Géraldine Ruckstuhl versteht es, unter Druck Sonderleistungen zu erbringen. An den Titelkämpfen in Schweden bewies sie dies auf dem Weg zum Titel im Siebenkampf am Freitag verschiedentlich. Etwa im Hochsprung. Bei Wind, Regen, Kälte übersprang sie 1,73 m und 1,76 m je im dritten (und letzten) Versuch. Wichtige Punkte konnte sie sich so notieren lassen. Und im abschliessenden 800-m-Lauf nutzte sie die Ausgangsposition (Zwischenrang 2, nur minim hinter der Leaderin) zu einem Tempolauf am Limit. In 2:12,05 Minuten lief sie sodann ein – eine klare neue Bestmarke. Die Goldmedaille im Siebenkampf war der 21-Jährigen damit gewiss.

Lange lag Ruckstuhl danach schier regungslos auf der Leichtathletikbahn. «So cool», sagte sie, nachdem sie wieder auf die Beine gekommen war. Es waren lange und anspruchsvolle Tage gewesen. Die Bedingungen mit Regen, Kälte, Wind erschwerten die Leistungsbereitschaft. Der Energieverschleiss war riesig.

Zweifel an der eigenen Performance

«Es lief nicht wie geplant, und ich musste meine Ambitionen auf eine Toppunktzahl früh abschreiben», sagte sie. Eine mentale Herausforderung stellte dies dar, stellten sich doch «plötzlich Zweifel an meinem ganzen Tun» ein.

Das hatte Folgen: in Form grosser Nervosität. Géraldine Ruckstuhl kam damit klar. Auch dank des Schlussefforts über 800 m errang sie nicht nur den Titel, sondern mit 6274 Punkten auch ein vorzügliches Ergebnis. Nur bei ihrem Rekord im letzten Herbst im französischen Talence war sie bisher mit 6391 Punkten besser – bei deutlich besseren Bedingungen. «Ein Hammerresultat», konnte sie so schliesslich festhalten. Und gleichzeitig stellt dieses Ergebnis eine unglaubliche Motivation für die Altbüronerin dar: «Da liegt noch so viel Potenzial brach», sagte sie.

Und nahm sich Géraldine Ruckstuhl auch die Zeit für das Feiern? Es hatte keinen Raum. Nach einer kurzen Nacht – «nach einem 800-m-Lauf schlafe ich nie gut» – stand sie am Folgetag erneut im Einsatz. Auch die Qualifikation im Speerwerfen überstand sie schadlos. Auf 54,59 m schleuderte sie das Wurfgerät, 54 m waren gefordert. Eine zweite Möglichkeit bot sich ihr, verbunden mit einem besonderen Reiz: «Meine U23-Karriere mit einem Doppelstart abschliessen, das bereitet Freude.»

Der Exploit, die zweite Medaille, verpasste sie. Platz 5 resultierte. Mit 51,84 m musste sie sich begnügen. Mit der Enttäuschung konnte sie leben: «Leider ging gar nichts mehr.» Die Spannung war weg. Drei Tage hintereinander auf höchstem Level zehrten am Energiehaushalt. Ärger schwang dennoch mit: «Mit einem guten Wurf hätte ich mir Platz drei gesichert.» Eine Weite von 55,57 m wären dazu mindestens nötig gewesen.

Enttäuschung für Zugerin Géraldine Frey

Bitterer Art war die Enttäuschung der Zugerin Géraldine Frey. Sie hatte am ersten Wettkampftag insofern Pech, als dass sie den Final über 100 m um eine winzige Hundertstelsekunde verpasste. «Ich verschlief den Start und konnte in der zweiten Rennhälfte viel Boden gutmachen», sagte sie. Einige Zentimeter zu wenig waren es.