Als sich der Abend im Regen von Riga dem Ende zuneigt, erscheint Valon Behrami gut gelaunt aus den Katakomben. Sein Lachen verrät grosse Zufriedenheit. Achtes Spiel, achter Sieg. Alles gut nach dem erneut souveränen Schweizer Auftritt!

Doch dann schaut man Behrami zu, wie er zum Teambus humpelt. Der Schmerz ist bei jedem Schritt sichtbar. Obwohl er selbst keine Miene verzieht. Und man ahnt: Den Fussballer Valon Behrami gibt es nicht mehr ohne körperliche Leiden.

Bittere Tränen nach dem WM-Out 2014

Um zu erklären, was dieses Schweizer Nationalteam für Behrami bedeutet, reicht eine Episode. Es ist der 25. Juni 2016, die Schweiz ist im EM-Achtelfinal im Penaltyschiessen gegen Polen ausgeschieden. Behrami versucht, die Enttäuschung in Worte zu fassen. Es gelingt ihm nicht. Er bricht in Tränen aus. Tränen, welche die ganze Schweiz berühren. Denn die Schweiz hat Behrami lieb gewonnen. Er ist zur Symbolfigur eines Teams geworden, das viele Herzen erobert hat.

In jenem Moment nach der EM weiss Behrami nicht, ob er im Nationalteam weiterspielen kann und will. Der Körper sendet Signale. Doch dann schaltet sich plötzlich seine Tochter Sofia ein:

«Papi, schade habt ihr im Penaltyschiessen verloren!»
«Ja, ich weiss.»
«Warum bist du so traurig? Ist doch kein Problem. Das nächste Mal klappt es!»
«Ja, aber ich weiss nicht, ob es ein nächstes Mal gibt.»
«Warum denn nicht? Ich will dir nochmals zuschauen können!»

In jenem Moment realisiert Behrami: Die Geschichte zwischen ihm und der Schweizer Nationalmannschaft ist noch nicht zu Ende geschrieben. Es ist eine Geschichte, die auch einmal kompliziert war. In jungen Jahren fühlte sich Behrami häufig unverstanden. Von Teamkollegen, von der Öffentlichkeit, manchmal hatte man auch das Gefühl, er steht sich selbst etwas im Weg.

Heroischer Einsatz in Brasilien

An drei Weltmeisterschaften war Behrami schon dabei. Wobei er 2006 nur zwei Minuten spielte und 2010 beim ersten Einsatz gegen Chile die rote Karte sah. 2014 in Brasilien kann dann die grosse Versöhnung. Mit seinem heroischen Ritt über das gesamte Spielfeld leitete er das 2:1-Siegtor gegen Ecuador ein.

Das 2:1 von Haris Seferovic gegen Ecuador an der WM 2014 in Brasilien – eingeleitet von Valon Behrami

Unter Vladimir Petkovic ist er in der Hierarchie noch einmal aufgestiegen. Egal, wie der Gegner heisst, der 32-Jährige fightet als wäre es sein letztes Spiel des Lebens. Diese Einstellung, diese Leidenschaft auf dem Platz macht ihn unverzichtbar.

Und doch naht nun das Ende. Weil der Schmerz peinigt. Als Behrami das 3:0 gegen Lettland aufarbeitet, spricht auch diese Gewisseheit aus ihm. Er schaut in die jungen Gesichter um ihn herum, sagt dann: «Sie dürfen so eine Herausforderung wie das Spiel in Portugal unbelastet angehen. Ich aber weiss: Es ist wohl die letzte Chance meiner Karriere auf ein grosses Turnier.»

Darum sehnt Behrami jetzt schon den Showdown gegen Portugal am 10. Oktober herbei. «Für solche Spiele lebe ich. All die Emotionen und der Druck! Das ist grossartig.» Die Frage ist nun einfach, ob er innert drei Tagen zwei intensive Spiele bestreiten kann. Oder ob ihn Nationaltrainer Vladimir Petkovic gegen Ungarn pausieren lässt.

Die Rolle, die der Schweiz behagt

Behrami ist mit seinem unbändigen Willen ein Symbol für diese Mannschaft geworden, die einfach immer weiter gewinnt. Gleichzeitig ist auch er immer wieder dieser einen Frage ausgesetzt: Wie gut ist diese Schweiz wirklich?

Es herrscht ein diffuses Gefühl rund um dieses Team, irgendwo zwischen Vertrauen und Skepsis. Die makellose Schweizer Bilanz? Schön und gut. Aber, um allfällige Schweizer Probleme aufzudecken, bräuchte es auch schlagkräftigere Kontrahenten als Andorra, die Färöer Inseln oder Lettland.

Es ist wohl tatsächlich so, dass niemand so genau weiss, wie es um diese Schweizer Equipe tatsächlich steht. Vielleicht tut diese Ungewissheit ja auch gut. Weil sie verhindert, dass einige Spieler in einen Genügsamkeits-Modus abdriften.

Eines ist jedenfalls auch nach acht Siegen aus acht WM-Qualifikationsspielen klar: Petkovics Team kann in diesem Showdown gegen Portugal vor allem etwas gewinnen. Der Druck liegt beim Europameister mit seinem Weltfussballer Cristiano Ronaldo. Es ist eine Rolle, die der Schweiz häufig behagte.