Handball-Playoffs
«Wir dachten, wir wären durch»: HSC Suhr Aarau übt Selbstkritik nach der Niederlage gegen ein angeschlagenes St. Otmar

Der HSC Suhr Aarau verliert Spiel zwei der Viertelfinalserie in St. Gallen mit 25:27. Nach der Partie rätseln Spieler und Trainer: Liess sich die Mannschaft durch den Ausfall von St. Gallens Topskorer Andrija Pendic beeinflussen?

Frederic Härri
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Leo Grazioli tat sich schwer, die Gedanken in Worte zu fassen, die gerade im Kopf kreisten. Schliesslich sagte der junge Torhüter dann doch: «Wir dachten wohl, wir wären schon durch.»

Es sind leise Worte der Selbstkritik nach einem Spiel, aus dem der HSC Suhr Aarau folgerichtig als unterlegene Mannschaft hervorging. Wer den Start derart verschläft, dass er nach zehn Minuten 1:6 in Rücklage gerät und in der gesamten Partie gerade einmal 37 Sekunden in Führung liegt, hat wenig Argumente für einen Sieg auf seiner Seite. «Verdient verloren», brachte es Misha Kaufmann mit einer simplen Alliteration auf den Punkt.

HSC-Torhüter Leo Grazioli hielt in der ersten Halbzeit gegen St. Otmar zwei Siebenmeter. (Archivbild)

HSC-Torhüter Leo Grazioli hielt in der ersten Halbzeit gegen St. Otmar zwei Siebenmeter. (Archivbild)

Alexander Wagner / FOTO Wagner

In Spiel eins der Viertelfinalserie vor rund einer Woche hat dem HSC auch ein phasenweise fahriger Auftritt nichts anhaben können. Doch das 25:27 am Mittwoch in der St. Galler Kreuzbleiche beweist: Suhr Aarau ist eben doch verwundbar. Gegen einen Gegner, der – wenn nicht verwundet – dann doch ziemlich angeschlagen ist.

Was löste Pendics Ausfall in den Köpfen der Spieler aus?

Die Verletztenliste bei St. Otmar ist lang. Abwehrchef Tobias Wetzel fehlt, ebenso wie die erfahrenen Frédéric Wüstner oder Rares Jurca. Kurz vor Spiel zwei schob sich mit Andrija Pendic der prominenteste aller St. Galler Namen auf die Liste. Der Liga-Topskorer hat sich in der Vorwoche einen Einriss des Meniskus zugezogen und fällt für den Rest der Saison aus. Ein St. Otmar ohne den wichtigsten Mann – was kann da noch schiefgehen für den HSC?

Kaufmann jedenfalls mochte den Ausfall Pendics nicht überbewerten. «St. Gallen ist auch ohne ihn eine sehr gute Mannschaft mit Topspielern», sagte er. Und doch wollte er nicht ausschliessen, dass die Absenz des gegnerischen Torjägers ihren Unfug trieb im Unterbewusstsein seiner Spieler. «Der ein oder andere hatte vielleicht das Gefühl, jetzt werde alles einfacher, da Pendic weg ist. Aber man hat ja gesehen, dass das nicht so war.» Auch in Graziolis Erklärungsversuchen kam das Wörtchen «unterschätzt» vor, doch der 20-Jährige lenkte die Aufmerksamkeit alsbald auf das, was am Mittwochabend wirklich seh- und messbar gewesen war: die Leistung auf der Platte. Diese nämlich sei «weit unter unserem Niveau» gewesen, sagte Grazioli.

Tim Aufdenblatten überzeugte, João Ferraz zog einen gebrauchten Tag ein

Elf technische Fehler zählten die Statistiker auf Seiten des HSC, der hohe Wert war Symptom einer ideenlosen Offensive, in der mit Tim Aufdenblatten (neun Tore aus neun Versuchen) ein einzelner Akteur vollends zu überzeugen vermochte. Am anderen Ende der Skala befand sich João Ferraz. Der Portugiese sollte in engen Spielen wie diesen eigentlich vorweggehen, doch mit kraftlosen Abschlussversuchen und einer weit unterdurchschnittlichen Quote von einem Tor aus sieben Würfen stellte er mehr Hindernis denn echte Hilfe dar.

«Es passiert uns immer wieder mal, dass wir Totalausfälle haben und Spieler sich Fehler erlauben, die sie sonst nicht machen», sagte Kaufmann, der sich für den nächsten Vergleich eine «Topeinstellung» seiner Schützlinge wünscht. Die gute Nachricht für den HSC ist, dass sich bereits am Samstag (ab 18 Uhr im AZ-Liveticker) die Chance auf Besserung bietet. In der Schachenhalle kann Suhr Aarau von Neuem vorlegen und die Frage beantworten, ob jenes zweite Spiel der Serie lediglich ein Ausrutscher gewesen ist.

Telegramm

St.Otmar - Suhr Aarau 27:25 (12:9)

Kreuzbleiche, St. Gallen. - 50 Zuschauer. - SR Brunner/Salah. - Strafen: 3-mal 2 Minuten gegen St. Gallen, 4-mal 2 Minuten gegen Suhr Aarau.

St.Otmar: Bringolf (1 Parade)/Kindler (3 P.); Hörler (4 Tore), Gwerder (4), Geisser (4), Jurilj (4), Haas, Kaiser (2), Schmid, Maros, Höning (9).


Suhr Aarau: Marjanac (5 Paraden)/Grazioli (4 P.); Reichmuth (4 Tore), Zehnder (4), Ferraz (1), Oliveira, Aufdenblatten (9), Parkhomenko (1), Muggli, Poloz (4), Strebel, Slaninka (2), Attenhofer.

Das Spiel in der Zusammenfassung:

Der HSC Suhr Aarau erwischt in St. Gallen einen denkbar schlechten Start. St. Otmar geht rasch mit vier Treffern in Front, während die ersten fünf Abschlüsse des HSC nicht den Weg ins Tor finden. Erst in der 9. Minute gelingt Tim Aufdenblatten das erste Tor für die Gäste.

Man kann nur mutmassen, warum Suhr Aarau den Start in diese Partie dermassen verschläft. Vielleicht mag es daran liegen, dass die Mannschaft auf dem Weg in die Ostschweiz im Stau stecken bleibt und verspätet in der Kreuzbleiche ankommt. In der Folge muss das Spiel eine Viertelstunde später angepfiffen werden.

Nach der schläfrigen Anfangsphase findet der HSC langsam aber sicher ins Spiel. Im Anschluss gelingt dem HSC der zweite Treffer durch Martin Slaninka, Manuel Zehnder trifft mittels zweier Siebenmeter zum 4:6. Hinten aber zeigt sich die Mannschaft des HSC weiter anfällig. Nach 20 Minuten steht es 6:9 aus Sicht der Gäste. Treffer für Treffer robbt sich der HSC langsam heran, doch die defensive Stabilität will sich nicht einstellen beim Team von Misha Kaufmann. Zur Pause steht es 9:12 aus Sicht des HSC.

Auch die erstmalige Führung verschafft dem HSC keine Ruhe

In der zweiten Halbzeit entwickelt sich das Spiel zu einem wilden Offensivspektakel. In Sekundenschnelle wechseln sich die Treffer ab. Erst vermag der HSC sein Drei-Tore-Defizit nicht aufzuholen, dann aber kämpft er sich Tor um Tor heran. Spätestens als David Poloz nach 41 Minuten zum 17:18 trifft, ist die Angelegenheit wieder völlig offen. Wieder und wieder legt St. Otmar zwei weitere Treffer nach, doch in der 47. Minute erwischt der HSC die Hausherren dann tatsächlich, als Timothy Reichmuth auf 21:21 stellt.

Fünf Minuten später trifft Tim Aufdenblatten zur erstmaligen Führung für die Aargauer. Doch auch dies verschafft dem HSC nicht die notwendige Ruhe. Das Spiel wiegt in der Folge hin und her, mit leichten Vorteilen für St. Otmar. In der 57. Minute treffen die Gastgeber zum 26:25. Es ist ein Herzschlagfinale in der Kreuzbleiche, in der Suhr Aarau vehement den Ausgleich sucht. Doch mit einem technischen Fehler in der letzten Minute verspielt der HSC seine Chance auf den erlösenden Treffer. Den Ballbesitz spielt St. Otmar souverän herunter und erhöht gar noch um ein Tor. Und so verliert der HSC Suhr Aarau ein Spiel, in dem er nur ein einziges Mal führte, mit 25:27.

Lesen Sie alle Szenen des Spiels in unserem Liveticker nach:

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