Gastbeitrag

«Hey, für diesen Menschen zerreissen wir uns»: Das sagt Joachim Löw über seinen langjährigen Gefährten Hansi Flick

Hansi Flick (links) und Joachim Löw feiern gemeinsam den WM-Titel 2014.

Hansi Flick (links) und Joachim Löw feiern gemeinsam den WM-Titel 2014.

Hansi Flick vom FC Bayern ist als Trainer durchgestartet. Vor dem Cupfinal gegen Leverkusen nennt sein langjähriger Gefährte Joachim Löw die Gründe.

Persönlich kennen gelernt habe ich Hansi nach der Sommermärchen-WM 2006, als ich als Nachfolger von Jürgen Klinsmann Bundestrainer wurde und einen Assistenten brauchte. Ich kannte seine Arbeit bei Hoffenheim, mehr aber nicht. Teammanager Oliver Bierhoff hatte recherchiert und neben anderen Hansi ins Spiel gebracht. Dieser war damals noch bei Salzburg unter Vertrag. Dann haben wir uns in München zum Essen getroffen. Hansi überzeugte mich in den Gesprächen mit seinen Ansichten über den Fussball. So haben wir uns am Ende für ihn entschieden.

Wir haben uns dann die Aufgaben mehr oder weniger geteilt. Uns abgesprochen: Wer macht welche Analyse, wer beobachtet wen? Wir haben gemeinsam das Training besprochen und geleitet, denn zu jenem Zeitpunkt zählte nur noch Torhütertrainer Andy Köpke zum Trainerteam.

Ja, Hansi war ein sehr guter Partner. Er hat vieles organisiert, vieles bis ins Detail dokumentiert. Darin ist er richtig stark. Wir haben ein enges Verhältnis gehabt, auch ein Vertrauensverhältnis. Hansi ist äusserst zuverlässig, extrem ehrlich und offen. Mittlerweile sind wir gute Freunde.

Manchmal schätzt man ihn am Anfang etwas falsch ein. Auch ich habe in den ersten Wochen und Monaten gedacht, der Hansi sei eher introvertiert, einer, der seine Gefühle nach aussen nicht so zeige. Falsch! Er geht auf Leute zu, liebt die Kommunikation und die Gesellschaft. Er spricht über alles, und ja, er ist extrovertiert. Er hat eine gute Art von Humor und den Schalk im Nacken. Manchmal kommt dann das Kind in ihm zum Vorschein.

Hansi war acht Jahre mein Assistenztrainer und zusammen wurden wir 2014 Weltmeister. Er hatte indes schon vor der WM anklingen lassen, mal wieder etwas anderes machen zu wollen. Als Sportdirektor Robin Dutt dann den DFB verliess, besprachen wir, wer die ideale Person für eine solche Aufgabe sein könnte, und kamen auf Hansi. Der sich in den Nachwuchs-Bereichen gut auskennt und vernetzt ist.

Als er vor einem Jahr dann bei Bayern Assistenztrainer wurde, habe ich noch nicht gedacht, er werde dort mal Cheftrainer. Ich wusste aber von Spielern bei Bayern, die froh waren, dass Hansi als Assistent kam. Sie kannten ihn vom Nationalteam und haben sein Kommen sehr begrüsst.

Seine Erfolge mit den Münchnern haben mich jetzt nicht wahnsinnig überrascht. Es gibt zwei wichtige Komponenten, die Hansi erfüllt. Erstens, seine Philosophie, wie offensiv er Fussball spielen lässt. Sein Vorgänger Niko Kovac war defensiver orientiert. Hansi hat der Mannschaft, die eh immer viel Ballbesitz hatte, offensive Lösungen vermittelt. Diese waren so gut, dass er sein Team taktisch noch einen Schritt weitergebracht hat. Auch gegen mit Mann und Maus verteidigende Gegner erzielen die Bayern nun immer viele Tore und arbeiten sich jede Menge Chancen heraus.

Zweitens: Hansi hat eine sehr empathische Art. In einer Situation, wie sie bei Bayern herrschte, sind Gespräche und Verständnis auch für private Dinge besonders wichtig. Bei Hansi bekommen die Spieler das Gefühl: Hey, der Trainer ist auch nur ein Mensch, ein guter obendrein und ehrlich. Sie sagen sich: Für den zerreissen wir uns. Hansi kann gut zuhören und als Assistent von Kovac hat er ausgleichend gewirkt. Aber die Spieler haben auch gesehen, wie loyal er zum Trainer gestanden ist. Und: Damit es keine Missverständnisse gibt: In der Sache ist Hansi hart und diszipliniert.

Diese Kombination von hoher Fachkompetenz und grosser Empathie für sensible Verbindungen in einer Mannschaft machen ihn zu einem so guten Trainer. Das Team ist homogen; auch die Spieler, die nicht spielen, akzeptieren die Situation, weil Hansi mit ihnen spricht. Alle haben das Gefühl, zusammen mit dem Trainer ein Team zu sein. Hansis Schwächen? Ehrlich: Bisher hat er noch keine offenbart.

Im Moment sind die Chancen der Bayern in der Champions League schwierig abzuschätzen. Wer wird im August in Form sein? Die Spanier, Engländer oder die Bayern nach vier Wochen Pause? Stand jetzt sage ich aber: Ja, die Bayern können die Champions League gewinnen. Drei, vier Teams haben etwa dasselbe Niveau, aber unterschiedliche Voraussetzungen.

Wenn Sie mich fragen, ob mir Hansi ständig damit in den Ohren liegt, Thomas Müller und Jérôme Boateng wieder ins Nationalteam zurückzuholen, dann antworte ich: Nein, das würde er nie machen. Genauso, wie ich ihm nie in seinen Job bei Bayern dreinreden würde. Aber ich habe schon registriert, wie gut Hansis Art einem Boateng getan und wie stark er Müller gemacht hat. Das sind seine Verdienste.

In den Ohren liegt er mir aber mit anderen Dingen. Der Terminkalender ist so eng, dass man gut planen muss, um die Gesundheit der Spieler nicht zu riskieren. Hansi fragt: Können wir etwas machen mit den Länderspielen? Ich denke aber nicht, dass wir im September in der Nations League ohne die Bayern-Spieler in die Schweiz kommen werden. Die Nationalmannschaft ist seit letztem November nicht mehr zusammen gewesen. Jetzt müssen wir uns schon wieder einmal sehen und einen Anfang machen.

Aufgezeichnet von Markus Brütsch

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