Trainer-Hoffnung

Vom 1.Liga-Trainer zum neuen Chefcoach des amtierenden Super-League-Meisters – so tickt Gerardo Seoane

Gerardo Seoane

Gerardo Seoane

Der 44-jährige René Weiler ist mit Anderlecht Meister geworden und tritt nun beim FC Luzern die Nachfolge des 39-jährigen Gerardo Seoane an. Dieser hat unerwartet Meister YB übernommen.

Eigentlich ist die Geschichte des Fussballtrainers Gerardo Seoane eine ziemlich verrückt. Vor einem Jahr noch war der 39-Jährige gerade dabei, den Luzerner U21-Nachwuchs auf den Meisterschaftsauftakt in der 1. Liga gegen den FC Langenthal vorzubereiten. Und jetzt steht derselbe Mann 24 Stunden vor seinem Debüt als Chefcoach der Berner Young Boys.

Innerhalb von zwölf Monaten den Sprung von der vierthöchsten Spielklasse zum frischgebackenen Schweizer Meister zu schaffen: Dieses Kunststück hat bisher noch keiner gezeigt. Chapeau!

Jung Trainer sind im Trend

Natürlich, Seoane ist nicht direkt von den Übungsplätzen der Luzerner Allmend ins Stade de Suisse marschiert. Er hat zuletzt ein halbes Jahr die erste Mannschaft des FC Luzern in der Super League trainiert.

Dennoch ist sein Weg in die Beletage des Schweizer Fussballs aussergewöhnlich. Auch wenn es im Trend vieler Klubs wie dem FCB, dem FC Zürich, von Lugano und Thun liegt, auf junge Trainer zu setzen.

Verräter!

Dennoch, und trotz der überzeugenden Vorstellung Seoanes bei seiner Super-League-Premiere als Trainer – in der Rückrunde war Luzern hinter YB die zweitbeste Mannschaft –, ist es eine Überraschung, dass YB-Sportchef Christoph Spycher den Rothenburger nach Bern geholt hat. Und vielleicht auch, dass Seoane diesem Lockruf nicht widerstand und seine eben erst begonnene, so vielversprechend erfolgreiche Arbeit in Luzern aufgab.

«Geldsack! Verräter!», haben ein paar Zentralschweizer dem Abtrünnigen hinterhergeschrien. Selbst der Luzerner Geldgeber Bernhard Alpstaeg liess sich nicht zweimal bitten und warf Seoane im «Blick» Dreck nach: «Da sieht man, wo Gerry sein Herz wirklich hat. Am Hintern – an der Hosentasche. Dort, wo das Portemonnaie steckt.»

Es brauchte Mut

Doch das Business tickt nun einmal anders. Wer nicht selber schon aus moralischen Gründen ein ähnliches Angebot, wie es Seoane aus Bern erhielt, abgelehnt hat, müsste mit Kritik zurückhaltend sein. Der Trainer soll bei YB in drei Jahren 1,8 Millionen Franken verdienen.
Auf jeden Fall haben sowohl der Meister wie der Jungtrainer einigen Mut bewiesen, diese Liaison einzugehen.

Die Erwartungshaltung in Bern ist ungleich höher als in Luzern, und weil die Meistermannschaft bis dato zusammengeblieben ist, muss Seoane sogleich liefern. Sollte der Traum von der erstmaligen Qualifikation für die Champions League in den Playoffs im August platzen, wäre das eine herbe erste Enttäuschung.

Wunschkandidat

Spycher sagt: «Seoane war unser bester Kandidat. Aber auch der schwierigste, weil er unter Vertrag stand. Wir haben mit ihm ein langfristiges Projekt.» Der Dreijahresvertrag zeugt davon und vom grossen Vertrauensvorschuss der Berner. Als Seoane Anfang Juni in der Hauptstadt vorgestellt wurde, sagte Spycher, dass er einen hungrigen Trainer mit einer natürlichen Autorität gewollt habe. Einen auch, der einen vertikalen Fussball spielen lasse.

Vier Tage vor dem Startspiel gegen GC sitzt dieser Seoane nun im Mediencenter des Stade de Suisse auf dem Podest, berichtet über den Verlauf der Saisonvorbereitung und gibt Einblick in seine Gefühlswelt. «Ich habe vom ersten Tag an eine hungrige Mannschaft erlebt. Nach der harten physischen Arbeit in den ersten Wochen werden die Spieler nun spritzig. Man sieht im Training, wie sie um die Plätze in der Startelf kämpfen», sagt Seoane. «Ich habe ein Luxusproblem. Jede Position ist doppelt besetzt.»

Die sportliche Führung der Young Boys: Sportchef Christoph Spycher (rechts) und Trainer Gerardo Seoane

Die sportliche Führung der Young Boys: Sportchef Christoph Spycher (rechts) und Trainer Gerardo Seoane

Eine wichtige Entscheidung hat er schon gefällt. Obwohl Marco Wölfli sich mit einer makellosen Rückrunde in Bern unsterblich gemacht hat, verdrängt ihn der genesene David von Ballmoos nun wieder aus dem Tor. «Die beiden sind auf Augenhöhe. Es gibt keine klare Nummer 1. Aber wir haben entschieden, mit David in die neue Saison zu starten. Er ist ein junger Goalie mit Potenzial und wir wollen für Schweizer Talente die beste Adresse sein», sagt Seoane.

Stärken beibehalten

Obwohl Trainer schnell einmal daran gemessen werden, ob ihre Handschrift zu sehen ist, war Seoane intelligent genug, nicht alles über den Haufen zu werfen, was unter Vorgänger Adi Hütter gut und erfolgreich war.

Es gehe nicht um seine eigene Handschrift, sagt Seoane, sondern zuerst einmal darum, nach dieser hervorragenden Saison die YB-Stärken beizubehalten. Er habe festgestellt, dass auch jene Spieler, die sich Hoffnungen auf einen Transfer in eine grosse Liga machen, voll bei der Sache seien. Wie zum Beispiel Nuhu, der mit Hoffenheim liebäugelt.

YB und Seoane sind bereit. Es gibt nichts, was einen daran zweifeln liesse.

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