgelost wurden, wollte es das Schicksal tatsächlich so, dass der FCB und ZSKA aufeinandertreffen. Für viele reichlich unspektakulär, ist es für Alyona Suchys Mann «sehr speziell und ich freue mich sehr darauf», wie dieser erzählt. Vier Jahre lang spielte er für ZSKAs grössten Konkurrenten Spartak Moskau.

Marek Suchy verteidigt 2011 für Spartak Moskau gegen Jacques Zoua.

Marek Suchy verteidigt 2011 für Spartak Moskau gegen Jacques Zoua.

Wiederum viereinhalb Jahre nachdem er Spartak verlassen hat, sitzt Marek Suchy in der «Rotblau»-Bar. Mit einem Espresso vor sich schwelgt der FCB-Captain in Erinnerungen. Er ist sonst eher zurückhaltend, schwingt keine langen Reden. Geht es aber um seine alte Heimat, sprudelt es aus ihm heraus. «Auch wenn ich keine Zeit haben werde, um in die Stadt zu gehen, freue ich mich einfach, wieder einmal dort zu sein.» Immer wieder betont er, wie glücklich er über diese Rückkehr ist, auf die er schon lange gehofft hatte. «Seit ich Moskau verlassen und nach Basel gewechselt habe, wollte ich wieder mal zurückgehen, aber ich hatte einfach keine Zeit. Meine Frau und ich haben die Zeit dort wirklich sehr genossen. Jetzt wenigstens zwei Tage dort zu sein, ist schön.»

Auch die Motivation sei speziell gross, denn Suchy weiss, was ihn erwartet: Ein volles Stadion, eine gute Stimmung in einem Land, in dem Fussball die Lieblingssportart ist und vor allem der Ort, an dem er ein paar seiner bislang intensivsten Momente erlebt hat: «Die Derbys zwischen Spartak und ZSKA sind die grössten und wichtigsten Spiele der ganzen Liga. Das Stadion war mit fast 80 000 Zuschauern immer voll. Das ist die grösste Kulisse und Atmosphäre, vor der ich je gespielt habe.» Die Bedeutung der Duelle war gar so immens, dass ein Sieg in diesen Spielen alles war. «Dann war egal, was du den Rest der Saison gemacht hast», sagt Suchy und lacht.

 

Erinnerungen an den 5:0-Sieg gegen Benfica



 

45-Minuten-Fahrten ins Training

Und auch wenn er vom Leben in der Stadt und den schier endlosen Möglichkeiten schwärmt, die diese Metropole Bewohnern und Besuchern bietet, sagt er: «Vier Jahre in Russland waren genug für mich. Solange du da bist, ist es okay. Aber wenn du aussuchen kannst und es nur um den Lebensstil und nicht um den Fussball geht, dann willst du nicht zu viel Zeit dort verbringen.»

Zu gross waren ihm die Unterschiede zwischen jenen, die Luxus geniessen können, und dem Rest. Zu kompliziert die Besuche der Familie, die jedes Mal Anträge für ein Visum stellen musste. Zu schlecht die generelle Infrastruktur, «deren Renovation für die WM teilweise wirklich dringend nötig war». Und zu strapaziös schlussendlich auch das Leben als Fussballer.

Im Alltag war ein persönlicher Fahrer zwingend, Taxis sind keine Option, weil die Löhne in dieser Branche «schrecklich» und die Bedingungen damit «viel zu gefährlich» sind, wie Suchy sich erinnert. Aber nicht nur das: «An Auswärtsspiele muss man fliegen, weil die Distanzen so weit sind. Da ist man sofort zwei Tage weg von zu Hause. Das ist weder für den Spieler noch für die Familie einfach.» Die Geburt seiner Tochter habe diese Gefühle verstärkt. Jeden Tag 45 Minuten ins Training zu fahren und 45 Minuten wieder zurück – «und das auch nur ohne Stau» – das wollte er nicht mehr. «Trotzdem war ich glücklich in meiner Zeit dort und ich möchte die Erfahrung nicht missen.»

Denn sie hat ihm auch eine andere Fussballwelt gezeigt. Eine, in der regelmässig sechs Teams um den Titel kämpfen – die vier aus Moskau plus Zenit St. Petersburg sowie Rubin Kasan. «Sie alle hatten gute Kader, vor allem im Sturm waren beinahe nur Ausländer, die schon einen grossen Namen hatten», erzählt Suchy und erinnert sich an die Duelle mit Hulk, Seydou Doumbia oder Vagner Love. «Die starken Teams versuchen guten, gepflegten Fussball zu spielen.» Jene am Tabellenende hingegen setzen auf «defensiven, physischen und kampfbetonten Fussball.» Im Vergleich zu der Schweiz sei die Liga in seiner Zeit in Russland an der Spitze kompetitiver gewesen «und sie ist besser als ihr Ruf! Die meisten Leute kennen die Liga einfach nicht, haben keine Berührungspunkte mit ihr. Aber ich sehe die Qualität auf einem sehr guten Level.»

Für Suchy, der in seiner Zeit bei Spartak fliessend Russisch zu sprechen lernte, wäre aber noch mehr Potenzial vorhanden, würde es mehr Fluktuation und Ambitionen geben: «Russische Spieler haben aufgrund der hohen Löhne keine Motivation, das Land zu verlassen. Man sieht keine grossen Transfers von Russen nach Europa. Sie verdienen viel, haben alles und daher keinen Ansporn, in eine stärkere Liga zu gehen und sich weiterzuentwickeln. Das ist sehr schade, weil sie wirklich talentierte Spieler hätten. Aber ein Verbleib ist gemütlicher.» Und genau so hat er seine russischen Mitspieler erlebt: Sie gewöhnen sich nicht gerne an neue Orte, bleiben lieber in der Komfortzone im eigenen Land.» Suchy ist anders. Wissbegierig, ambitioniert. Vielleicht sagt er auch deshalb, dass er heute nicht mehr dort leben könnte. Die emotionale Rückkehr kann er trotzdem kaum erwarten.

 

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