Bundesliga

Vorfreude, Jubel, Ernüchterung: Borussia Dortmund und die Achterbahn der Emotionen

Da war die Dortmunder Welt noch in Ordnung: Der Jubel nach dem Treffer zum 3:0.

Da war die Dortmunder Welt noch in Ordnung: Der Jubel nach dem Treffer zum 3:0.

Gegen Hoffenheim vergibt Borussia Dortmund eine 3:0-Führung – Euphorie musste der Enttäuschung weichen. Borussia Dortmund und die Achterbahn der Emotionen für unzählige Fans.

Dortmund. Ruhrpott. In der Innenstadt fliegt ein Rabe entlang grauer Häuserfassaden. Es riecht nach Fast Food und Beton. An der Ecke steht ein Dönerimbiss, daneben noch einer. Gegenüber wird gerade ein Gebäude saniert. Besonders ästhetisch ist diese Stadt nicht. Es gibt schönere Reiseziele für einen Wochenendausflug. Wäre da nicht der Fussballverein. Borussia Dortmund, achtmaliger deutscher Meister, Champions-League-Sieger – und aktueller Tabellenführer der Bundesliga. Der Stolz der ganzen Stadt.

Es ist Freitagabend. Die Leute schlendern die Strasse entlang. Jugendliche machen sich auf den Weg ins Nachtleben. In einer Bar im Stadtzentrum steht Roman am Tresen. Seit 22 Jahren ist er BVB-Fan. «Momentan lebt es sich grandios als Dortmund-Fan», sagt er, nachdem er zwei jungen Männern ihre Cuba Libre hingestellt hat. «Es kommen immer viele Leute ins Stadion und die Stimmung in der Stadt ist super, vor allem dann, wenn die Borussia spielt.»

Die Stadt im Dortmund-Fieber

Roman sagt, er sei überrascht, was Lucien Favre aus der Mannschaft gemacht hat: «Ich hätte nicht gedacht, dass er als alter Fuchs mit einer so jungen Mannschaft so gut zurechtkommt. Und wenn er den BVB tatsächlich zum Meistertitel coacht, dann dreht die ganze Stadt durch. Beim letzten Mal mussten wir schon Stunden früher aufmachen, weil jeder hier in der Stadt feiern wollte», sagt Roman, verabschiedet sich und mixt den nächsten Cocktail.

In dem Moment spielt der DJ das Lied «Am Borsigplatz geboren», eine BVB-Fanhymne. Die Leute singen mit, einige schreien regelrecht. Am Samstag ist Spieltag – und jeder hier fiebert dem entgegen.

Wenn das Grau der Farbe weicht

Samstag, 12.30 Uhr. In drei Stunden wird die Partie des BVB gegen Hoffenheim angepfiffen. Und irgendwie präsentiert sich die Stadt heute anders als am Vortag. Nicht mehr so grau, nicht mehr so trist. Auf dem Weg vom Zentrum zum Stadion wird einem allmählich klar, wie wichtig der Fussball den Menschen im Pott ist. Alles hier ist schwarz-gelb. Überall sind Dortmund-Fahnen. Nur selten sieht man Leute, die nicht in den Vereinsfarben gekleidet sind. Die Bars sind rappelvoll. Ganz Dortmund will den BVB spielen sehen.

Vor dem Signal-Iduna-Park steht Frank, in einen schwarz-gelben Schal gehüllt. Schon 50 Jahre ist er Fan. «Der Fussball hat im Ruhrgebiet einen extrem grossen Stellenwert», erzählt er. «Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit bedeutet der Verein hier fast alles. Für viele Menschen sind die Spiele vom BVB die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben. Und deshalb tun sie auch alles für ihren Verein» sagt er, ehe er sich auf den Weg ins ausverkaufte Stadion macht.

Rasant und zielstrebig

Dort singen 81 365 Zuschauer vor dem Anpfiff den Song «You’ll Never Walk Alone». Die «gelbe Wand», die Südtribüne mit rund 25 000 Stehplätzen, schwingt ihre Fahnen. Es ist eine magische Atmosphäre. Magisch wie der Fussball, den der BVB kurz darauf zeigt. Und das, obwohl Captain Marco Reus verletzt ausfällt und Trainer Lucien Favre nicht im Stadion ist. Er hütet wegen einer Grippe das Bett.

Der Rest der Mannschaft lässt die Sorgen vorerst vergessen. Jadon Sancho, Mario Götze und Raphaël Guerreiro sorgen dafür, dass Dortmund nach 66 Minuten 3:0 in Front liegt. Der BVB spielt den rasanten, zielstrebigen Fussball, den man sich aus dieser Saison gewohnt ist. Die Verteidigung bleibt stabil – und falls Hoffenheim doch mal einen Schuss abgeben kann, ist an Roman Bürki kein Vorbeikommen. Die Stimmung könnte nicht besser sein.

Aus Euphorie wird Enttäuschung

Doch sie kippt. Der BVB offenbart plötzlich Schwächen. In der 75. Minute trifft Hoffenheim nach einer Flanke zum 1:3. Dortmund stellt die Abwehr um. Der Plan geht nicht auf. Sekunden später folgt das 2:3. Wieder nach einer Flanke. Und dann, drei Minuten vor Schluss, passiert das, was vor 30 Minuten noch keiner geglaubt hätte. Hoffenheim erzielt den Ausgleich.

Dann ist das Spiel vorbei – aus unbändiger Euphorie wurde innerhalb von 15 Minuten masslose Enttäuschung. Die meisten verlassen das Stadion kurz nach Abpfiff, einige bleiben ernüchtert sitzen. Auf den hinteren Rängen schreit sich eine Frau mittleren Alters mit unschönen Beleidigungen gegen einige Hoffenheim-Akteure den Frust aus dem Leib.

Nach dem 1:1 gegen Frankfurt und dem Pokal-Aus gegen Werder Bremen ist es das dritte sieglose Spiel in Folge. Der Tabellenführer strauchelt. Und was die Anhänger von Dortmund nach dem Abpfiff schon befürchteten, sollte sich am späteren Abend bewahrheiten. Die Bayern schlagen Schalke. Dortmunds Vorsprung schmilzt auf fünf Punkte.

«Da ist noch Luft nach oben»

«Es ist noch lange nichts gewonnen», sagt Franco, der beim Ausgang vor dem Fanshop steht. Er legt jedes zweite Wochenende 400 Kilometer mit dem Auto zurück, um den BVB spielen zu sehen. «Da ist noch Luft nach oben. Das hat man heute wieder gesehen. Die Bayern bleiben dran», sagt er. Dann reiht er sich ein in den Strom der tausenden Fans, die sich auf den Weg nach Hause machen. In zwei Wochen werden sie wieder hier sein und mit ihrem Team jubeln, aber auch leiden. In Dortmund, einer Stadt, in der Fussball alles bedeutet.

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