Eishockey

Gottérons Erfolg ist wie Marilyn Monroe ohne Sex

Fribourgs Marc-Antoine Pouliot (links), Michael Ngoy (Mitte) und Julien Sprunger (rechts) feiern nach dem Spiel den Sieg bei den Fans.

Fribourgs Marc-Antoine Pouliot (links), Michael Ngoy (Mitte) und Julien Sprunger (rechts) feiern nach dem Spiel den Sieg bei den Fans.

Fribourg-Gottéron startet unter Trainer Gerd Zenhäusern so gut in die Saison wie niemals zuvor. Können wir uns Marilyn Monroe ohne Sex vorstellen? Dann sind wir auch dazu in der Lage, den Erfolg von Gottéron zu erklären.

Nie zuvor in der Geschichte, auch nicht während der russischen Flugjahre mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow, ist Fribourg-Gottéron so gut in die Saison gestartet wie jetzt. Der achte Sieg in Serie markierte bereits am Freitag eine neue Rekordmarke – zumal ja früher, bei anderem Modus, noch Unentschieden die Bilanz trübten. Das ist erstaunlich. Denn in vielen Saison-Prognosen ist Gottéron auf den 12. und letzten Platz gesetzt worden.

Eine Szene nach dem Sieg gegen Biel (6:1) zeigt uns, warum Gottéron derzeit so erfolgreich ist. Der 43-jährige Trainer Gerd Zenhäusern ist kein charismatischer Bandengeneral. Kein Vergleich zu seinem Vorgänger Hans Kossmann (53), der jeden Raum füllt, den er betritt, und immer ein wenig wirkt wie ein Mark Messer im Westentaschen-Format.

Die Wesensveränderung

Zenhäusern hat in seiner ruhigen, leisen Art sogar etwas Pastorales. Er verkörpert das neue Gottéron und sagt: «Wir versuchen, auch in kritischen Situationen ruhig zu bleiben und so extreme Leistungsschwankungen zu vermeiden.»

Er steht also für ein rationales Gottéron. Ein rationales Gottéron ist wie Marilyn Monroe ohne Sex. Denn Gottéron steht für Emotionen, für Leidenschaft, für «heiligen Zorn». Und jetzt erleben wir ein ruhiges, ein konzentriertes, ein gelassenes, ein diszipliniertes, ein taktisches Gottéron – ein rationales Gottéron eben.

Selbst der Ausfall von Leitwolf Julien Sprunger (vier Spiel-Sperren nach einem Check gegen den Kopf) hat die Mannschaft nicht erschüttert. Früher wäre leidenschaftlich über die Verbandsmafia gewettert worden. Jetzt sagt Gerd Zenhäusern. «Es ist, wie es ist, und für uns ist diese Sperre kein Grund zur Aufregung.» Nur noch im Umfeld ist über die scheinbare Ungerechtigkeit dieser Sperre debattiert worden.

Ist es nun um die Mannschaft so windstill, weil sie erfolgreich ist, oder ist sie so erfolgreich, weil es so windstill ist? Beides spielt eine Rolle. Der Erfolg macht vieles einfacher, stärkt die Autorität des Trainers und führt dazu, dass auch Spiele gewonnen werden, die bei gleichem Verlauf während einer Krise verloren gehen.

Der Zusammenhalt des Teams hat auch mit der Zusammensetzung zu tun. Zenhäusern sagt: «Wir haben Spieler, die bei uns ihre Chance nützen wollen.» Das tönt banal, ist aber entscheidend: keine Starallüren. Aber der Wille, sich dem Trainer und dem taktischen Konzept zu unterziehen und den ersten Schritt zu einer grossen Karriere zu machen.

Junge Spieler auf dem Weg nach oben

In diese Kategorie gehören Jungs wie Flavio Schmutz (20), Mathieu Maret (23) oder Yannick Rathgeb (19). Dazu passt, dass Rathgeb, der Leitwolf des U20-Nationalteams, zum besten Spieler der Partie gegen Biel gewählt worden ist. Der junge Verteidiger ist ein Königstransfer, eingefädelt von Trainer Gerd Zenhäusern und vollendet von seinem Sportchef Christian Dubé (38).

Der vom zu teuren Spieler zum Sportchef «wegbeförderte» Kanadier ist daran, seine Philosophie umzusetzen. Ein Sportchef ohne Philosophie und Strategie ist ein verlorener Sportchef.

Christian Dubé hat schon kurz nach seinem Amtsantritt erklärt, was er will: «Meine Vision ist schnelles Laufhockey und Puckbesitz. Wenn wir den Puck haben, kann der Gegner keine Tore schiessen. Dies ist die beste Defensive. Wir müssen in der Abwehr so oder so besser werden und dafür brauchen wir scheibensichere Verteidiger.»

Vor einem Jahr hatte Gottéron nach acht Spielen 39 Treffer kassiert. Jetzt waren es nach acht Partien bloss noch 17. Defensive Rationalität mit Yannick Rathgeb statt Abwehr-Hardrock mit Timo Helbling (jetzt beim SCB).

Gottérons Basis liegt im Tor

Und nun kommen wir zum zentralen Punkt. Alles, was bisher geschrieben worden ist, wäre nicht geschrieben worden, wenn der 24-jährige Torhüter Benjamin Conz bisher so gespielt hätte wie vor einem Jahr. Er ist der Hexer, der das neue Gottéron aus dem Hut zaubert. Er hat die SCL Tigers 2011 in die Playoffs gebracht und war damals weltweit einer der besten Torhüter seines Jahrgangs.

Jetzt spielt er erstmals seit diesen goldenen Zeiten wieder sein bestes Hockey. Seine Fanquote (über 93 Prozent) ist so hoch wie nie. Der Schmirgelpapier-Psychologe Hans Kossmann hatte das Selbstvertrauen des sensiblen Goalies zerstört – und sich so im letzten Herbst um sein Amt gebracht. Christian Dubé setzt auf Betreuung: Er hat David Aebischer als Goalietrainer engagiert – den Mann, der einst Gottéron verlassen, die NHL erobert hat und der erste NHL-Millionär aus der Schweiz und Stanley-Cup-Sieger wurde.

Vielleicht ist Fribourg Gottéron inzwischen so rational, dass sogar eine Formschwäche von Benjamin Conz keine Krise mehr auslöst. Aber so gerne wir Gottéron rühmen – eigentlich lieben wir doch noch mehr das wahre, das emotionale, das wilde, das leidenschaftliche Gottéron. Wie wir uns halt Marilyn Monroe auch lieber mit als ohne Sex vorstellen.

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