2:0 gewann Juventus Turin beim Gastspiel auf Sardinien gegen Cagliari, doch das Resultat verkam am Ende zur Nebensache. Auch darüber, dass Shooting Star Moise Kean sein sechstes Tor im sechsten Spiel seit Mitte März erzielte, sprach am Ende niemand. Denn mal wieder überschattet ein Rassismus-Skandal den italienischen Fussball.

Kean und sein ebenfalls dunkelhäutiger Juve-Teamkollege Blaise Matuidi wurden von den Heimfans während der ganzen Partie immer wieder mit Affenlauten und rassistischen Rufen beleidigt. Kean liess die Antwort auf dem Platz folgen, in der 85. Minute sorgte er mit dem 2:0 für den italienischen Rekordmeister für die endgültige Entscheidung. Danach stellte er sich demonstrativ vor den Cagliari-Block und jubelte stillstehend mit ausgebreiteten Armen.

Moise Kean wird nach seinem Tor rassistisch beleidigt

«Die beste Antwort, um auf Rassismus zu antworten», schrieb der 19-jährige italienische Nationalspieler später bei Instagram. Sein Jubel stachelte die Cagliari-Anhänger jedoch nur noch mehr an. Die Beschimpfungen wurden noch lauter, es flogen Bierbecher und das Spiel musste unterbrochen werden. Cagliari-Captain Luca Ceppitelli und der Stadionsprecher versuchten, die Anhänger zu beruhigen. Die Juve-Altstars Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci taten dasselbe mit den sichtlich aufgebrachten Kean und Matuidi.

Cagliari-Captain Ceppitelli beschwichtigt die eigenen Fans.

Für Bonucci trägt Kean eine Mitschuld

Nach der Partie fiel Bonucci seinem Teamkollegen Kean dann aber in den Rücken. «Ich denke, die Schuld ist 50:50 verteilt. Moise hätte nicht so jubeln sollen und die Curva hätte nicht so reagieren sollen. Wir sind Profis, wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen und niemanden provozieren.» Kean hätte besser mit seinen Teamkollegen gefeiert.

Einen obendrauf setzte Cagliari-Präsident Tommaso Giulini: «Wenn es rassistische Rufe gab, haben unsere Fans falsch gelegen, aber es ist dann aufgrund des Torjubels passiert und wäre auch passiert, wäre der Torschütze ein Weisser gewesen.» Giulini gab zudem an, dass sich mehrere Juve-Spieler bei ihm für Keans Verhalten entschuldigt hätten.

Miralem Pjanic dagegen zeigte Verständnis für seinen jungen Teamkollegen und Matuidi. «Sie sind enttäuscht, vor allem Blaise, denn es ist das zweite Jahr in Folge, dass ihm das hier passiert ist», so der bosnische Mittelfeldspieler.

Moise Kean mit der Antwort auf den Sozialen Medien

Nichts passiert

Juve-Trainer Massimiliano Allegri kritisierte seinen Youngster nach der Partie ebenfalls, forderte aber, dass endlich gehandelt wird: «Er hätte nicht so jubeln sollen. Man braucht hohe Intelligenz, um mit solchen Situationen umzugehen. Das ändert aber nichts daran, dass das Verhalten dieser Idioten im Publikum keinerlei Rechtfertigung hat. Wir sollten die Kameras nutzen, sie finden und bestrafen. Lebenslänglich aus dem Stadion verbannen.» Allerdings zweifelt Allegri an der Umsetzung: «Wir hätten die nötige Technologie, die Behörden könnten das machen. Das Problem ist, dass sie nicht wollen.»

Der jüngste Rassismus-Skandal ist in der Serie A leider kein Einzelfall, seit Jahren werden dunkelhäutige Spieler in den Stadien beschimpft. Am Stephanstag wurde Napolis Senegalese Kalidou Koulibaly beim Gastspiel bei Inter Mailandoffenkundig mit Affenlauten beleidigt. Die Süditaliener forderten mehrfach, dass das Spiel abgebrochen wird, doch es passierte ... nichts. Zwar werden jeweils Bussen in der Höhe von ein paar Tausend Franken gegen die Klubs ausgesprochen, doch das war's dann auch schon.

Ex-Nationalspieler Alessandro Nesta reagiert mit Unverständnis. In anderen Ländern sei man strenger, in Italien würden Regeln missachtet, sagte der ehemalige Nationalspieler Ende Dezember. «In Amerika verhaftet man dich, wenn du zu einer farbigen Person ein unangebrachtes Wort sagst.»

Seit dem Regierungswechsel im vergangenen Sommer herrscht in Italien ein immer ausländerfeindlicheres Klima. Vor allem Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega hetzt gegen Migranten und ist mit seinem Motto «Italiener zuerst» überaus populär. «Im Stadion spiegelt sich das Klimaim Land, es verstärkt sich», erklärte Renzo Ulivieri vom Trainerverband Assoallenatori. (pre)