WM 2018
Serbiens Aussenminister: «Gegen wen spielen wir? Gegen die Schweiz? Albanien? Oder gegen Pristina?»

Im Land des nächsten WM-Gegners der Schweiz erhält die Partie gegen die Schweiz eine überhöhte Bedeutung – eigentlich schade. Wegen politischen Konflikten wird viel Öl ins Feuer gegossen.

François Schmid-Bechtel
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Ivica Dacic giesst Öl ins Feuer. (Archivbild)

Ivica Dacic giesst Öl ins Feuer. (Archivbild)

Keystone

Bedauernswerte Kerle, diese serbischen Fussballer. Die Erwartungshaltung in der Heimat für die Partie gegen die Schweiz ist gigantisch. Es geht nicht allein um den Sieg, um drei Punkte, um den vorzeitigen Einzug in den Achtelfinal. Es geht um mehr. Es geht um Kosovo. Den serbischen Spielern tut man damit keinen Gefallen.

«Gegen wen spielen wir?», so die rhetorische Frage von Serbiens Aussenminister Ivica Dacic. «Gegen die Schweiz? Gegen Albanien? Oder gegen Pristina?» Eine perfide Spitze in Richtung der albanischstämmigen Schweizer Nationalspieler Behrami, Xhaka, Shaqiri und Dzemaili. Selbst das 1:0 zum Auftakt gegen Costa Rica hat für Dacic eine politische Dimension.

«Eine süsse Rache für die Anerkennung des Kosovo», sagte er. Costa Rica ist einer von sieben Staaten, die am 18. Februar 2008 als erste den Kosovo als unabhängigen Staat anerkannt haben.

Impressionen zum Abschlusstraining von Serbien vor Serbien - Schweiz Aleksandar Kolarov war der Torschütze gegen Costa Rica.
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Im Kaliningrad Stadium holt sich Serbien den letzten Schliff vor dem Spiel gegen die Schweiz.
Trainer Mladen Krstajic (rechts) redet mit Aleksandar Mitrovic (links).
Dusko Tosic dehnt seinen Körper.
Nemanja Matic gibt seinen Teamkollegen Anweisungen.
Mladen Krstajic beobachtet seine Mannschaft kritisch.
Auf Sergej Milinkovic-Savic werden die Schweizer besonders aufmerksam sein müssen.
Topspieler Nemanja Matic am Ball.

Impressionen zum Abschlusstraining von Serbien vor Serbien - Schweiz Aleksandar Kolarov war der Torschütze gegen Costa Rica.

MARTIN DIVISEK

Sport und Politik auf dem Balkan ist wie Karamell – eine zähe, kaum zu trennende Masse, der sogar Zähne zum Opfer fallen können. Bei seinem Besuch im Vorbereitungscamp stellte Chef-Populist und Staatspräsident Aleksandar Vucic («Kosovo ist Serbien») eine 10-Millionen-Euro-Prämie in Aussicht, sollten die Serben mit dem Pokal aus Russland zurückkehren.

Höchstwahrscheinlich kann er sich die 10 Millionen sparen. Trotzdem: Man stelle sich vor, Alain Berset hätte das Gleiche getan. Was gäbe das für einen Aufschrei von wegen «Steuergelder den kickenden Millionären in den Hintern schieben». Zum Abschied sagte Vucic zu den Spielern: «Es versteht sich von selber, dass wir die Schweiz überzeugend besiegen.»

Goldene Zeiten für Serbiens Fussball: Im Jahr 2015 krönt sich Serbiens U20-Nationalmannschaft nach einem 2:1-Sieg über Brasilien zum Weltmeister.

Goldene Zeiten für Serbiens Fussball: Im Jahr 2015 krönt sich Serbiens U20-Nationalmannschaft nach einem 2:1-Sieg über Brasilien zum Weltmeister.

Keystone

«Keine Gerechtigkeit gebracht»

Politiker, Medien, Teile der Gesellschaft – wenn Kosovo ins Spiel kommt, brennt das Herz. Selbst Ministerpräsidentin Ana Brnabic – parteilos, lesbisch, fortschrittlich, liberales Feigenblatt der Nationalisten – verliert bei diesem Thema ihre sonst so ausgeprägte Souveränität.

«Die Serben erhielten tausend Jahre Gefängnis, fünfmal mehr als die Kroaten, und keiner der Kommandanten der Befreiungsarmee von Kosovo wurde für Kriegsverbrechen belangt. Das Haager Tribunal hat keine Gerechtigkeit gebracht und nicht zur Versöhnung beigetragen», zitierte sie die NZZ.

Selbst die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic verlor die Souveränität.

Selbst die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic verlor die Souveränität.

Keystone

Warum diese abgrundtiefe Ablehnung? Eigentlich unterzeichneten die damaligen Ministerpräsidenten von Serbien und Kosovo am 19. April 2013 ein Normalisierungsabkommen. Dieses sieht einen halbautonomen Status der Kosovo-Serben im Norden vor, aber auch die Integration in das politische System Kosovos. In der Realität ist man keinen Schritt weiter.

Der hauptsächlich von Serben bevölkerte Norden Kosovos lebt im offenen Widerstand zum Staat Kosovo. Ereignisse wie die Ermordung des kosovo-serbischen Politikers Oliver Ivanovic oder die Verhaftung des serbischen Kosovo-Beauftragten haben die Stimmung in diesem Jahr zusätzlich vergiftet. Der Krieg in den Köpfen hat seit den 1990er-Jahren nie richtig aufgehört.

Spieler lassen Provokationen und Propaganda abperlen

Heute ist die Schweiz das serbische Feindbild. Online-Portale kramen die Fotos von Shaqiris Schuhen mit einer Schweizer und einer kosovarischen Flagge heraus. Die Geschichte von 2014 wird aufgewärmt, als im Spiel zwischen Serbien und Albanien eine albanische Drohne die Lufthoheit im Stadion hatte, daran befestigt ist eine Flagge mit den Umrissen Grossalbaniens.

Ein Serbe riss die Fahne runter, daraufhin wurde er auch von Taulant Xhaka attackiert. Bruder Granit kommentierte aus der Ferne, stellte ein Foto seines Bruders ins Netz, das diesen mit aufgezogener Faust vor einer serbischen Phalanx zeigt. «Das zeigt die Stärke der Albaner. Wir gedenken Adem Jasharis.»

Jashari, Mitbegründer der kosovarischen Befreiungsarmee UCK, wird heute als Märtyrer und «Held des Kosovo» verehrt. Solche Geschichten werden derzeit in Serbien ausgewalzt. Damit konfrontiert zeigen sich die serbischen Spieler erstaunlich uninteressiert. Provokationen und Propaganda lassen sie abperlen. Wahrscheinlich, weil sie es sich gewohnt sind.

Wirtschaftliches Interesse oder Resultat?

Marko Muslin ist Serbe, in Frankreich aufgewachsen, heute Profi beim FC Wil. Sein Vater Slavoljub führte als Trainer die Serben erstmals seit 2010 an eine WM oder EM. Trotzdem wurde Muslin kurz darauf entlassen. «Im serbischen Fussball nehmen viele mächtige Menschen Einfluss, allein um ihre persönlichen Interessen zu verfolgen», sagt Muslin.

«Der Fussball wird in erster Linie als Geschäft verstanden. Aber mein Vater verfolgte keine wirtschaftlichen Interessen, sondern hatte einzig das Interesse, mit Serbien bestmögliche Resultate zu erzielen.» Die personifizierte Differenz zwischen dem Nationaltrainer und den Mächtigen hinter den abgedunkelten Scheiben der VIP-Lounge heisst Sergej Milinkovic-Savic.

Eine Nummer 10, wie sie der Himmel geschickt hat. Aber Muslin hat in seinem 3-4-3-System keine Verwendung für eine Nummer 10 und verzichtet auf Milinkovic-Savic, obwohl der Verband vehement fordert, er müsse eine wichtige Rolle spielen.

Der 23-jährige Zauberfuss von Lazio Rom indes hat nicht nur eine grosse Zukunft, sondern einen schier grenzenlosen Markt. Besser fürs Geschäft, wenn er an der WM spielt, was den Preis eher in die Höhe treibt, als wenn er sich an irgendeinem Strand verlustiert.

Die Brasilianer Europas

Vom Selbstverständnis her sind die Serben die Brasilianer Europas. Im Nachwuchs werden sie diesem Anspruch gerecht. U19-Europameister 2013, U20-Weltmeister 2015. Danach geht nichts mehr.

«Als junger, talentierter serbischer Fussballer wird man wie eine Ware gehandelt», sagt Muslin. «Da wird kein Karriereplan aufgestellt. Da wird der Fussballer ohne Mitsprache einfach zum besten Preis verkauft und danach sich selbst überlassen.»

Deshalb stünden zwar viele serbische Talente bei grossen europäischen Klubs unter Vertrag, aber nur die wenigsten bekommen Spielpraxis. Ein Beispiel: Nemanja Maksimovic war mit je einem Tor und einem Assist im WM-Final der U20 gegen Brasilien (2:1) die grosse Figur.

Marko Pavlovski (r.) ist nach einer Odyssee in Europas Topligen wieder in seiner Heimat gelandet – und ist nun vereins- und vertragslos.

Marko Pavlovski (r.) ist nach einer Odyssee in Europas Topligen wieder in seiner Heimat gelandet – und ist nun vereins- und vertragslos.

Imago

Kurz bevor er 18 wurde, ohne je für das Profiteam von Roter Stern Belgrad gespielt zu haben, wechselte er zu Hellas Verona. Später spielte er in Slowenien und in Kasachstan. Unterdessen ist der 23-Jährige in Valencia gelandet, wo er in der letzten Saison nur vier Partien über die volle Distanz bestritt.

Viele andere wie Marko Pavlovski sind nach einer Odyssee (Porto, OFK Belgrad, Porto, Royal Mouscron in Belgien, Porto, OFK Belgrad, Porto, Split, Vodzdovac) desillusioniert wieder zurück in der Heimat. Der Captain der U19-Europameister hat die abgelaufene Saison beim kleinen Erstdivisionär Vodzdovac gespielt. Nun ist er vereins- und vertragslos.

Wer will es den Jungen verdenken, wenn sie ihr Land verlassen?

189 serbische Profis sind in den grössten Ligen Europas unter Vertrag. Allein 2017 wechselten 400 serbische Spieler ins Ausland oder dort den Klub. Durch die Transfers werden Unsummen umgesetzt. Doch in den serbischen Fussball, wo Spieler teilweise für 400 Euro im Monat in der ersten Liga spielen, fliesst kaum etwas. Dafür umso mehr in die Taschen von Funktionären, Fonds, Spielerberatern. Selbst Regierungspolitiker, wird kolportiert, würden partizipieren.

Wer will es den jungen Serben verdenken, wenn sie ihr Land verlassen? Auch wenn die Politiker unablässig «goldene Zeiten» proklamieren. Der Durchschnittslohn beträgt etwa 450 Euro. Daran hat sich in den letzten zehn Jahren nichts geändert. Weshalb nicht nur im Fussball eine Talentabwanderung stattfindet.

Laut OECD verliessen 2015 60 000 vorwiegend junge und gut ausgebildete Menschen die Heimat. Regierungschefin Ana Brnabic sagt: «Wenn wir eine demokratische und tolerante Gesellschaft wollen, müssen die Menschen Arbeit und Perspektiven haben. Dann überlegen sie sich nach dem Aufstehen nämlich nicht, weshalb sie jemanden hassen sollen.»

In die Ecke der Isolation

Viele von denen, die zu Hause bleiben, driften in die Ecke der Isolation. Noch vor zehn Jahren waren 70 Prozent für einen EU-Beitritt. «Heute sind es noch 40», klagt Suzana Grubjesic, Generalsekretärin der «Europäischen Bewegung Serbien».

«Die Kinder sind nationalistischer als ihre Eltern.» Auch, weil die Protagonisten der Vergangenheit die Politik der Gegenwart dominieren. Wie Staatspräsident Vucic. Er diente Slobodan Milosevic, der des Völkermordes angeklagte wurde, als Informationsminister.

Unbestritten ist es schwierig, sich als westbalkanischer Staat zu orientieren. Als Brücke, die Europa mit dem Orient verbindet, seit je strategisch von grosser Wichtigkeit. Und heute? Zerren und reissen noch mehr Weltmächte. Die Russen, seit je Schutzmacht der Serben, wollen verhindern, dass die Länder der Region der Nato beitreten.

China investiert Unsummen, weil es den Westbalkan als Tor nach Europa für seine Massenwaren sieht. Die Türkei umwirbt die muslimische Bevölkerung in Bosnien und im Kosovo. Die Araber interessieren sich für das Immobiliengeschäft. Einzig das Interesse der USA und der EU an der Region scheint abgeflacht.

«Warum entstehen vor einer Partie zwischen der Schweiz und Serbien diese überhöhten nationalistischen Emotionen, die in Hass gipfeln?», fragt Marko Muslin. «Warum missbrauchen Politiker den Fussball? Ich verstehe das nicht.» Damit ist er nicht allein.

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