Vor dem Länderspiel

Mentale Probleme? «Noch nie im Leben!» Xherdan Shaqiri setzt zur Verteidigung an

Wieder mit einem Lachen im Gesicht: Xherdan Shaqiri und die «Herzensangelegenheit» Schweizer Nati.

Wieder mit einem Lachen im Gesicht: Xherdan Shaqiri und die «Herzensangelegenheit» Schweizer Nati.

Xherdan Shaqiri, 29, spricht vor dem Spiel der Schweizer Nati in Deutschland erstmals über seine lange Absenz vom Nationalteam, seine Verletzungen und seine Erfahrungen mit Corona. Was ist davon zu halten?

Der Regen und die dunklen Wolken verziehen sich. Die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Es ist herbstlich kalt, aber immerhin passt das Wetter an diesem Montagabend in Köln. Draussen vor dem Stadion spielen die Nachwuchsfussballer auf Kunstrasen 6 gegen 6. Es wird viel gelacht, gejubelt. Es sind Momente, wo Corona etwas vergessen geht.

Ein bisschen passt die Szenerie durchaus zu Xherdan Shaqiri. Die dunklen Wolken sind Vergangenheit. Endlich ist er wieder dabei, gut 16 Monate musste die Schweizer Nationalmannschaft auf ihn verzichten. Jetzt spielte er in Spanien erstmals wieder eine halbe Stunde im Nati-Dress. Und spricht erstmals öffentlich über die vergangenen Monate.

Shaqiri tut das gutgelaunt. Überwiegend zumindest. 16 Minuten sitzt er im Bauch des Stadions vor einem ­Mikrofon. Nationaltrainer Vladimir Petkovic gleich daneben. Shaqiri als Redner, es ist ein ungewohntes Bild, weil er die Liebe zu öffentlichen Auftritten längst verloren hat.

Shaqiri sagt: «Ich hatte noch nie im Leben mentale Probleme»

Aber eben, es gibt einiges an Erklärungsbedarf. Nicht nur, weil Shaqiri eben Shaqiri ist, und noch immer einen grossen Teil der Bevölkerung in den Bann zieht. Oder weil er zu Beginn der vergangenen Woche (fälschlicherweise) positiv auf Corona getestet wurde. Sondern weil es viel Verwunderung und Irritationen um ihn gegeben hat. Wegen seiner wiederkehrenden Verletzungen. Und vor allem wegen seiner Absenz im September 2019.

Die EM-Qualifikationsspiele gegen Irland und Gibraltar standen an. Shaqiri wäre eigentlich fit gewesen. Doch er verzichtete auf ein Aufgebot. Warum? «Es wurde sehr viel geschrieben, das meiste war unnötig. Und vieles falsch interpretiert.» Von mentalen Problemen war die Rede. Doch die Äusserungen in diese Richtung kamen nicht von irgendwem, sondern von Vladimir Petkovic. «Manchmal spürt man als Fussballer, dass man nichts geben kann. Vielleicht ist man ein bisschen leer, auch von der Motivation her. Dann kann eine Pause helfen», sagte er damals. Und auch: «Vielleicht kann er jetzt auf andere Gedanken kommen. Wir sind für ihn, aber auch für alle anderen da, um in kleinen physischen oder mentalen Krisen zu helfen.»

Jetzt aber sagt Shaqiri: «Ich hatte noch nie mentale Probleme in meinem Leben. Ich bin sehr stark im Kopf und werde das weiter sein.» Und auch noch: «Wer mich kennt, weiss, dass ich ­immer mit Herzblut für die Schweiz spiele.» Damit ist das Thema für ihn ­erledigt.

Shaqiri sagt: «Natürlich habe ich Vertrauen in meinen Körper»

Dass er Rückschläge zu verdauen hatte, gibt Shaqiri offen zu. «Vielleicht habe ich nach einer Verletzung auch einmal zu früh mit dem Training angefangen», sagt er mit Blick zurück. Der Frust, wegen solcher Rückschläge auf dem Weg näher an die Stammelf von Liverpool gebremst zu werden, ist verständlich.

Die Frage ist darum auch: Was lösen die vielen Verletzungen bei Shaqiri selbst aus? Vertraut er seinem Körper weiterhin genügend? Oder gibt es Momente, wo er sich denkt: ‹Hoffentlich nicht schon wieder!›? Shaqiri schaut irritiert ob der Frage. Sagt dann: «Natürlich habe ich Vertrauen in meinen Körper, sonst wäre ich nicht hier. Wer kein Vertrauen spürt, muss nicht mehr Fussball spielen. Die Leute, die nicht an sich glauben, hören meistens auf.» Jetzt schaut er noch irritierter und folgert: «Von dem her ist das eine ­unnötige und dumme Frage.» Um dann doch noch anzufügen: «Es waren meistens Muskelverletzungen, die mich ­zurückgeworfen haben, am Knie oder an den Hüften hatte ich noch nie Probleme.» Warum das besser sein sollte, bleibt rätselhaft.

Shaqiri sagt: «Ich wusste, dass ich Corona hatte»

Es wäre Shaqiri zu wünschen, endlich wieder einmal über längere Zeit verletzungsfrei zu bleiben. Nur so hat er eine reelle Chance, in Liverpool mehr Spielpraxis zu erhalten. Und damit auch im Hinblick auf die EM in der Nati mehr als eine Jokerrolle auszufüllen.

Gegen Deutschland am Dienstagabend (20.45 Uhr) wird Shaqiri spielen. Wie lange, wollte Trainer Petkovic noch nicht verraten. Etwas mehr als die 30 Minuten gegen Spanien dürften es aber schon werden. Dass es überhaupt dazu kommt, war Anfang letzter Woche noch unsicher. Als Shaqiri zur Nati stiess, wurde er zu seiner Überraschung positiv auf Corona getestet. «Mein Körper und ich wussten schon, dass wir es mit Corona zu tun hatten», sagt er und lacht. «Aber das war vor einigen Monaten, Ende Mai oder Anfang Juni. Ich war in England, hatte kaum Symptome. Selbstverständlich bin ich zwei Wochen zu Hause geblieben, da muss man ein Vorbild sein.»

Ein Vorbild will Shaqiri in der Nati auch auf dem Platz sein. «Meine Rolle hat sich nicht verändert», sagt er.

Die Fussball-Schweiz ihrerseits freut sich darauf, endlich wieder einen Xherdan Shaqiri zu sehen, der sich in die Herzen der Fans spielt. Eines ist jedenfalls klar: Dribbeln kann er noch. Auch neben dem Spielfeld.

Mögliche Aufstellungen:

Schweiz: Sommer; Elvedi, Schär, Rodriguez; Widmer, Sow, Xhaka, Freuler, Zuber; Shaqiri, Seferovic.

Deutschland: Neuer; Ginter, Süle, ­Rüdiger, Klostermann, Kimmich, Kroos, Gosens; Goretzka, Werner, Gnabry.

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