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Grosser Goalie, guter Goalie? Warum heute fast nur noch grosse Eishockeygoalies erwünscht sind – und wie dies den Sport verändert

Reto Berra, ein grosser, moderner Goalie, der schon alleine mit seinem Stellungsspiel viele Tore verhindert.

Reto Berra, ein grosser, moderner Goalie, der schon alleine mit seinem Stellungsspiel viele Tore verhindert.

Einst hechteten kleine Eishockeygoalies wie wild im Tor herum, heute bewegen sich grosse Goalies weit pragmatischer. Dazwischen liegen Jahrzehnte und ein ganzer Kulturwandel im Eishockey. Warum heute grosse Eishockeygoalies erwünscht sind – und warum dies zu Zeiten Olivier Ankens noch anders war.

Ob er heute noch mithalten könnte? Er, in der Form von früher, zu seinen besten Zeiten? Olivier Anken lacht und sagt: «Mitspielen könnte ich, mithalten unmöglich.»

Anken, die Schweizer Goalielegende, ist inzwischen 63 Jahre alt. Von 1976 bis zum Karrierenende 1994 hielt er seinem EHC Biel die Treue, trotz lukrativen Angeboten von grösseren Schweizer Teams. Er stand 153 Mal für die Schweizer Nationalmannschaft im Tor, war als extrem reaktionsschneller, aber kleiner Goalie bekannt. Lediglich 167 Zentimeter gross ist er. Anken scherzt: «So gross war ich damals – inzwischen bin ich wohl noch etwas kleiner.»

EHC-Biel-Legende Olivier Anken.

EHC-Biel-Legende Olivier Anken.

Mit seiner Körpergrösse gehörte Anken schon in den 1990er-Jahren zu einer aussterbenden Spezies. Kleine Goalies auf Profiniveau sind inzwischen kaum mehr zu finden. Was Eishockeyexperten längst beobachten, lässt sich auch mit Zahlen eindrücklich belegen.

Unsere Datenanalyse der Körpergrössen aller knapp 6000 Eishockeyspieler der höchsten Schweizer Liga und der nordamerikanischen NHL seit 1980 zeigt, dass die Goalies die Feldspieler in Sachen Körpergrösse nicht nur aufgeholt, sondern sie weit überflügelt haben. In einigen NHL-Teams stehen heute Zweimeter-Männer im Tor.

Marcel Kull: «Die Schüsse sind viel härter geworden.»

Die Gründe für den Wandel liegen auf der Hand, zumindest auf den ersten Blick. Grosse Goalies füllen das Tor schlicht besser aus. Anderseits sagt das Gefühl: Sind kleine Goalies nicht flinker und reaktionsschneller?

Goalie-Trainer Marcel Kull mit einem seiner Schützlinge,

Goalie-Trainer Marcel Kull mit einem seiner Schützlinge,

Einer, der die Entwicklungen auf der Goalieposition seit Jahrzehnten beobachtet und sogar mitprägte, ist Marcel Kull. Der Herisauer ist trotz Pensionsalter weiterhin Goalietrainer, arbeitet seit langem für den HC Davos, ist als Förderer von Jonas Hiller, Leonardo Genoni oder Reto Berra bekannt. Er sagt:

Was mit der Entwicklung des Eishockeys zu tun habe, vor allem mit den viel härteren Schüssen. «In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren war hier die Entwicklung brutal», sagt Kull. Einerseits wurde der Slapshot weiter perfektioniert und dank immer ausgefeilterem Stockmaterial noch gefährlicher – jene Schusstechnik also, bei der die Stockschaufel weit vor dem Puck aufs Eis schlägt, der Stock sich durchbiegt und so den Puck stark beschleunigt. Zudem beherrschen immer mehr Spieler den harten Handgelenkschuss – eine Technik, die es Goalies erschwert, den Schuss zu «lesen». Kurzum: Der Torhüter kann mit seiner Reaktion heute weniger ausrichten als früher, als die Schüsse weniger hart aufs Tor kamen. Somit hat jener Goalie Vorteile, der mehr Torfläche abdeckt.

Blocken statt fangen ist heute angesagt

«Jeder Millimeter zählt», sagt Kull. Da wird auch an der Ausrüstung, an Panzern und Schonern geschraubt bis an die Grenzen des Erlaubten. In der NHL sank der Toreschnitt vor einigen Jahren so stark, dass die Schonergrössen stärker reglementiert wurden. Kull spricht vom «Blockergoalie», der heute gefragt sei. Und vom «hinter der Scheibe sein» als einer der zentralen Fähigkeiten eines Goalies. Sprich: Der Torhüter ist noch mehr als früher darauf getrimmt, stets so zu stehen, dass er aus Puckperspektive möglichst das gesamte Tor abdeckt. Die gesamte Defensivarbeit ist heute auf dieses Blocken ausgerichtet.

Es gehe hier auch um den psychologischen Effekt, sagt Kull: Ein Spieler muss das Gefühl erhalten, zwischen Goalie und Goal passe kein Blatt. Damit sind für einen Torhüter vor allem die millimetergenauen Positionsänderungen innerhalb des Torraums viel wichtiger geworden, sagt Kull. Und damit auch die Eislauf-Fähigkeiten.

Als klassischen Blockergoalie bezeichnet er Reto Berra. Er ist der eigentliche Gegenentwurf zu Anken, der mit wilden Paraden, mit seinem Spagat und flinker Fanghand auffiel – und die Schüsse nicht nur blockte, sondern regelrecht nach dem Puck hechtete. Das gemächlichere Spieltempo erlaubte dies noch. Damals griff der Goalie auch ein, um Hereingaben mit dem Stock abzuhechten. «Spannend war es für Goalies auch früher», sagt Anken. «Vielleicht ja sogar etwas spannender.»

Wilde Paraden inklusive: Olivier Anken im Tor des EHC Biel im September 1989.

Wilde Paraden inklusive: Olivier Anken im Tor des EHC Biel im September 1989.

Wie der «Schmetterling» alles veränderte

Anken bringt auch den «Schmetterling-Stil» an, der die körperlichen Anforderungen an einen Goalie verändert habe. Schon in den 1960er-Jahren entwickelte der Kanadier Glenn Hall jene Technik, bei der sich die Goalies auf die Knie werfen und die Füsse nach aussen drücken und so im besten Fall mit den Schonern die Gefahr eines Flachschuss-Tors bannen. Wer im «Schmetterling» gleichzeitig mit den Schultern noch bis zur Latte reicht, hat logischerweise Vorteile. «Mein Schmetterling war überall offen», so Anken. Dank seiner Reaktionsfähigkeit konnte er sich dennoch auf höchstem Niveau halten.

Anken: «Das Schiffli sieht man nicht mehr»

Spätestens in den 1980er-Jahren setzte sich die Butterfly-Technik bei allen Goalies durch. Anken nahm die Technik nur zu Teilen an, wie er sagt. Er absolvierte die meisten Aktionen stehend in der «Stand-Up-Technik», liess aber zumindest manchmal «einen halben Schmetterling» einfliessen. Das «Schiffli» aber, sagt Anken fast wehmütig, sehe man nie mehr. Jene Technik nämlich, bei der der Goalie auf einen schnellen Seitenwechsel mit einer Rutschpartie mit parallelen Beinschonern reagierte.

Olivier Anken, ein kleiner Goalie, der zwischen 1976 und 1994 Grosses leistete.

Olivier Anken, ein kleiner Goalie, der zwischen 1976 und 1994 Grosses leistete.

Er hoffe auf eine neue Entwicklung am Goaliehorizont, sagt Anken. «Manche Torhüter werfen sich zu früh mit einem Butterfly in den Schuss», findet er. Das nutzen Spieler immer öfter aus, mit einem Querpass im letzten Moment zum Beispiel.

Es ist das alte Spiel zwischen Goalie und Spieler, das Spiel von Entwicklung und Gegenentwicklung. Der Schritt zurück zum kleinen Goalie aber, das ist sich auch Anken bewusst: Der wird kaum mehr kommen.

Stellte man den Kleinen einfach ins Tor?

Weshalb man früher überhaupt auf die Idee kam, auf kleine Goalies zu setzen, kann weder Kull noch Anken schlüssig beantworten. Stellte man jene Junioren ins Tor, die die Physis für einen Check oder einen Kampf um den Puck nicht mitbrachten? Oder assoziierte man «klein» automatisch mit «flink» und «reaktionsschnell»? Kull weiss es nicht.

Und Anken macht sich darüber keine Gedanken. Gut, durfte er seine grosse Karriere in den 1970ern beginnen.

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