Fussball
Zürcher Cup-Derby: «Der Wahnsinn geht weiter! Ich spüre es»

Nie war ein Zürcher Derby spektakulärer als vor elf Jahren und einem Tag. Was bleibt von diesem Drama?

Etienne Wuillemin und Markus Brütsch
Drucken
Teilen
Die Entscheidung an einem denkwürdigen Abend. Richard Nuñez erzielt das 6:5 für GC. Aber halt, war da nicht noch etwas kurz vor dem Ende?KEY

Die Entscheidung an einem denkwürdigen Abend. Richard Nuñez erzielt das 6:5 für GC. Aber halt, war da nicht noch etwas kurz vor dem Ende?KEY

KEYSTONE

Es war Wahnsinn. Und wahrscheinlich ist das sogar untertrieben. Es war Derby. Cup. Halbfinal. GC gegen den FCZ. 5:2 führt der FCZ nach 82 Minuten. GC gleicht in letzter Sekunde noch aus. Und gewinnt 6:5 nach Verlängerung.

Genau elf Jahre und ein Tag sind seither vergangen. GC-Fans erinnern sich an das «legendärste Spiel, das es in der Schweiz je gab». Die FCZ-Anhänger sprechen vom «Spiel, das es nie gab».

Heute ist es wieder so weit. Derby. Cup. Der Viertelfinal, immerhin. Zeit für die Direktbeteiligten von damals, um noch einmal zurückzublicken.

Daniel Gygax, FCZ

Daniel Gygax

Daniel Gygax

Keystone

«Noch viele Tage nach diesem historischen Spiel wurde ich beim Einkaufen von den Leuten immer wieder gefragt: Wie bloss konnte euch so etwas passieren? 5:2 zu führen und doch noch zu verlieren! Ich habe an diesem bitterkalten Abend im Hardturm drei Tore erzielt, und konnte mich am Ende trotzdem überhaupt nicht freuen. An die drei Treffer erinnere ich mich aber noch ganz genau, die sind in meinem Gedächtnis haften geblieben. Das 1:0 fiel schon ganz früh. Im Duell mit Spycher täuschte ich an, rechts vorbeizuziehen, zog dann aber nach links und schoss mit dem linken Fuss. Der Schuss missglückte völlig, wäre weit daneben gegangen, wurde aber von Denicolà so abgelenkt, dass er ins Tor kullerte.

Bei meinem zweiten Tor zum 3:1 kurz vor der Pause traf ich den Ball aber, wieder mit dem linken Fuss, wie schon lange nicht mehr. Ich war erneut an Spycher vorbeigezogen und schlenzte den Ball von der Sechzehnergrenze ins Netz. Auch das dritte Tor konnte sich sehen lassen. Schneider schlug einen weiten Ball, ich konnte meinen Gegenspieler Ziegler – gegen ihn spiele ich ja heute im Cup mit dem FC Aarau in Sion! – blocken und dann mit einem Lob über Goalie Taini hinweg das 4:2 schiessen. Dass ich nach diesem Spiel kein Auge zugebracht habe, versteht sich ja von selber.»

Alain Geiger, GC

Alain Geiger

Alain Geiger

Keystone

«Ich hatte zwar als Spieler mal mit dem FC Sion gegen Servette in Unterzahl einen 0:4-Rückstand in einen 5:4-Sieg verwandelt, das verrückteste Spiel meiner bisherigen Karriere aber war ohne Zweifel dieses 6:5 gegen den FCZ. So viele Emotionen habe ich vorher und danach nie mehr gespürt. Wir lagen schon früh 0:2 im Rückstand. Beim zweiten Tor schoss Castillo Teamkollege Ziegler an – Eigentor. Unglaublich, nachdem schon der Schuss zum 0:1 abgefälscht worden war.

In der zweiten Halbzeit spielten meine Spieler dann auf ihrem besten Niveau. Aber entscheidend hat uns der Platzverweis von Cesar de Souza in die Karten gespielt. Der Brasilianer ist nach seinem Tor wie ein Affe am Zaun hochgeklettert. In der Endphase steigerten wir uns in eine Euphorie. Eduardo, der drei Tore machte, Petric und Nuñez bildeten nun einen richtigen Traumsturm. Man spürte den unbedingten Willen, die missglückte Saison noch mit einem Sieg im Cup zu retten. Plötzlich war alles möglich, und wir schafften das Unmögliche, verwandelten ein 2:5 in ein 6:5.

Leider wurde im Final gegen Wil dann Tararache schon nach zehn Minuten von Schiedsrichter Wildhaber vom Platz gestellt und wir verloren schliesslich 2:3. Das hat meinem Ruf als Trainer natürlich schwer geschadet.»

Christoph Spycher, GC

Christoph Spycher

Christoph Spycher

Keystone

«Mir fällt nur ein Wort ein: grossartig. Verrückter hätte die Dramaturgie nicht sein können. Eigentlich hatten wir schon nach 45 Minuten das Gefühl, gar nicht so schlecht gespielt zu haben. Aber wir lagen 1:3 zurück. Auch ich sah beim einen oder anderen Gegentor nicht gerade gut aus. Dass mir bei unserer Wende dann drei Assists gelangen, ist deshalb umso schöner. Zweimal traf danach Eduardo. Er war damals so schnell, ich musste den Ball nur im richtigen Moment spielen – den Rest übernahm er. Das ging damals dutzendfach so. Mein Volley auf seinen Kopf löste in der 89. Minute mit dem 4:5 unsere Schlussoffensive aus. Mit jedem Tor ist unser Glaube an das scheinbar Unmögliche wieder gestiegen. Nach dem Ausgleich standen wir auf dem Platz und wussten: Dieses Spiel lassen wir uns nicht mehr nehmen.

Als in der Verlängerung dann der Ball auf der linken Seite zu mir kam, sah ich, wie die FCZ-Verteidigung etwas hoch stand und Nuñez gleichzeitig wunderbar diagonal lief. Mit dem Aussenrist konnte ich ihn lancieren, sein Lob ins Tor war perfekt. Die Freude danach grenzenlos.»

Alain Nef, FCZ

Alain Nef

Alain Nef

Alex Spichale

«Was in dieser 117. Minute geschah, werde ich nie in meinem Leben vergessen können. Es sind noch drei, vielleicht vier Minuten zu spielen. Genug Zeit, um den Wahnsinn voranzutreiben. Ich spüre es. Erst das 6:6, und dann der Sieg nach Penaltyschiessen für uns. Gygax zirkelt den Freistoss in den Strafraum. Ich stehe bereit zum Kopfball. Und dann reisst mich Denicolà um. Ein glasklarer Penalty. Aber die Pfeife bleibt stumm. Unfassbar. Zumindest der Linienrichter muss das Foul doch sehen.

Ob ich das Tor selbst gemacht hätte, kann ich nicht einmal versprechen. Ok, ich war vielleicht zwei Meter vom Tor entfernt, hätte reichen können. Aber Cesar hätte den Penalty sicher verwandelt. Nein, halt, der war ja gar nicht mehr auf dem Platz. Auch so eine Geschichte. Schiesst das 5:2, steigt auf den Zaun, um mit den Fans zu feiern und muss darum mit gelb-rot vom Platz. Wirklich in Gefahr wähnten wir uns aber auch danach nicht. Auf dem Platz haben wir schon gewitzelt, dass wir längst im Final stehen ...

Seither habe ich nie mehr ein Spiel vorzeitig abgehackt oder verloren gegeben. Und ich bin sicher: Diese schmerzhafte Erfahrung hat dazu beigetragen, dass wir zwei Jahre später, am legendären 13. Mai 2006, Meister wurden – dank des Tores in der 93. Minute gegen den FCB.

Das zweite Gute nach diesem Abend war: Wenigstens hat uns Wil im Final gerächt.»

Aktuelle Nachrichten