EM 2016
Taktischer Fussball statt Tore am Laufmeter: Der Rasenschach bringt die Fans zur Weissglut

Deutschland und Italien spielten im Direktduell um einen Halbfinalplatz taktisch auf hohem Niveau. Doch das ist für Fussballfans zum Gähnen, die Fussballtrainer hingegen freuts. Und der Experte wettert gegen einen Schweizer.

Markus Brütsch, bordeaux
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Hat mit der Dreierkette gegen Italien das richtige Rezept gewählt: Jogi Löw.

Hat mit der Dreierkette gegen Italien das richtige Rezept gewählt: Jogi Löw.

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Wer nicht gut ausgeschlafen ins Spiel ging, musste befürchten, noch vor der Pause einzunicken. Zwar bot die Viertelfinalpartie zwischen Deutschland und Italien nach einem 1:1 nach 120 Minuten am Ende im Penaltyschiessen (6:5) für Hochspannung und bei sieben verschossenen Elfmetern auch für Exklusivität.

Doch darüber hinaus vermochte sie die hohen Erwartungen der 39 000 Zuschauer in Bordeaux und an den Fernsehgeräten nicht zu erfüllen.

Die überwiegende Mehrheit der Fussballfans will gut unterhalten werden und kann mit Rasenschach nicht viel anfangen. Deutschland gegen Italien war ein Spiegelbild eines EM-Turniers, bei dem es zu viele ereignislose Partien gibt.

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Es ist ein Glück, dass die forschen Waliser und coolen Isländer dem Wettbewerb etwas Farbe verleihen, ansonsten die EM ziemlich frei von Attraktionen wäre.

Das dürfte Trainern wie Jogi Löw und Antonio Conte aber egal sein. Für sie geht es darum, die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. «Das Spiel war taktisch auf unglaublich hohem Niveau», sagte denn zufrieden Löw.

Und Conte erklärte: «Dass Deutschland gegen uns sein System verändert hatte, zeigt doch, welch grossen Respekt es uns entgegengebracht hat.» Schön für die Trainer, doch davon haben die Zuschauer, die für ihre Tickets tief in die Taschen greifen, nicht viel.

Darum allerdings geht es in der Debatte, die Mehmet Scholl in Deutschland angestossen hat, nicht. Der ARD-Experte kritisierte Löw und vor allem dessen (Schweizer) Chefscout Urs Siegenthaler hart, als er ihnen vorwarf, sich immer dem Gegner anzupassen, statt konsequent auf die eigenen Stärken zu setzen.

Löw hatte von der bisher erfolgreichen Viererkette auf eine Dreierkette umgestellt, Benedikt Höwedes war in die Mannschaft gerückt, für ihn blieb der Star des Slowakei-Spiels, Julian Draxler, auf der Bank.

Ob die Idee zur Dreierkette gegen Italien wirklich von Siegenthaler stammte, wisse er zwar nicht, so Scholl, «aber Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: ‹Jetzt hab ich's, Dreierkette, Dreierkette›, nein, da wird im Stab beraten.»

«Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben und die anderen zum Training gehen lassen», ätzte der ARD-Experte dann.

Doch gerade im Fall Scholl besteht der dringende Verdacht, dass nicht jeder ehemalige Spitzenspieler auch ein guter Analytiker ist. Und vermutlich ist es einfach so, dass Scholls Effekthascherei das Ziel hat, um jeden Preis im Gespräch zu bleiben.

An der Pressekonferenz nach dem Spiel hatte Löw im Detail erläutert, weshalb er mit einer Dreierkette verteidigen liess. «Als ich die Italiener gegen die Spanier gesehen habe, war mir sofort klar, dass wir so spielen müssen, das war mein erster Gedanke», sagte Löw. «Italien hat an der Seite zwei Spieler, die ganz hoch stehen und dazu zwei zentrale Stürmer.»

Es sei gefährlich, gegen Italien mit 4 gegen 4 zu spielen. Man habe das Zentrum dichtmachen müssen», sagte Löw.

Und ergänzte dann ganz nicht ohne Stolz: «Das Gegentor nach dem Handelfmeter war unglücklich. Ich habe mir aber nicht vorstellen können, dass Italien aus dem Spiel heraus ein Tor schiesst.»

Und der angegriffene Chefscout Siegenthaler sagt gegenüber «Bild»: «Ich weiss nicht, was ich Herrn Scholl getan habe. Jeder kann erzählen, was er will – frei und unbefangen. Sich so zu äussern, ist Scholls gutes Recht. Ich kenne ihn allerdings persönlich nicht.»

Zudem setzt Siegenthaler seinerseits eine kleine Breitseite gegen Scholl ab. «Vor 1000 Jahren haben die Menschen die Erde auch nicht als Kugel gesehen», meint er zu dessen Taktik-Verständnis.

Aber Fakt ist halt auch, dass Deutschland derzeit alles andere als einen mitreissenden Fussball spielt. Der begnadete Techniker Mesut Özil ist viel zu oft auf Tauchstation, Thomas Müller klebt das Pech am Fuss und Toni Kroos ist zwar der weltbeste Passgeber, aus ihm sprudeln aber die zündenden Ideen auch nicht im Minutentakt.

Deutschland ist gewiss noch nicht auf seinem besten Niveau, es kann besser spielen. Vielleicht ist die Mannschaft, die im Kern seit sechs Jahren zusammenspielt, mittlerweile einfach auch zu erfahren und abgezockt, um noch jenen unbeschwerten Tempofussball spielen zu wollen, wie beispielsweise 2010 in Südafrika. Aber sie ist dennoch der EM-Titelanwärter Nr. 1.

Jonas Hector verwandelt den entscheidenden Elfmeter.
35 Bilder
Das Penaltyschiessen (7)
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Das Penaltyschiessen (1)
Es kommt zur Verlängerung.
Halbzeit 2 (2)
Italien gleicht aus (2)
Italien gleicht aus (3)
Italien gleicht aus (1)
Bilder aus Hälfte 2 (6)
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Özil trifft zur Führung (1)
Schweinsteiger bezwingt Buffon, doch der Treffer zählt nicht.
Szenen aus Hälfte 1 Deutschland Italien) (2)
Szenen aus Hälfte 1 Deutschland Italien) (5)
Szenen aus Hälfte 1 Deutschland Italien) (4)
Bilder aus Hälfte 2 (5)
Italien Deutschland erste Hälfte (4)
Italien Deutschland erste Hälfte (2)
Italien Deutschland erste Hälfte (1)
Italien Deutschland erste Hälfte (3)
Deutscher Fanwalk durch Bordeaux (3)
Deutscher Fanwalk durch Bordeaux (1)
Deutscher Fanwalk durch Bordeaux (2)
Vor vier Jahren beendete Italien die Europameisterträume der Deutschen. Hier gewinnt Barzagli das Duell gegen Gomez
Jogi Löw gab sich gestern an der PK zuversichtlich, betonte aber: "Wir sind noch weit entfernt vom Titel."

Jonas Hector verwandelt den entscheidenden Elfmeter.

Keystone

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