Fussball
Joker-Tore am Laufmeter: Folgt jetzt ein vierter Auswechselspieler?

Viel Tore, hohe Intensität, viel Drama mit vielen Verlängerungen. Die Fifa findet die WM 2014 in Brasilien grossartig. Taktisch denkt die Fifa über interessante Entwicklungen nach, etwa ein vierter Auswechselspieler könnte kommen.

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Deutschland-Ghana (2:2) war laut Fifa eines der intensivsten Spiele der laufenden Fussball-WM.

Deutschland-Ghana (2:2) war laut Fifa eines der intensivsten Spiele der laufenden Fussball-WM.

Keystone

Die Begeisterung stand Gerard Houllier ins Gesicht geschrieben. «Wir haben eine Topqualität an Fussball gesehen. Tolle Spiele, viel Drama und die Intensität war noch nie so hoch!», schwärmte der Franzose.

Es ist eine Feststellung, die amtlicher nicht sein könnte: Houllier, früher unter anderem Trainer der französischen Nationalmannschaft oder des FC Liverpool, ist Mitglied der Technical Study Group (TSG) der Fifa – eine Kommission, die das Fussballspiel unter die Lupe nimmt.

Im Auftrag des Weltverbandes sollen Houllier und seine Kollegen den Fussball analysieren, Trends aufspüren.

Bei der WM in Brasilien lässt sich der Grund für die «tollen Spiele» und «viel Drama» bereits an Zahlen ablesen: Vor Beginn der Viertelfinalspiele am Freitag lag der Schnitt nach 56 von 64 Partien bei 2,75 Toren pro Spiel. Höher war der Schnitt zuletzt nur bei der WM 1982, vor vier Jahren in Südafrika waren es sogar nur 2,26 pro Spiel.

Für Houllier ist dies vor allem Verdienst der «Generation überragender Offensivspieler» wie Thomas Müller, James Rodriguez, Lionel Messi oder Arjen Robben. «Sie bewegen sich grossartig zwischen den Verteidigungslinien und betreiben einen enormen physischen Aufwand», erläutert er.

Die starke Physis der Akteure sei die Grundlage dafür, sagt Houllier, dass das Tempo «unglaublich hoch» ist. Als Beispiel dafür nannte Houllier das Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Ghana (2:2).

Die unter anderem dort gezeigte Intensität sei auch der Hauptunterschied zur WM 2010 in Südafrika: «Ein befreundeter Nationaltrainer hat mir gesagt, es ist die schnellste der Geschichte», berichtet Houllier.

Weil die Intensität so hoch ist, wird auch die Zulassung eines vierten Einwechselspielers erwogen – sollten die Spiele in die Verlängerung gehen.

Die einzelnen Konförderationen treffen sich wenige Monate nach der Endrunde zu Gesprächen, dabei soll auch über diese mögliche Neuerung diskutiert werden.

Drei Verteidiger und drei Stürmer

Auch die Entwicklung im taktischen Bereich ist der Kommission nicht entgangen. Einige Nationen wie Chile oder Argentinien setzten wieder auf drei Stürmer, andere auf drei Verteidiger – alle eint die Flexibilität.

Louis van Gaal liess die Holländer gegen Spanien in einem 5-3-2 auflaufen, die Aussenverteidiger wurden bei eigenem Ballbesitz dabei fast zu Aussenstürmern.

Ein System, das auch Bayern-Coach Pep Guardiola im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund (2:0 n.V.) praktizieren liess.

Das Achtelfinale zwischen den Niederlanden und Mexiko (2:1) mit van Gaal und Miguel Herrera an der Seitenlinie war für die Kommission ein Paradebespiel für die Anwendung taktischer Finessen.

«Da waren zwei Trainer, die sich das ganze Spiel über gegenseitig gelesen haben. Da gab es dauernde Wechsel in der Formation und im Verantwortungsbereich der Spieler. Immer wieder Reaktion und Gegenreaktion», sagt Houllier - und klingt begeistert.

Gerade Trainer ausserhalb Europas hätten sich enorm weitergebildet - durch das Internet und Anregungen ihrer Legionäre.

Viele Treffer nach Standardsituationen

Eine besondere Rolle kommt nach Ansicht von Kommissionsmitglied Sunday Oliseh, früher selbst schon der Typ hinterster Spielgestalter, den defensiven Mittelfeldspielern zu.

«Ihr Timing ist grossartig, wann sie sich zurückfallen lassen, wann sie nach vorne gehen.» Die modernen Sechser müssten von Libero bis Mittelstürmer alles beherrschen und vor allem wissen, was wann gefragt ist.

Houllier und Oliseh blieb auch die auffallend hohe Anzahl an Treffern nach Standardsituationen und von Einwechselspielern nicht verborgen.

Bisher gingen 29 der 154 Treffer (19 Prozent) auf das Konto der Joker, vor vier Jahren in Südafrika waren es am Turnierende gerade einmal 15.

Normal ist ein Anteil von rund zehn Prozent. Für Houllier auch eine Entwicklung aufgrund des Tempos: «Bei der hohen Intensität ist frisches Blut wichtig.» (sid)

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