Kolumne

Gschobe: Das Corona-Virus nimmt uns Brot und Spiele - was macht das mit uns?

François Schmid-Bechtel
Immerhin wird gespielt: Inter Mailand gegen das bulgarische Team von Ludogorez Rasgrad am letzten Donnerstag.

Immerhin wird gespielt: Inter Mailand gegen das bulgarische Team von Ludogorez Rasgrad am letzten Donnerstag.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Winterthur. François, Journalist, Windisch.

David: Das Corona-Virus und die Willkür.
Tobias: Meinst du die Massnahme des Bundesrats, Veranstaltungen mit über 1000 Menschen zu verbieten?
David: Auch. Ich habe zwar ein gewisses Verständnis für die Massnahme. Aber wie damit umgegangen wird, finde ich teilweise sehr fragwürdig.
Pius: Was meinst du?
David: Ich verstehe nicht, warum die Eishockeyspiele stattfinden, der Fussball aber aussetzt.
Tobias: Die Eishockeyaner wollen halt auch mal die Erfahrung von Geisterspielen machen.
Pius: Ich finde es ziemlich deplatziert, jetzt über dieses Thema zu scherzen.
Tobias: Warum denn? Lachen reinigt nicht nur die Zähne, lachen ermutigt auch. Und lachen verbindet selbst Menschen, die nichts zu lachen haben.
Flavio: Würde lachen nicht nur die Zähne, sondern auch die Hände reinigen, wären wir auf der sicheren Seite. Ich bin ganz deiner Meinung. GC gegen Aarau abzusagen, ist doch absurd. Erstens kommen selten viel mehr als 1000 Zuschauer in den Letzigrund. Und wenn du die Zuschauer im Stadion gut verteilst, ist die Ansteckungsgefahr kleiner als im letzten Zug von St. Gallen nach Appenzell.
Tobias: Ich finde die Argumentation von Bundesrat Berset abenteuerlich. Er sagte, man habe sich auf grosse Veranstaltungen konzentrieren wollen, bei denen viele Menschen auf engem Raum sind und man sich nicht frei bewegen könne. Das sei an Bahnhöfen aber nicht der Fall. Da frage ich mich, wann Berset sich letztmals zu Stosszeiten an einem Bahnhof aufgehalten hat. Und wann er letztmals zu Stosszeiten Zug gefahren ist. Da ist die Bewegungsfreiheit nicht grösser als in einer vollen Fankurve.

Die Spieler von Ludogorez Rasgrad am Mittwoch bei ihrer Ankunft auf dem Mailänder Flughafen Malpensa.

Die Spieler von Ludogorez Rasgrad am Mittwoch bei ihrer Ankunft auf dem Mailänder Flughafen Malpensa.

David: Zurück zu meiner Frage: Warum wird Eishockey aber nicht Fussball gespielt? Tobias: Ich kann es mir nur so erklären, dass Teleclub als Rechteinhaber entweder zu lieb oder zu knauserig ist. Wenn man in Deutschland oder in England in eine ähnliche Situation kommt, garantiere ich euch, dass dort auch in leeren Stadien gespielt wird. Allein, weil es die Rechteinhaber so wollen. Und wer bezahlt, befiehlt. Zumindest, wenn er genug bezahlt.
Pius: Ich bedaure auch, dass nicht gespielt wird. Gerade jetzt, wo wir einen derart guten Lauf haben. Offenbar reicht der Videoschiri allein nicht, meinen FC St. Gallen zu stoppen.
François: Du kannst ja doch noch scherzen.
Pius: Kein Scherz! Da ist mein purer Ernst.
Tobias: Absolut! Von China über die Lombardei und Bern bis in die sterile Videoschiedsrichter-Zelle in Volketswil – die Welt hat sich gegen deinen FC St. Gallen verschwört.
François: Seriös, bitte! Man nimmt uns Brot und Spiele. Das ist ein elementarer Fehler. Sicher, Brot und Spiele trüben den Blick auf die grossen Probleme in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Aber in schwierigen Zeiten wie jetzt helfen sie, von den Problemen abzulenken. Es ist der falsche Ansatz, wenn der Fussball aussetzt.
Pius: Oh ja. Kein Fussball, keine Konzerte, keine Fasnacht für die Basler – und irgendwann wird eine Ausgangssperre verhängt. Wo kann noch Dampf abgelassen werden? Ich befürchte, dass die Zahl der Rennfahrer auf unseren Strassen markant zunehmen wird.

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François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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