Playoff-Final
Mit hundert Prozent Genoni: Der EV Zug erzwingt die «Belle»

Der ZSC verliert das letzte Spiel der Geschichte im Hallenstadion gegen Zug 0:2. Die Titelentscheidung fällt am Sonntag in Zug.

Klaus Zaugg
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Leonardo Genoni gewinnt Spiel sechs quasi im Alleingang.

Leonardo Genoni gewinnt Spiel sechs quasi im Alleingang.

Bild: Urs Flüeler / Keystone

Manchmal wird selbst ein Mannschaftspiel, für das sich 44 junge Männer auf das Matchblatt eintragen lassen, auf einen einzigen Mann reduziert. Das passiert sehr selten. Vielleicht alle drei oder vier Jahre einmal. Gestern war es wieder einmal so weit. Leonardo Genoni hat das letzte Spiel der Geschichte im Hallenstadion allein gewonnen.

Ganz allein. Er hat kein Tor zugelassen und seine Vordermänner haben keines erzielt. Wir ignorieren bei dieser Behauptung also Grégory Hofmanns 2:0. Dieses Tor war nämlich nicht mehr nötig. Das 1:0 war die Entscheidung. Der Siegestreffer wird zwar in der Statistik Fabrice Herzog zugeschrieben. Weil es im Eishockey keine Eigentore gibt. Aber ZSC-Stürmer Justin Azevdo hat den Puck ins eigene Tor abgelenkt (4. Min.). Und weil es im letzten Spiel im Hallenstadion dramatisch sein muss: Via Pfosten. Diese Szene mag künftig jedem Stürmer als Ausrede dienen, der vom Trainer wegen fehlender Lust zur Defensivarbeit zusammengefaltet wird: «Trainer, wir Stürmer haben vor dem eigenen Tor nichts zu suchen. Erinnere Dich daran, was 2022 im 6. Finalspiel im Hallenstadion passiert ist.»

Genoni-Mythos ist wieder auferstanden

Wer zum Pessimismus neigt, schreibt das Scheitern der ZSC Lions der Abschlussschwäche zu. Wer das Gute sieht, rühmt Leonardo Genoni. «Grosse Spieler spielen ihre grossen Partien dann, wenn es drauf ankommt» hat Zugs Trainer Dan Tangnes im Laufe dieser Finalserie einmal gesagt. Diese Weisheit, so alt wie das Eishockey, trifft auf Leonardo Genoni wahrlich zu. Wir können diese sechste Finalpartie in drei Worten zusammenfassen, die uns die ganze Wahrheit sagen: «Hundert Prozent Genoni.» Als er ein guter Goalie war, gewannen die ZSC Lions dreimal hintereinander. Seit er wieder ein grosser Goalie ist, haben die Zuger nun dreimal hintereinander gewonnen und der Final steht 3:3. Im letzten Spiel im Hallenstadion ist der «Mythos Genoni», der schon zu verblassen schien, wieder auferstanden und so ganz nebenbei hat er auch den «Fluch des 1:0» gebannt: Die ersten fünf Partien hat jedes Mal das Team verloren, die das 1:0 erzielt hatte.

Die Zürcher zelebrieren im Mitteldrittel das beste Hockey dieser Saison und spielen den Meister mit 16:1 Torschüssen an die Wand. Aber sie vermögen Leonardo Genoni nicht zu überwinden. Er hält, stoppt, wehrt, blockt alle 36 Pucks, die auf ihn zufliegen. Es ist seine Magie, die dieses Wunder ermöglicht. Nicht die Schwäche der Zürcher: Es sind nicht einmal die Reflexe und Fangkünste, die Leonardo Genoni an einem guten Abend zum besten Schweizer Goalie machen: Es ist seine Spielintelligenz. Keiner vermag das Spiel so gut zu lesen wie er, und so ist er oft mit dem Schoner, dem Stock oder dem Fanghandschuh schon dort, wo der Puck hinkommt. Die Leistung gestern Abend ist auch das Produkt seiner immensen Erfahrung aus ganz grossen Spielen, aus sechs siegreichen Playoffinals und aus einem erst im in der Penalty-Entscheidung verlorenen WM-Endspiel.

Diese Niederlage ist bitter, bitter, bitter für die ZSC Lions. Sie haben alles versucht, alles getan, alles gegeben was menschenmöglich war und so gut gespielt, dass wir sagen können: Sie haben dieses Spiel nicht verloren. Sie haben es bloss nicht gewonnen.

Zug kann Historisches vollbringen

Am Sonntagabend (Spielbeginn 20:00 Uhr) kann Zug auf eigenem Eis ein Wunder vollbringen. Als erste Mannschaft in der Schweiz und als erste weltweit seit 1942 einen Final einer wichtigen Meisterschaft nach einem 0:3-Rückstand gewinnen. Alles klar? Nicht ganz. Im siebten Spiel auf fremdem Eis einen Titel gewinnen – das ist es, was sie am besten können. Sie haben es beispielsweise 2001 in Lugano, 2012 in Bern und 2018 erneut in Lugano geschafft.

Die Rollen wechseln nun: Dreimal hintereinander hatten die Zuger nichts mehr zu verlieren und nur noch alles zu gewinnen. So haben sie ein 0:3 aufgeholt. Und nun sind es die Zürcher, die nach drei Niederlagen nichts mehr zu verlieren und nur noch alles zu gewinnen haben: Ein Sieg in Zug wird als grösster Triumph in die Geschichte eingehen. Eine Niederlage nicht als Schmach. Sondern als dramatischster Untergang in der Klubhistorie.

Scheitert der ZSC, wird’s eng für Grönborg

Und Sportchef Sven Leuenberger wird im Falle eines meisterlichen Triumphes in Zug eine schlaflose Nacht haben. Wegen der meisterlichen Festivitäten. Im Falle einer Niederlage werden es für ihn mehrere schlaflose Nächte. Er muss sich nämlich dann überlegen, ob er Trainer Rikard Grönborg (mit Vertrag bis zum Ende der nächsten Saison) behalten oder auszahlen soll. Das ist verrückt: Der grosse schwedische Bandengeneral, zweimal Weltmeister mit Schweden (2017 und 2018) hat in Zürich einfach kein Glück. Letzte Saison den Cup-Final auf eigenem Eis gegen den SCB kläglich verloren, im Halbfinal schmählich gegen Servette gescheitert und nun wäre es die Niederlage in einer der dramatischsten Finalserien unserer Geschichte (seit 1986). Wenn dem grossen Napoléon ein Offizier zur Beförderung zum General vorgeschlagen wurde, erkundigte er sich nicht nach der Sachkenntnis. Er frage nur: «Hat der Mann Glück?». Rikard Grönborg wäre bei Napoléon nicht «Bandengeneral» geworden. Seine Fachkenntnis steht ausser Frage. Er hatte bisher in Zürich bisher bloss kein Glück.

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