Super League
Heimlicher Neustart und Zeit für grosse Träume beim BSC Young Boys

Im Frühling jährt sich die Titellosigkeit von YB zum 30. Mal. Wie so häufig gibt es in Bern aber auch zu Beginn des Jahres 2017 Anzeichen auf Besserung. Das hat viel mit Sportchef Christoph Spycher zu tun. Doch kann der neuste Hoffnungsträger des Vereins die chronischen Probleme tatsächlich beseitigen? Die Sehnsucht nach Erfolg steigt wieder.

Etienne Wuillemin
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Im Stade de Suisse haben die Young Boys noch nie einen Titel geholt.

Im Stade de Suisse haben die Young Boys noch nie einen Titel geholt.

Keystone

Die Meisterschaft: ziemlich frustrierend

Die Frage ist nur eine Spielerei. Und trotzdem treibt sie Yvon Mvogo ein herzhaftes Lachen ins Gesicht. Wer würde Meister, wenn 36 Mal pro Saison diese Partie anstünde: YB gegen Basel? Mvogo fragt zurück: «Ernsthaft jetzt?» Kurze Pause. «YB, natürlich. Daran gibt es keinen Zweifel.»

Aber so funktioniert das eben nicht. 3:1 hat YB den FC Basel anfangs Dezember zwar aus dem Stadion gefegt. Und doch ist der Sieg nach menschlichem Ermessen nur ein Tropfen auf den heissen Stein. 12 Punkte beträgt der Rückstand der Berner auf den FCB. «Frustrierend», fällt Abwehrpatron Steve von Bergen dazu ein. In der Tat. Und vor allem frustrierend, wenn man sich die Bilanz von YB der letzten sieben Spiele anschaut. Sechs Siege, ein Unentschieden, ergibt 19 Punkte. «Eigentlich nicht schlecht, oder?», fragt von Bergen. Eigentlich.

«Wenn 36 Mal das Duell YB gegen Basel anstünde – dann würde YB ohne jeden Zweifel Meister.» Yvon Mvogo, Torhüter.

«Wenn 36 Mal das Duell YB gegen Basel anstünde – dann würde YB ohne jeden Zweifel Meister.» Yvon Mvogo, Torhüter.

Nordwestschweiz

Der Meistertitel? Nein, darüber zu reden lohnt sich nicht. «Hohe Ziele sind schön – ich bleibe aber lieber Realist», sagt Trainer Adi Hütter. Wenn YB also am Sonntag gegen Sion in die Rückrunde startet, so bestreiten die Berner vor allem ein Duell mit sich selbst. Von Bergen weiss genau, wo das Team ansetzen muss. «Ich verwende den Begriff ‹die Kleinen› nicht gerne. Darum vielleicht so: In den Spielen, in denen wir meinen, es sei einfach – da müssen wir uns verbessern.» In der Provinz, da werden Meisterschaften entschieden. Die Weisheit ist immer noch gültig. Und deshalb sagt Hütter: «Wir brauchen auch die anderen Klubs. Es reicht nicht, wenn Basel erstmals in der 17. Runde gegen uns verliert.»

Die Führung: ziemlich chaotisch

Ist es möglich, Glaubwürdigkeit und Souveränität auszustrahlen, ohne gleich Wunder zu versprechen? Christoph Spycher scheint genau das zu gelingen. Seit Oktober ist er YB-Sportchef. Er überzeugt bei seinen öffentlichen Auftritten. Er ist fordernd, aber eben auch realistisch.

12 Punkte Rückstand..

... hat YB als Zweiter in der Tabelle auf Leader Basel. Und dies, obwohl die Berner in den letzten sieben Runden 19 Punkte gewannen. Vor einem Jahr betrug der Rückstand nach Halbzeit indes sogar 15 Punkte. Hoffnung auf einen Titel besteht im YB-Land trotzdem noch. Erstmals seit der Saison 2010/11 überwintert der Verein im Cup. Am 1. März empfängt YB im Viertelfinal den FC Winterthur.

YB hatte einst Verwaltungsratspräsident Benno Oertig. Dieser rief grossspurig die «Phase 3» aus. YB als Bayern München der Schweiz. YB als Serienmeister. Und das alles lieber schon gestern als heute. Oertig scheiterte krachend. YB hatte Ilja Kaenzig, der zumindest das Bundesliga-Denken in den Verein hereintragen wollte. Das wurde dann vorab in den Salären der Spieler deutlich.

Einen Titel gab es gleichwohl nicht. Und YB hatte Fredy Bickel. Auch er versprach einen Titel innert drei Jahren. Es gelang nicht. Trotzdem machte Bickel einiges richtig. Am Ende war er ein Opfer der Einflüsterer der Gebrüder Rihs. Vor allem ein Opfer von Urs Siegenthaler. Der Berater demontierte sich in diesem Herbst indes gleich selbst. Und musste YB wieder verlassen.

«In den Spielen, in denen wir meinen, es sei einfach, müssen wir uns verbessern.» Steve von Bergen, Verteidiger.

«In den Spielen, in denen wir meinen, es sei einfach, müssen wir uns verbessern.» Steve von Bergen, Verteidiger.

Nordwestschweiz

Nun ist die Reihe also an Spycher, um das Chaos bei YB zu entwirren. Er ist schlau genug, nicht gleich Titel zu versprechen. Seine Ausgangslage ist verheissungsvoll. Der Meistertitel ist zumindest in dieser Saison kein Thema mehr. Er kann nur gewinnen, beispielsweise den Cup. Und er profitiert davon, dass derzeit noch keine wegweisenden Entscheidungen anstehen, beispielsweise eine Trainerwahl oder das Ersetzen eines Schlüsselspielers.

Derzeit die grösste Herausforderung für Spycher ist das grosse Kader. Auch er hat den Auftrag, den Klub schlanker zu sparen. Trotzdem sagt er deutlich: «Sollte jemand das Gefühl haben, YB könne 2017 eine schwarze Null schreiben: dann viel Spass!» Das hat er auch den Investoren (erfolgreich) klar gemacht.

Die Mannschaft: ziemlich spannend

YB hat eine spannende Mannschaft. YB hat Talent. YB hat Persönlichkeiten. YB hat Tempo. YB hat Kraft. Und YB hat Kunst. Also eigentlich ziemlich gute Voraussetzungen, um den FC Basel angreifen zu können.

Wie so viele Vereine in der Schweiz haben sich auch die Berner zurückgehalten auf dem Transfermarkt. Einzig Kubo hat den Verein verlassen. Das Angebot von Gent (3,5 Millionen Euro) war zu gut. Zudem ist Sportchef Spycher überzeugt, den Abgang sportlich verschmerzen zu können. Mit Hoarau, Gerndt und Frey ist der Angriff gut dotiert.

«Wir werden sportliche Ambitionen nicht gefährden, indem wir Spieler wegtransferieren.» Christoph Spycher, Sportchef.

«Wir werden sportliche Ambitionen nicht gefährden, indem wir Spieler wegtransferieren.» Christoph Spycher, Sportchef.

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Wichtiger ist indes das Zeichen, das Spycher aussandte, indem er Spieler wie Hoarau, Sanogo oder Zakaria – für die es ziemlich konkrete Angebote gab – nicht verkaufte. Er sagt: «Wir werden die sportlichen Ambitionen von YB nicht gefährden, indem wir Spieler wegtransferieren.» Die Frage ist nur: Gelingt das auch im Sommer?

Der Cup: ziemlich verlockend

Am 8. Juni 1987 gewann YB letztmals einen Titel. 4:2 nach Verlängerung im Cupfinal gegen Servette. Seither sind bald 30 Jahre vergangen. Eine Ewigkeit. Doch jetzt hat YB erstmals seit der Saison 2010/11 im Cup überwintert. Und die Ausgangslage ist verlockend. Im Viertelfinal am 1. März gastiert der FC Winterthur im Stade de Suisse. Der Halbfinal ist Pflicht. Und dann geht das Träumen los.

«Hohe Ziele sind schön – ich bleibe aber lieber Realist.»  Adi Hütter, YB-Trainer.

«Hohe Ziele sind schön – ich bleibe aber lieber Realist.»  Adi Hütter, YB-Trainer.

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Wobei: Alleine zwischen 2011 und 2015 ist YB hintereinander an – ausgerechnet – Winterthur, Wil, Le Mont und Buochs gescheitert. YB ist also gut beraten, nicht allzu siegesgewiss aufzutreten. «Ich hoffe, wir können wieder etwas bewegen», sagt Verteidiger Steve von Bergen, «und dazu ist der Cup nun die ideale Gelegenheit.»

Die Geschichte: ziemlich belastend

Doch eben: Die Geschichte der ewigen Erfolglosigkeit wiegt tonnenschwer. Noch immer gehört das Scheitern zur YB-DNA. Fredy Bickel hat es zu Beginn dieser Saison treffend zusammengefasst: «Man kann nichts dagegen machen, man wird immer wieder mit der Geschichte konfrontiert. Wenn neue Spieler kommen, dann ist etwas vom ersten, das sie hören, wie lange YB schon erfolglos ist. Vielleicht nistet sich im Unterbewusstsein das Gefühl ein: Wir können ja gar nichts gewinnen.»

Der neue Sportchef Christoph Spycher verwehrt sich der Klub-Geschichte keineswegs. Er sagt aber: «Es ist nicht schlecht, manchmal mit etwas Abstand analytisch in die Vergangenheit zu schauen. Aber wir wollen nicht in der Vergangenheit leben.» Und auch Steve von Bergen wählt einen Ansatz der Offenheit: «Die Geschichte gehört dazu. Jeder will sie ändern. Aber bis dahin bleiben Fakten einfach Fakten.»

«Ich weiss nicht, ob es hilft, sich dauernd einzureden, wie unbezwingbar Basel doch sei. Das muss dringend aufhören.» Guillaume Hoarau, Stürmer.

«Ich weiss nicht, ob es hilft, sich dauernd einzureden, wie unbezwingbar Basel doch sei. Das muss dringend aufhören.» Guillaume Hoarau, Stürmer.

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Ob auf oder neben dem Platz, Guillaume Hoarau ist eine imposante Erscheinung. Am Montag wurde er gerade als «Spieler des Jahres» der Super League ausgezeichnet. Wie wichtig er für YB ist, hat sich anfangs der Saison gezeigt. In den Spielen fünf Spielen ohne Hoarau hat YB neun Punkte verspielt – und damit sämtliche Titelchancen. Mit Hoarau gewinnt YB in dieser Saison im Schnitt 2,16 Punkte, ohne ihn nur 1,2 Punkte.

Jetzt soll «Mister YB» über das notorische Versagen seines Klubs sprechen. Zuerst einmal stellt er klar: «Ich habe eine andere Geschichte. Meine Geschichte ist nicht diejenige des Vereins. Das sollte sich jeder hier vergewissern.» Gleichzeitig ortet er, in der ganzen Liga, zu viel Respekt vor dem FCB. «Ich weiss nicht, ob es hilft, sich immer wieder einzureden, wie unbezwingbar Basel doch sei. Das muss dringend aufhören.» Auf die Young Boys bezogen heisst das für ihn: «Wir dürfen den Ist-Zustand nicht akzeptieren.»

Die Sehnsucht nach Erfolg ist im YB-Umfeld ungebrochen. Es ist Zeit, die Melancholie zu überwinden. Guillaume Hoarau ist sich bewusst, dass die Namen jener Spieler, die den ersten Titel seit dieser Ewigkeit holen, in die Geschichte eingehen. Vielleicht rutscht ihm auch darum dieser eine Satz über die Lippen: «Ich verlasse YB nicht, bevor wir einen Titel gewonnen haben!»

Wirklich? «Ok, vielleicht habe ich das auch gesagt, weil mir Journalisten zugehört haben.»

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