Kolumne

Gschobe: Das Corona-Virus und die elende Warterei. Oder vertreibt das Warten wirklich die Zeit?

François Schmid-Bechtel
Warten auf diese Momente.

Warten auf diese Momente.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Winterthur. François, Journalist, Windisch.

Pius: Warten, bis endlich wieder etwas passiert.
Flavio: Das Warten vertreibt die Zeit.
Pius: Es kommt mir aber nicht so vor. Kein Fussball, kein Eishockey, nichts. Warten ist langweilig.
François: Die Frage ist doch, ob das Warten berechtigt ist.
Tobias: In der Tat. Wir müssen warten. Da gibt keine Alternative. Und ich finde es absolut richtig, dass jetzt vieles mal still steht. Warten, um Zeit zu gewinnen. Darum, und nur darum geht’s. Warten, bis die Grippewelle durch ist und Spitäler und Ärzte wieder Kapazität haben.
David: Und du glaubst, dass das Warten dann ein Ende haben wird?
Tobias: Warten wir’s ab.
Pius: Warten ist die Hölle.
François: Der Chinese sagt: Die Hölle ist warten ohne Hoffnung.
David: Vergiss es. Wir haben längst verlernt zu warten und werden es auch nicht mehr lernen.
Pius: Ausserdem: Woraus ziehe ich bei all dieser Warterei die Hoffnung? Keiner kann garantieren, dass das Warten nach dem 15. März ein Ende hat.
Flavio: Geduld kann warten, Ungeduld lernt warten. Und wenn das Warten am 15. März kein Ende nimmt, warten wir eben weiter. Leben ist hoffen und warten.
Pius: Deine Affinität für das Warten erstaunt mich nicht. Wie lange wartest schon auf den Coup deiner Azzurri?
Flavio: 14 Jahre. Immerhin weiss ich, worauf ich warte. Denn warten ohne Ziel ist wie Fussball ohne Ball. Da bin ich, was den Schweizer Fussball betrifft, nicht ganz so sicher, ob da wirklich ein Ziel dahintersteckt. Denn wer nicht weiss, worauf er wartet, der weiss zunächst gar nicht, dass er wartet.
David: Quatsch! Auch unser Warten hat ein Ziel: Erstmals den Viertelfinal an einer Endrunde zu schaffen.
Flavio: Ich hoffe mal für euch, dass eure hohen Ambitionen durch das lange Warten keinen Schaden nehmen.
Pius: Ich sag’s dir, worauf ich warte. Auf den 17. Juni. Rom. Ihr gegen uns. Italien gegen die Schweiz. EM-Gruppenspiel. Danach wünscht du dir, dass das Warten auf den Corona-Bann kein Ende genommen hätte.
Tobias: Letzthin habe ich gelesen, dass der durchschnittliche Sowjetbürger einen Drittel seines Lebens mit Warten zugebracht haben soll.
François: Da können wir ja froh sein, dass es keine wartenden Sowjetbürger mehr gibt. Die wären auf Anhieb der Titelfavorit Nummer 1 bei der Fussball-EM.
Tobias: Falls sich das Warten auf die EM überhaupt lohnt. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn schon bald gröbere Massnahmen getroffen werden. Wenn auch in der Schweiz die Schulen geschlossen und der öffentliche Verkehr nur noch stark reduziert benützt werden kann.
David: Es tönt, als würdest du schon dein ganzes Leben auf das grosse Grounding warten.
Tobias: Das stimmt nicht. Man wartet ein Leben lang auf Glücksmomente. Ich sagte nach der Geburt meines Kindes, mein ganzes Leben lang, auf diesen Moment gewartet zu haben. Natürlich ist das nicht der Fall. Aber rückblickend fühlt es sich so an.
David: Hoffentlich kommt nie der Moment, in dem wir unseren Enkelkindern sagen: Ich habe mein ganzes Leben auf den Moment gewartet, als sich unser Leben nach dem Corona-Virus normalisiert hat.

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