Besuch von Sportanlässen
Handball-Präsident plant ethisch heikle Trennung: Eine Tribüne exklusiv für geimpfte Fans

Giorgio Behr, Unternehmer, Präsident der Kadetten Schaffhausen und ein Meinungsführer im Schweizer Handball, spricht sich für eine Aufteilung der Zuschauer in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Rechten aus.

François Schmid- Bechtel, Rainer Sommerhalder
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Eine Impfpflicht für Spieler der Kadetten Schaffhausen plant Präsident Giorgio Behr nicht. Er sieht aber diesbezüglich strenge Vorgaben für zukünftige Reisen an Auswärtsspiele auf seine Mannschaft zukommen.

Eine Impfpflicht für Spieler der Kadetten Schaffhausen plant Präsident Giorgio Behr nicht. Er sieht aber diesbezüglich strenge Vorgaben für zukünftige Reisen an Auswärtsspiele auf seine Mannschaft zukommen.

Freshfocus (Schaffhausen, 2. September 2020

Giorgio Behr beginnt das Gespräch mit einem Zitat von Immanuel Kant: «Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt». Der Unternehmer und Präsident von Handballmeister Kadetten Schaffhausen sagt, er sei «ein liberaler Geist». Gerade deshalb macht sich der 72-Jährige intensiv Gedanken, wie es mit dem Besuch von Sportveranstaltungen weitergehen wird, wenn ein bedeutender Teil der Schweizer Bevölkerung geimpft ist.

Nun ist die Corona-Impfung Tatsache. Ab wann kann man im Sport wieder die Türen der Stadien öffnen?

Giorgio Behr: Zuerst müssen wir einmal grundsätzlich schauen, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Ab dem Moment, wo eine Vielzahl Menschen geimpft sind beziehungsweise die Chance dazu hatten, muss man Massnahmen prüfen – auch im Profisport. Selbstverständlich sollen Maskenpflicht und Abstand halten weiterhin gelten. Aber die Restriktionen im Profisport betreffend Spielbesuch muss man überdenken, sobald eine Impfung flächendeckend erfolgt.

Welche Pläne schweben Ihnen vor?

Man muss unterscheiden zwischen geimpften und nicht geimpften Menschen. Aber selbstverständlich braucht es in solchen Fragen die Meinung der Experten. Und was ebenfalls klar ist: Bei nicht geimpften Personen wird man sich weiterhin an den bekannten Massnahmen orientieren müssen.

Giorgio Behr, Präsident der Kadetten Schaffhausen.

Giorgio Behr, Präsident der Kadetten Schaffhausen.

Sandra Ardizzone / SPO

Also volle Belegung in den Stadien ausschliesslich für geimpfte Menschen?

Es ist immer davon abhängig, was der Bund empfiehlt, sagt und bestimmt. Wenn aber die Gefahr dank flächendeckendem Impfen eingedämmt wird, sehe ich keinen Zwang, um bei der Auslastung der Stadien weiterhin zurückhaltend zu sein.

Proklamieren Sie eine Zweiklassen-Gesellschaft?

Ich bin für eine Trennung. Nehmen wir ein Handballspiel in Schaffhausen. Da sollen die geimpften und die nicht geimpften Personen bereits vor dem Stadion getrennt werden. Sie sollen am Anlass nicht miteinander in Kontakt kommen. Sie benutzen unterschiedliche Eingänge und sitzen auf verschiedenen Tribünen, die Sektoren sind physisch getrennt. Ausserdem müssen nicht geimpfte Zuschauer beim Eingang Fiebermessen und natürlich gilt für Sie weiterhin Dokumentations- und Maskenpflicht sowie Abstand halten. Als Veranstalter tragen wir eine gewisse Verantwortung, falls Ungeimpfte zugelassen werden.

Sie sehen also ein Recht für Sportveranstalter zu solchen Massnahmen?

Ich kann niemandem vorschreiben, dass er sich impfen muss. Aber jenen, die sich nicht impfen, kann ich als Veranstalter nicht die gleichen Freiheiten zubilligen wie den geimpften bzw. kann ich die Geimpften nicht weiterhin einschränken, wenn ich die Ungeimpften anderweitig schützen kann. Der Grundsatz der Gleichbehandlung ist da klar: Man soll Gleiches gleich, Ungleiches ungleich behandeln. Das tun wir mit diesem Vorgehen, lassen gleichwohl weiterhin alle zu den Spielen zu. Niemand muss also auf den Spielbesuch verzichten. Wir respektieren den persönlichen Entscheid für oder gegen Impfung, der ja – wie bei Allergien – sehr gut begründet sein kann. Bei Schlagerspielen muss es allenfalls zulässig sein, den Bereich für Ungeimpfte nur an der Tageskasse freizugeben, um nicht den Geimpften die Möglichkeit zu nehmen, einen Platz durch Vorausbuchung zu reservieren.

Denken Sie, dass der Bund vorgibt: Nur noch Geimpfte dürfen zu Massenveranstaltungen?

Ich gehe davon aus, dass der Bund in dieser Frage bald Stellung nehmen wird. Es ist denkbar, dass auch der Bund geimpften Menschen mehr Freiheiten zubilligt. Vor allem aber müssen nicht geimpfte Personen wohl strengere Schutzkonzepte einhalten.

Die Spielergewerkschaft im Fussball verlangt, dass auch für Spieler und Teammitglieder eine Impfung zur Vorgabe wird. Denken Sie bei Kadetten Schaffhausen auch an solche Massnahmen?

Die internationalen Verbände und die nationalen Verbände in grossen Ländern werden wegen der Notwendigkeit von Flugreisen bei Auswärtsspielen kaum darum herumkommen, diesbezüglich strenge Regeln zu erlassen. Oder der Zwang kommt via Fluggesellschaften. Man kann schon jetzt beobachten, dass einige EU-Länder hier vorpreschen. Das ist für den nationalen Verband SHV dann schon mal ein «Richtwert». Wir werden bei den Kadetten mit Sicherheit keinen Impfzwang aussprechen. Aber wir werden die Empfehlungen der Fachleute beachten, sie mit Spielern und Staff besprechen, Fragen beantworten und Unsicherheiten abbauen – dafür haben wir diese Spezialisten. Wir setzen in Training und Spiel darauf, dass unsere Leute verantwortlich handeln und entscheiden. Also setzen wir auch hier auf eigene Überzeugung, nicht Zwang – auch keinen psychologischen Gruppenzwang! Unsere Leute wurden wohl schon gegen 20-mal getestet, ein grosser Teil musste trotz stets negativer Tests zwei Mal für 10 Tage in Quarantäne. Es gibt sicher Schlimmeres im Leben, aber für die jungen, körperlich stets aktiven Leute ist das keine angenehme Erfahrung gewesen.