Fussball-WM
Fussballmuffel finden Trost in der Philosophie

Eine Mitteilung in eigener Sache: Dieser Tage erreichen die Redaktion Klagen über die Quantität unserer Berichterstattung zur Fussball-WM.

Gieri Cavelty
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Nicht alle lassen sich so vom Fussballfieber anstecken.

Nicht alle lassen sich so vom Fussballfieber anstecken.

Keystone

«Es passieren noch andere, wichtige Dinge», mahnt etwa Herr U. aus A. Und Frau Dietiker aus Rüfenach wie auch Herr Grimm aus Würenlos meinen: «Eine Zumutung!»

Selbstverständlich nehmen wir diese Zuschriften ernst, und wir achten darauf, dass nicht alles nur rund und ledern ist in unserer Zeitung. Selbstverständlich werden wir in unserer Berichterstattung aus den Gebieten Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur während der WM nicht nachlassen. – Darüber hinaus hilft dem landläufig als «Fussballmuffel» verunglimpften Zeitgenossen womöglich aber auch ein Perspektivenwechsel: Wem der emotionale Zugang zu dieser Sportart fehlt, der könnte es mit einem intellektuellen Zugang zumindest versuchen. Denn allgegenwärtig wird Fussball in den nächsten Wochen auch dann sein, wenn man der Zeitungslektüre entsagt. Eine möglichst wohlwollende Haltung zu Brasil 14 ist in jedem Fall also gut für die Psyche.

Der Trendforscher Matthias Horx beispielsweise sieht im Fussball ein Vorbild für eine friedvolle Globalisierung: «Im Fussball kann der alte Wir-Mensch, der für die Seinen kämpft, seine Energien schadlos einsetzen», schreibt Horx im 2011 publizierten Buch «Das Megatrend-Prinzip». Und weiter: «Fussball ist regional und grenzenlos. Diese Spannung zwischen Globalität und lokal verwurzelter Anhänglichkeit macht Fussball zum schönsten Massenritual der ‹Glokalisierung›.»

Wem das zu simpel ist, mag sich am noch druckfrischen Buch von Martin Gessmann versuchen: «Mit Nietzsche im Stadion». Der Autor liest die Entwicklung des Fussballspiels – von der Rolle des Trainers bis zur Mannschaftsaufstellung – als Ausdruck des jeweiligen Zeitgeists. Dass etwa der Philosoph Martin Heidegger in den Sechzigerjahren wie ein Teenager für den Offensiv-Libero Franz Beckenbauer schwärmte, interpretiert Gessmann als Kompensation: «Der Libero war Ersatz geworden für eine gesellschaftliche Option, die Heidegger mit seiner anfänglichen Sympathie für den Nationalsozialismus verspielt sah.» Der Autor, Professor für Kulturtechnik und Herausgeber des Philosophischen Wörterbuchs, belässt es freilich nicht bei Einzelfiguren: Martin Gessmann sieht im Fussball ein Brennglas dafür, wie Staaten und Gesellschaften grundsätzlich funktionieren. So wird der Trainer zum «Verfassungsgeber» und der heutige Fussball in drei «Staatsformen» unterschieden: Wer im Sinne des «Liberalismus» spielt, steht nicht nur (und wohl eher unbewusst) in der geistigen Tradition des Frühaufklärers John Locke – er will vor allem einfach nur gewinnen. Den «Republikaner»-Mannschaften indes sind Fairness und Gleichberechtigung innerhalb des Teams mindestens ebenso wichtig. Die Vertreter des «Ästhetizismus» schliesslich sind Kinder der Postmoderne und wollen selbst dann mit Kunststücken brillieren, wenn sie damit einen Sieg verspielen.

Gewiss zielt der Fussballphilosoph sehr hoch, und er verdribbelt sich mit seinen Vergleichen immer mal wieder. Dem aufgeschlossenen «Fussballmuffel» kann das Buch «Mit Nietzsche ins Stadion» dennoch jene überraschenden Denkanstösse bieten, die ihn mit seiner Umwelt vielleicht etwas versöhnen. Und wenn nicht: Das Wissen um die geistesgeschichtliche Einbettung noch des profansten Eckstosses ermöglicht einem wenigstens eine ironische Distanz zum dominierenden Thema dieser Tage. – Erst recht empfiehlt sich ein solcher Lesestoff natürlich für Fussballfans. Nur sind diese derzeit schon mit der Lektüre der Zeitung ausgelastet ...

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