Pelé

Heute Freitag wird Pelé 80 Jahre alt: Der König geht am Stock

Pelé (M.) stemmt den Pokal nach dem Gewinn seines dritten Weltmeistertitels 1970.

Pelé (M.) stemmt den Pokal nach dem Gewinn seines dritten Weltmeistertitels 1970.

Trotz seines runden Geburtstags ist dem vielleicht besten Fussballer der Geschichte nicht nach einer ausgelassenen Feier zumute.

Vor vier Monaten jährte sich das Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft 1970 zum 50. Mal. Es kamen wieder wunderschöne Erinnerungen auf an den Final der vielleicht attraktivsten WM-Endrunde überhaupt.

Brasilien, angeführt vom genialen Pelé, dem auch das 1:0 gelang, spielte traumwandlerisch schön. Italien hatte vor mehr als 107'000 Zuschauern im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt nicht den Hauch einer Chance. 4:1 hiess es am Ende. Pelé gewann die Jules-Rimet-Trophäe zum dritten Mal nach 1958 und 1962 – als bislang einziger Fussballer.

«Vor dem Final sagte ich zu mir: Pelé ist aus Fleisch und Knochen, so wie ich. Danach erkannte ich, dass ich Unrecht hatte», gestand Italiens Abwehrspieler Tarcisio Burgnich nach dem famosen Auftritt des Ausnahmekönners.

Garrincha, Vavá, Pelé und Zagallo bildeten die Offensivreihe in der revolutionären 4-2-4-Formation der Brasilianer bei der WM 1958 in Schweden. Pelé war damals mit 17 Jahren der jüngste Spieler des Turniers. Monate zuvor hatte er bei seinem ersten Länderspiel auch gleich sein erstes Tor erzielt – als 16-Jähriger und jüngster Torschütze in Brasiliens Fussballhistorie.

In Schweden dribbelte und schoss sich der Jüngling in die Herzen von Millionen von Fussballfans weltweit. Beim 5:2 im Final gegen das Team des Gastgebers erzielte er gleich zwei seiner insgesamt sechs Treffer bei dieser WM. Das Bild des weinenden Pelé nach Spielschluss, an die Schulter von Torhüter Gilmar gelehnt, ging um die Welt.

Torschützenkönig wurde mit 13 Treffern Just Fontaine. Der überragende Spieler der WM 1958 war aber auch für den Franzosen ein anderer: «Als ich Pelé spielen sah, wollte ich meine Fussballschuhe an den Nagel hängen.»

Pelé sei der kompletteste Spieler gewesen, den er je gesehen habe, sagte Bobby Moore, Englands Weltmeister-Captain von 1966. Der legendäre Ungar Ferenc Puskas adelte den Brasilianer noch mehr: «Der beste Fussballer der Geschichte war Alfredo Di Stéfano.

Ich weigere mich, Pelé als Spieler zu klassifizieren. Er war darüber.» Romário, ein weiterer berühmter Stürmer, erstarrt bei Erwähnung des Namens Pelé in Ehrfurcht: «Das Spiel dürfte eigentlich nicht Fussball heissen, sondern Pelé.»

Pelé, mit bürgerlichem Namen Edson Arantes do Nascimento und aus ärmlichen Verhältnissen stammend, vereinte Ballfertigkeit mit Schnelligkeit, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit, Spiel­intelligenz und Torinstinkt. Er war geradezu gnadenlos effizient. In 1363 Spielen erzielte er 1281 Tore.

Als er am 19.November 1969 im Trikot seines Stammvereins FC Santos sein 1000.Tor schoss, wurde die Partie gegen Vasco da Gama im Stadion Maracanã von Rio de Janeiro für 20 Minuten unterbrochen. In weiten Teilen Brasiliens läuteten Kirchenglocken. Ein Land huldigte «O Rei», dem König, wie Pelé in seiner Heimat auch genannt wird.

Auf Torejagd ging er nur für drei Teams: zwischen 1956 und 1974 für Santos, danach während zweier Jahre zum gut bezahlten Karriereausklang bei den New York Cosmos und für die Nationalmannschaft. Für Brasilien erzielte er die Rekordzahl von 77 Toren in 92 Einsätzen. Im Nationaltrikot lief er letztmals am 18. Juli 1971 auf – 180000 Personen waren zum Abschied gegen Jugoslawien (2:2) ins Maracanã gekommen.

Der bescheidene Pelé einst über sich selbst: «Ich war der Beste»

«Es wird nur einen Pelé geben, wie es auch nur einen Frank Sinatra oder nur einen Michelangelo gegeben hat. Ich war der Beste», sagte der ansonsten überaus bescheidene Pelé einst über sich selber. «Für Gott sind alle Menschen gleich. Warum er ausgerechnet mir diese Gabe geschenkt hat, weiss ich nicht. Ich hätte in meinem Leben nur Fussball spielen können.»

Nach seiner aktiven Laufbahn war er lange Zeit als Werbeikone und für seine eigene Sportmarketingagentur tätig sowie von 1995 bis 1998 unter Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso als Sportminister. Für seine erfolgreiche Spielerkarriere hat Pelé einen hohen Preis bezahlt.

«Ich habe 30 Jahre lang Fussball gespielt. Gott hat jetzt einfach nur die Rechnung geschickt.» Diese Worte sprach er vor ein paar Jahren. Pelé musste sich schon mehreren Hüftoperationen unterziehen – zur Gruppenauslosung der WM 2018 war er im Rollstuhl erschienen –, dazu hatte er Probleme an der Wirbelsäule und am Knie.

2014 sorgte sich Brasilien ernsthaft um sein grosses Idol, als Pelé wegen einer Harnwegsinfektion auf der Intensivstation landete und seine linke Niere einer Dialyse unterzogen werden musste. Die rechte Niere verlor er als Spieler nach einer Verletzung. Im vergangenen Jahr musste Pelé nach neuerlicher Harnwegsinfektion ein Nierenstein entfernt werden.

Heute Freitag wird Pelé 80 Jahre alt. Zum ausgelassenen Feiern ist ihm kaum zumute, denn sein Gesundheitszustand hat sich weiter verschlechtert. Pelé wagt sich kaum noch aus seinem Haus, und wenn, dann nur am Stock. «Er hat sich einer Hüftoperation unterzogen. Die Therapie danach ist nicht ideal verlaufen.

Seine Mobilität ist stark eingeschränkt und darüber schämt er sich», verriet Edson «Edinho» Cholbi do Nascimento unlängst dem Onlineportal «Globoesporte». Der ehemalige Torhüter des FC Santos ist eines von insgesamt sieben Kindern, die Pelé mit vier verschiedenen Frauen hat. Edinho verbüsst eine mehr als zwölfjährige Haftstrafe wegen Drogenhandels und Geldwäscherei – seit zwei Jahren in Halbgefangenschaft.

Sein Vater spüre eine gewisse Depression, führte Edinho weiter aus. Er lebe zurückgezogen und sei scheu. Es sei schockierend, ihn in diesem Zustand zu sehen: «Stellen Sie sich vor, er ist der König! Er war immer eine bedeutende Figur und heute kann er nicht mehr gut gehen.» Pelé wird 80 – an seinem Geburtstag vergiesst die Fussballwelt gleichzeitig Tränen der Freude und der Trauer.

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