Kolumne

Gschobe: Die grosse Starparade - Kobe Bryant, Michael Jordan, Daniel Yule, Sepp Blatter und Marco Streller

Kobe Bryant, einer der grössten Teamsportler der letzten zwei Jahrzehnte.

Kobe Bryant, einer der grössten Teamsportler der letzten zwei Jahrzehnte.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Winterthur. François, Journalist, Windisch.

Tobias: Gewiss ist der Tod von Kobe Bryant eine tragische Geschichte. Aber erstaunt bin ich schon, wie viele Menschen nun plötzlich ganz grosse Basketball-Fans sind und wie gross die Anteilnahme selbst hier in der Schweiz ist.
François: Ach komm schon. Uns ist bewusst, dass du es eher auf dem Eishockey-Planeten zu Hause bist. Das enorme Interesse an der Tragödie um Kobe Bryant zeigt einfach, wie gross dieser Sportler war. Das ist für uns in der Schweiz vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, weil Basketball hier kein grosser Sport ist und die USA weit weg sind.
Flavio: Absolut. Bryant war einer der grössten Mannschaftssportler der letzten zwei Jahrzehnte. Ein Phänomen. Und denkt dran: Basketball ist im Gegensatz zum Eishockey eine Weltsportart. Allein schon, was die interkontinentale Vermarktung betrifft, ist die nordamerikanische Basketball-Liga NBA absolut führend. Die haben mit China schon Verträge abgeschlossen, als wir in Europa glaubten, die Chinesen würden ausschliesslich mit den Fahrrädern zu den Reisfeldern pedalen.
Tobias: Haltet doch bitte den Ball flach.

David: Das ist ziemlich schwierig im Basketball mit diesen segelnden Helden der Lüfte. Glaub mir, ich stelle es sogar in meiner Klasse fest: Den Kids von heute ist Kobe Bryant eher ein Begriff als Daniel Yule, obwohl dieser Schweizer ist und derzeit in einer Sportart imposant durchstartet, die wir gerne auch als unser Weltkulturerbe deklarieren.
François: Das glaub ich dir sofort. Und diejenigen Kids, die sich nicht für Basketball oder Sport interessieren, realisierten das Ausmass des Unfalls spätestens, als sie die Grammys guckten. Wenn Alicia Keys sagt, die Welt hätte einen Helden verloren, dann ist dieser Kobe Bryant auch für jene ein Held, die mit dem Namen vorher nichts anzufangen wussten.
Tobias: Das ist die Macht der Stars. Aber deswegen müssen wir hier doch nicht alle mit Trauerflor herum rennen.
Flavio: Macht doch keiner.
Tobias: Der Kult um Bryant ist überdreht. Das geht mir alles ein bisschen zu weit. Die Fans fordern nun, dass Kobe Bryants Silhouette zum Logo der NBA werden soll.
David: Warum denn nicht? Das wäre mal ein Statement. Und das würde vielleicht auch Nachahmer finden. Muss ja nicht jeder erst posthum zu Ehre kommen. Ich schlage Sepp Blatters Silhouette als Fifa-Logo vor. Ein kleiner Mann mit gemütlichem Bauch.Das würde vielleicht das Image des Weltfussballverbandes etwas aufpolieren.

Michael Jorden: Zunge raus und das Ding im Korb verstauen.

Michael Jorden: Zunge raus und das Ding im Korb verstauen.

Flavio: Mir geht das mit dem Logo auch zu weit. Denn die NBA ist grösser als ein einzelner Spieler. Ausserdem ist Bryant nicht der grösste Basketballer aller Zeiten. Für mich ist das immer noch Michael Jordan. Wie er jeweils mit rausgestreckter Zunge Richtung Korb flog, ist bis heute einzigartig.
Tobias: Wieso mit rausgestreckter Zunge?
Flavio: Meine These: Menschen, die sich ausserordentlich gut auf einen Bewegungsablauf oder ein Ziel konzentrieren können respektive müssen wie Jordan, verlieren die Kontrolle über die Zunge.
David: Das glaubst du doch selber nicht. Denn von einer konzentrierten Ausführung war beim Penalty, den der züngelnde Marco Streller im WM-Achtelfinal 2006 gegen die Ukraine versiebte, nicht viel zu sehen.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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