WM14
Urs Siegenthaler – Die Schweizer Geheimwaffe der Deutschen

Schon Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft hat der Basler Urs Siegenthaler auf seinen Beobachtungsreisen umfassend Informationenüber die deutschen Gegner gesammelt. BundestrainerJogi Löw ist begeistert von ihm.

Markus Brütsch aus Rio de Janeiro
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Urs Siegenthaler versorgt Bundestrainer Joachim Löw nicht nur mit Informationen über den Gegner, er unterstützt ihn auch sonst.ANDREAS GEBERT/Key

Urs Siegenthaler versorgt Bundestrainer Joachim Löw nicht nur mit Informationen über den Gegner, er unterstützt ihn auch sonst.ANDREAS GEBERT/Key

Hätte Urs Siegenthaler bei der letzten EM doch bloss dabei sein können. Dann wäre Deutschland als amtierender Europameister nach Brasilien gereist – denken sogar Leute wie der Bundestrainer Joachim Löw.

Bei der Weltmeisterschaft ist Siegenthaler nun topfit. Der Chefscout der deutschen Nationalmannschaft hat seine Hausaufgaben gemacht. «Wir sind im Soll, die Stimmung ist gut bis sehr gut», meldet er aus dem Camp.

Er hatte seit vielen Monaten Gegner und mögliche Widersacher beobachtet; fünfmal, achtmal.

Das haben andere zwar auch getan, aber Siegenthaler ist noch weitergegangen. Er hat auch in Trainings spioniert. «Es ist wichtig, dass sich ein Scout ansieht, wie der Gegner sich vorbereitet. Und für mich ist es ein Genuss, den besten Trainern bei ihrer Arbeit zuzuschauen.»

Selber ist Siegenthaler auch Trainer gewesen. 1987 bis 1990 Chef beim FC Basel, aber auch als Assistent von Daniel Jeandupeux in Toulouse und bei der Nati.

Und lange Jahre war «Sigi» in der Trainerausbildung tätig. Schon 1978 hatte er an der Sporthochschule Köln die Fussballlehrer- und Bundesligalizenz erworben. Als Spieler war er mit dem FCB fünfmal Meister geworden.

Seit 2005 nun ist er beim DFB unter Vertrag. Dieser ist bis 2016 verlängert worden und Zeugnis des grossen Vertrauens in seine Fähigkeiten. «Urs ist zu hundert Prozent loyal, zuverlässig und seine Erkenntnisse sind für uns absolut notwendig, um professionell zu arbeiten», sagt Löw.

Siegenthaler erinnert sich gut an die Skepsis, die ihm deutschlandweit entgegenschlug, als der damalige Chefcoach Jürgen Klinsmann – Löw war sein Assistent – ihn vor neun Jahren in den Trainerstab holte. Der deutsche Fussball sah es nicht gerne, dass ihm ein bald sechzigjähriger Schweizer den Fussball erklärte.

Die Zweifel sind längst zerstreut. Der «Kicker» hat diese Woche von einem Matchplan berichtet, den Löw und Siegenthaler in monatelanger Tüftelei gegen Ghana ausgeheckt hätten. Nichts könnte deutlicher veranschaulichen, wie wichtig der Basler für Löw ist. «Auf dieser Stufe brauchen Führungspersonen einen Begleiter, jemanden, der sie coacht», sagt Siegenthaler.» Starke Leute suchen sich starke Begleiter. «Und Löw ist stark», sagt Siegenthaler selbstbewusst. Dass er selber nicht im Vordergrund steht, ist ihm noch so recht. «Wichtig ist, einen Vorgesetzten zu haben, der meine Ideen aufnimmt.»

Solche, die dann reifen, wenn Siegenthaler noch etwas mehr tut, als seine Konkurrenten anderer Verbände. Wenn er in irgendeinem Land einen Gegner beobachtet, besucht er das wichtigste Museum. Er saugt auf, was er sieht, fühlt und riecht. «Nur dann lassen sich Schlüsseziehen und Strategien entwickeln, wie sich Spieler, die in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind, in bestimmten Situationen verhalten.»

Seine Akribie hat sich längst in Deutschland herumgesprochen. Und so gehört in ein Siegenthaler-Porträt die Geschichte, wie er Sportchef des Hamburger SV wurde und warum er den Job dann doch nicht antrat. Sie zeigt, wie der heute 66-Jährige tickt.

Siegenthaler war vom HSV auf Vermittlung eines Freundes eingeladen, seine Vorstellungen von einem modern gemanagten Profiklub zu erläutern. Die HSV-Klubführung fragte indes derart naiv nach, dass Siegenthaler vermutete, er werde veräppelt und es müsse «eine versteckte Kamera» im Spiel sein. Er beharrte darauf, den Raum zu wechseln. Danach überzeugte er die HSV-ler mit seinem Referat so sehr, dass sie ihm den Job des Sportchefs anboten. «Ich erschrak, aber Löw sagte mir, ich könne es machen, wenn ich ihm bei der Nationalmannschaft treu bleibe.»

Siegenthaler unterschrieb und wäre nach der WM in Südafrika in Hamburg am Bürotisch gesessen, hätte er nicht recherchiert, warum ihm der Vorstand penetrant einen Spieler unterjubeln wollte, den er gar nicht wollte. Siegenthaler fand heraus, dass der Präsident mit einer Gruppe verbunden war, der mit diesem Akteur Geld verdienen wollte. «Obwohl mich Löw fragte, weshalb ich so viel Geld liegen lassen wolle, sagte ich daraufhin dem HSV ab», sagt Siegenthaler. Und brachte weiter seine eigene IngenieurFirma und den 100-Prozent-Job beim DFB unter einen Hut.

Vor einem Jahr ist Siegenthaler nach Brasilien an den Confedcup gereist und schrieb seiner Frau, er fühle sich einsam wie noch nie. Alle sprachen nur Portugiesisch, und als er per Taxi einmal einen Geldautomaten suchte, brauchte er dafür einen halben Tag, weil der Fahrer nur Bahnhof verstand. Für die WM hat ihm der DFB nun einen Dolmetscher zur Verfügung gestellt. Aufgrund seiner letztjährigen Erfahrungen ist Siegenthaler überrascht von der Intensität vieler Spiele – trotz der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit.

Siegenthaler ist dankbar, dass er wieder der alte ist. Bei der EM 2012 wurde seine Absenz von den Medien mit einem Gehörsturz erklärt. Dabei war alles viel schlimmer. «Ich war mit meiner Frau in Lissabon, als ich von der einen auf die andere Sekunde schwer krank war. Ich musste erbrechen wie nie, alles drehte sich und ich wachte erst im Kantonsspital in Liestal wieder auf», erzählt Siegenthaler. Die Ärzte waren ratlos, der Schwindel blieb.

«Ich war drei Wochen seekrank.» Ein Burnout konnte ausgeschlossen werden, und schliesslich wurde diagnostiziert, dass das Immunsystem die Nerven angegriffen habe. «Es war eine Revolution meines Körpers», sagt Siegenthaler. Er war halbseitig gelähmt, musste Wochen später wieder lernen, auf einem Bein zu stehen und Velo zu fahren. Löw, der sich im Halbfinal gegen Italien verzockt hatte, nahm ihn in die Arme und sagte: «Urs, wärst du bei mir gewesen, wir wären jetzt Europameister.»

Vielleicht werden die beiden nun Weltmeister. Über den Achtelfinalgegner Algerien weiss Löw alles. «Vielleicht hat Algerien einige hier überrascht», sagt Siegenthaler. «Mich nicht. Ich habe sie im Vorfeld gesehen und war von ihrem Engagement beeindruckt.»

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