Seit Wochen hatten sie bei Tottenham Hotspur auf den ersten Einsatz ihres neuen Stars hin gefiebert. Am letzten Mittwoch, beim 2:0-Meisterschaftssieg über Crystal Palace, war es endlich soweit. Mit Feuerwerk und unter dem Motto "Spurs are home" - Spurs sind zu Hause - wurde das neue Mitglied in der Familie der Nordlondoner begrüsst: das Tottenham Hotspur Stadium. Die grosse Show liessen sie sich im Norden Londons nicht nehmen, obschon der für 62'000 Zuschauer ausgerichtete Fussballtempel mit Verspätung und Kosten von einer guten Milliarde Pfund fast doppelt so teuer fertiggestellt wurde wie kalkuliert.

Der Umzug an den neuen Arbeitsort ist bei Tottenham allgegenwärtig, selbst die erstmalige Teilnahme an den Champions-League-Viertelfinals seit acht Jahren droht aus dem Fokus zu verschwinden. Dass sie in London das neue Stadion zum Heilsbringer verklären, wird bei Meisterschafts- und Champions-League-Konkurrent Manchester City mit wenig Verständnis wahrgenommen. "Jeder hat ein Stadion, jeder hat Fans", quittierte City-Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne gegenüber der britischen Zeitung Guardian den Stadion-Trubel.

Er, schob der 27-jährige Belgier nach, beschäftige sich nicht mit dem Stadion eines Klubs, sondern mit dem Gegner auf dem Platz. Seine Replik ist in London halb als Vorwurf, halb als Ratschlag zu deuten. In Manchester schmerzt es, wird bei den Spurs im Vorfeld des Viertelfinal-Hinspiels mehr über die Spielstätte als über den grossen Gegner fabuliert.

City reihte zuletzt Erfolg an Erfolg, aus 23 Spielen resultierten 22 Siege, im Ligacup sicherte sich das Team von Pep Guardiola im Februar einen ersten Titel, in Meisterschaft, FA-Cup und in der Champions League befindet sich die Mannschaft auf Kurs für weitere Trophäen. Gegen Tottenham blieb Manchester City zuletzt vier Spiele in Serie ohne Niederlage, die letzte resultierte aus einer Meisterschaftspartie im Oktober 2016. Mehr noch als ein Vorwurf oder Ratschlag schwang in De Bruynes Aussagen darum Folgendes mit: Die Forderung nach Wertschätzung und Respekt beim Gegner.

Ein Sieg im Hinspiel würde für die Citizens damit zur dreifachen Genugtuung. Da wäre erstens der historische Aspekt, Tottenham die erste Heimniederlage im neuen Stadion zugefügt zu haben. Da wäre in zweiter Instanz die Revanche für die mangelnde Beachtung im Vorfeld der Partie. Und da wäre schliesslich die hervorragende Ausgangslage für das Rückspiel, das die Citizens dann daheim und ohne Stadion-Diskussion absolvieren können.

Portos Kampf gegen die Geschichte

Von den vier Champions-League-Viertelfinalisten aus der englischen Premier League hat der FC Liverpool mit Porto das vermeintlich einfachste Los gezogen. Während sich Tottenham und Manchester City im Direktduell messen und Manchester United gegen den FC Barcelona antreten muss, blicken die "Reds" relativ entspannt auf das Kräftemessen mit den Portugiesen. Denn für Jürgen Klopps Team sprechen die jüngsten Resultate ebenso wie ein Blick in die fernere Vergangenheit.

Nimmt man etwa das letztjährige Duell zwischen den beiden Klubs in der Königsklasse als Richtwert, ist Liverpool klarer Favorit: Nach einem 5:0-Auswärtssieg konnte es sich Klopp für das Achtelfinal-Rückspiel an der Anfield Road leisten, auf seine beiden Topleute Mohamed Salah und Virgil van Dijk zu verzichten. Weitet man den Blick und betrachtet Portos Abschneiden gegen englische Teams, wird die Zuversicht im Fanlager von Porto nicht grösser. Auch vor dem 19. Spiel auf englischem Boden wartet Porto noch immer auf den ersten Sieg. Mit Innenverteidiger Pepe und dem mexikanischen Mittelfeldspieler Hector Herrera fehlt Porto im Kampf gegen diese Bilanz zudem eine wichtige Achse.