Haris Seferović
Endlich im Herzen der Schweizer Nati-Fans angekommen: Mach es nochmal, Haris!

Lange war der Stürmer mit bosnischen Wurzeln ein Unverstandener. Nun lässt Haris Seferović das Schweizervolk jubeln. Es braucht ihn gegen Spanien.

Christian Brägger, St.Petersburg
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Ein Schrei und geballte Fäuste. Haris Seferovićs Art zu vermitteln: «Merkt es doch endlich: Ich bin einer von euch!»

Ein Schrei und geballte Fäuste. Haris Seferovićs Art zu vermitteln: «Merkt es doch endlich: Ich bin einer von euch!»

Marko Djurica / AP

Man hat den Gedanken auch schon das eine oder andere Mal gehabt. Was wäre, wenn Roger Federer nicht ein Tennisspieler wäre, sondern ein Fussballer. Natürlich ein stürmender, besser als Lewandowski, mindestens so stark wie Messi oder Ronaldo. Wie gut müsste die Fussballschweiz sein mit der Weltnummer eins da vorne – sie wäre automatisch jedes Mal Mitfavorit auf einen grossen Titel. Aber sie hat nicht Roger Federer im Sturm, dafür hat sie ihn: Haris Seferović.

Haris Seferović ist nicht Lewandowski, schon gar nicht Messi und Ronaldo. Haris Seferović ist der Mann aus Sursee. Und Haris Seferović ist gut. Nur wollten das viele nicht glauben, bis zu dieser EM. Jetzt ist alles anders, jetzt ist der 29-Jährige ein grosser EM-Held.

Seferović ging ob all den Geschichten etwas unter

Er hatte etwas Pech, dass er in den Lobeshymnen zur Schweizer Nationalmannschaft ein wenig unterging. Weil andere Geschichten dominierten, Xhaka, Sommer, Petković, vielleicht sogar Gavranović. Dabei war es Seferović, der die ersten Zeilen des Schweizer Bestsellers überhaupt erst in eine Happy-End-Richtung schrieb. Und als die Geschichte plötzlich in einer Tragödie zu enden drohte, war es nochmals Seferović, der wieder wunderbare Zeilen ins Buch diktierte und sich ein zweites Mal in die Herzen des Schweizervolks jubelte.

Und wie er das tat. Es waren eben auch Bilder für die Ewigkeit, und man hätte gerne gewusst: Was genau geht im Kopf von Haris Seferović vor, wenn er die Schweizer Welt voller Stolz, Anspannung und Adrenalin anschreit mit weit aufgerissenen Augen wie Mund und geballten Fäusten? Als wollte er ihr sagen: «Merkt es doch endlich, ich bin einer von euch, ich kämpfe für euch, ich gebe alles für euch!»

Das 1:0 gegen die Türkei machte er mit links.

Das 1:0 gegen die Türkei machte er mit links.

Jean-Christophe Bott/Keystone

Seferović ist in Topform, er hat der Schweiz an dieser EM bislang drei Tore geschenkt, und was für welche. Eines mit dem linken Fuss gegen die Türkei – Extraklasse. Er war damit der Dosenöffner fürs Weiterkommen. Dann die zwei Kopfballtore gegen die Franzosen – Extraklasse. Er war damit der Initialzünder für ein Duell auf Augenhöhe gegen den Weltmeister. Nach dem Sieg im Penaltyschiessen sagte er: «Wir haben Geschichte geschrieben. Ich bin so stolz auf das ganze Team. Wir haben alle gekämpft, alle haben daran geglaubt, bis zum Ende. Wenn jemand nicht mehr konnte, ging er raus und ein anderer übernahm die Aufgabe. Egal wer spielt: Alle müssen 120 Prozent Gas geben und das haben wir gemacht.»

Fast würde man auf die Idee kommen, Seferović hätte jetzt erst den Knopf aufgetan. Dabei gibt er seit mehr als acht Jahren Gas in der Nationalmannschaft, er rackert für sie, erzielte für sie bereits 24 Tore und ist in der ewigen Torschützenliste auf Platz sechs. Nun ist es auch nicht mehr so abwegig, dass Seferović doch noch auf den Zettel eines grösseren Klubs kommt als Benfica Lissabon es ist. Vielleicht bei Everton in die Premier League.

Was aber offensichtlich ist. Seit er sein privates Glück gefunden hat, Vater einer Tochter ist und in aller Ruhe seit vier Jahren in Portugal arbeitet, ist er viel ausgeglichener. Früher war er vielleicht ein Lebemann, tingelte nach dem U17-Weltmeistertitel von Klub zu Klub, suchte hier und dort das Glück, fand es aber eigentlich erst in den drei Jahren bei Eintracht Frankfurt, seiner vorletzten Station.

Seferović feiert den Sieg über Frankreich.

Seferović feiert den Sieg über Frankreich.

Justin Setterfield / AFP

Früher hatte Seferović einen Charakter, der ihn schon mal auf und neben dem Platz explodieren liess. Das müsse dann einfach raus, sagte er einst gegenüber dieser Zeitung, weil er das Temperament seines Vaters habe; die Eltern sind aus Bosnien, sie kamen in die Schweiz noch bevor der Krieg mit Serbien ausgebrochen war. Doch heute denkt sich Seferović nach Kritik nicht mehr: «Komm, tauschen wir doch die Rollen, wenn du so eine Ahnung vom Fussball hast.» Heute explodiert er nur noch auf dem Platz, übernimmt Verantwortung. Nicht verbal, aber mit Gesten wie vor dem Penaltyschiessen, als er die Mitspieler motivierend anschrie. Ausgerechnet er, der im Team eher als Stiller, vielleicht sogar als Einzelgänger gilt, sich dabei aber schon in der Nähe von Xhaka und Akanji bewegt. Und vor allem immer das Vertrauen von Petković spürt, auch nach schlechten Spielen.

Vom Volk lange ein Unverstandener

Wohl wegen dieser schlechten Spiele haben die Schweizer Fans den Stürmer nie verstanden, es gab im November 2017 ja die berüchtigten Pfiffe beim Playoff-Sieg gegen Nordirland, die völlig deplatziert waren. Sie haben nie verstanden, dass Seferović alles gibt im Schweizer Dress. Alles, was seinen Möglichkeiten entspricht. Das ist manchmal in schwierigen Begegnungen nur das Laufen und der Kampf. Und manchmal ist es alles, wie gegen Frankreich. Die ganze geballte Ladung. Sie braucht es gegen Spanien. Nicht, um Roger Federer zu sein. Dafür abermals mitten im Schweizer Herzen.

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