EM 2016
Wird Frankreichs Paul Pogba der Superstar der EM? Ein Besuch in Roissy-en-Brie

Paul Pogba gilt als grosser Star der Equipe de France. Ein Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Er soll Frankreich den EM-Titel schenken. Doch wo kommt er eigentlich her? Ein Besuch in Roissy-en-Brie, wo der Superstar das Fussballspielen erlernt hat.

Markus Brütsch
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Ein Besuch in Roissy-en Brie, wo Paul Pogba das Fussballspielen erlernt hat
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Der ganze Stolz der US Roissy-en Brie ist in einer winzigen Kammer ausgestellt: Ein paar Trikots mit Widmungen der Pogbas und einige Pokale. Mehr gibt das Stade Paul Bessuard auch nicht her.
Fussballtraining in Roissy-en Brie: Ihr grosses Vorbild ist Paul Pogba
Auf dem Nebenplatz wähnt man sich bisweilen in Afrika.

Ein Besuch in Roissy-en Brie, wo Paul Pogba das Fussballspielen erlernt hat

Keystone

Sambou Tati wird heute Abend nicht im Stade de France sitzen. «Ich gehe nicht mehr hin, selbst wenn mich Paul wieder einmal einladen würde», sagt Tati.

Am 13. November war er noch hingegangen. An jenem Abend, als vor dem Stadion und anderen Orten in Paris die Bomben explodierten.

«Ich werde mir die Spiele zusammen mit Freunden und einem Bier am Fernsehen anschauen», sagt Tati. «Ich bin sicher, wir werden einen grossartigen Paul erleben, der uns zum Titel führt.»

Zwei Tage vor dem Beginn des EM-Turniers ist Tati im Stade Paul Bessuard auf einer Bank gesessen und hat aus der Zeit erzählt, während der Paul Pogba bei der US Roissy-en-Brie das Fussballspielen erlernt hatte.

Er hat geschildert, wie er weiterhin den Kontakt zum Juventus- und angehenden Weltstar pflegt und von diesem im letzten Frühjahr nach München zum Champions-League-Spiel gegen die Bayern eingeladen worden sei.

«In seine alte Heimat ist Paul aber schon lange nicht mehr gekommen. Es fehlt ihm dafür die Zeit», sagt Tati.

Der Stolz einer Stadt

Die Anfahrt nach Roissy-en-Brie von Paris aus dauert mit dem Zug eine Dreiviertelstunde. Ein Rundgang durch die zum Département Seine-et-Marne gehörende Gemeinde mit 23 000 Einwohnern ergibt das Bild einer gepflegten Kleinstadt mit einem historischen Rathaus und einem schönen Park.

Im Restaurant «Chez Faty» ist alles für die EM vorbereitet, die Flaggen der Teilnehmer schmücken die Bar.

Der Wirt, der einem Gast grosse Würste mit Linsen serviert, sagt: «Wir alle sind sehr stolz auf Paul. Er hat bei uns das Fussballspielen erlernt und wird eine ganz grosse Karriere machen.»

Paul Pogba wurde mit Juventus Turin italienischer Meister

Paul Pogba wurde mit Juventus Turin italienischer Meister

KEYSTONE/EPA ANSA/DI MARCO

Im Moment zirkulieren die wildesten Gerüchte. Es heisst, Zinedine Zidane wolle seinen Landsmann unbedingt bei Real Madrid sehen. Aber auch Barcelona, die Klubs aus Manchester, die City und die United, sollen um den Mittelfeldspieler buhlen. José Mourinho sei besonders scharf auf den 23-Jährigen, 1,90 Meter grossen Jungstar. Doch ob dieser ins Old Trafford zurückkehren will, nachdem er 2012 vor Alex Ferguson geflüchtet ist?

Drei Jahre zuvor war er von Le Havre kommend in die Akademie der Red Devils eingetreten und hatte den Sprung zu den Profis geschafft. Doch eingesetzt wurde er kaum, in der Premier League nur drei Mal.

Pogba war frustriert und Ferguson auch, weil der Junge zu wenig Geduld hatte. Für einen Klacks von drei Millionen wechselte dieser dann vor vier Jahren zu Juventus und wurde mit den Bianconeri viermal Meister. «Wir fragten uns, ob Manchester blind sei», sagte Juve-Goalie Gianluigi Buffon.

Zweifel an Pogbas Qualitäten hat ausser Ferguson bisher niemand gehabt. Im Nationalteam ist er unter Didier Deschamps zum wichtigsten Spieler geworden.

«Er ist der Mittelfeldspieler der Zukunft. Sein Talent ist der Wahnsinn. Ich kann mir gut vorstellen, dass er mal den Ballon d’Or gewinnen wird», sagte sein Schweizer Teamkollege bei Juve, Stephan Lichtsteiner.

Pogbas Berater Mino Raiola sagt, wenn er sehe, dass Real Madrid für Bale 97 Millionen Euro bezahlt habe, dann sei Paul 200 Millionen wert. Letztlich wird er für 80 bis 100 Millionen wechseln.

Sambou Tati sagt: «Das wäre für uns ein Sechser im Lotto.» Bisher hat die US Roissy-en-Brie finanziell an den Transfers von Pogba, zuerst zu Torcy, dann zu Le Havre, ManUnited und schliesslich zu Juve, durch Ausbildungsentschädigungen nur marginal profitiert.

«Wir erhielten 18 000 Euro. Das entspricht etwa unserem Budget», lacht der 44-jährige Tati, der auf der Gemeinde einen Bürojob bekleidet und seit 14 Jahren Präsident des Vereins ist.

«Bei einem grossen Wechsel könnten für uns aber 300 000 Euro herausspringen.» Tati schlägt die Hände vors Gesicht.

Fussballtraining in Roissy-en Brie: Ihr grosses Vorbild ist Paul Pogba

Fussballtraining in Roissy-en Brie: Ihr grosses Vorbild ist Paul Pogba

Markus Brütsch

Auch die beiden älteren Brüder von Pogba haben hier angefangen. Heute spielt Florentin für Saint- Etienne, Mathias in Schottland für Partick Thistle. Beide treten für Guinea an, das Heimatland der Eltern. Paul war vor fünf Jahren zum ersten Mal dort. «Seither werfe ich kein Essen mehr weg und rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf», hat er in einem Interview gesagt.

Neben den Pogbas stammt auch Nicolas Isimat-Mirin, eben mit Eindhoven Meister geworden, aus dem Nachwuchs der US Roissy-en-Brie. «Und zwei Junioren sind vom PSG aufgenommen worden», sagt Tati stolz.

Den Ball nie abgegeben

Er erinnert sich, dass Paul Pogba eigentlich ein pflegeleichter Junge war, den Ball aber nie abgespielt habe.

«Doch er hat schon damals die Differenz ausgemacht. Wenn ihm oder den Kollegen etwas misslang, konnte er fürchterlich wütend werden», sagt Tati.

«Das Kopfballspiel hat er nie gemocht, er wollte immer nur dribbeln.» Sechs Jahre lang ist Pogba hier gewesen; solange wie noch bei keinem Klub bisher.

«Wir haben etwa 500 Junioren und hervorragende Trainer», sagt Tati. Die erste Mannschaft spiele in den unteren Ligen des Amateurfussballs keine grosse Rolle, sagt Tati.

«Wir konzentrieren uns ganz auf den Nachwuchs.» Dieser ist den ganzen Nachmittag über in der Grösse einer Hundertschaft über die Plätze gewieselt.

Jetzt aber ist das Training der Kleinen beendet, die Grossen warten, und der sechsjährige Yves ist auf dem Weg in die Kabine. «Ob ich Pogba kenne?» Was für eine Frage. «Er ist doch das Idol von uns allen hier!»

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