Trotz Schmerzen
Hussein über seine Ziele in Rio: «Finalqualifikation, und dann ist alles möglich»

Für Kariem Hussein, den Europameister über die lange Hürdendistanz, hing die Teilnahme an den Spielen von Rio an einem dünnen Faden. Das fordert, nicht zuletzt mental. In Rio will er dennoch angreifen.

Jörg Greb, Rio de Janeiro
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Kariem Hussein. key

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KEYSTONE

Jener Entscheid, jenes Forfait rückte wieder ins Bewusstsein. Vor vier Jahren musste Kariem Hussein sein Olympia-Debüt kurzfristig streichen. Die Schmerzen im linken Fuss machten das Antreten des Aufsteigers über die 400 m Hürden unmöglich. «Ich bin enttäuscht, bin traurig, ich habe bis zuletzt daran geglaubt, starten zu können und den Schmerz zu beherrschen», sagte er damals – und fügte an: «Ich werde wieder aufstehen, mich in vier Jahren revanchieren.»

Die vier Jahre sind vorüber. Und Hussein hat in der Zwischenzeit demonstriert, dass er zu Ausserordentlichem fähig ist. Europameister wurde er an den Heimtitelkämpfen 2014 in Zürich, WM-Finalist war er im letzten Jahr. An den diesjährigen Europameisterschaften in Amsterdam gewann er Bronze. Mit seiner Bestzeit vom letzten Jahr von 48,45 Sekunden gehört er zum Kreis der aktuell Besten.

Notwendige Pause

Aber Husseins Saison verlief nicht so, wie er sie sich vorgestellt hat. Eine Entzündung im Fuss hindert ihn seit Ende Mai/Anfang Juni. Und weil er dieser die verlangte und aufgezwungene Ruhe nur bedingt gewährte, verschlimmerten sich die Schmerzen nach Spitzenleichtathletik Luzern Mitte Juni. Jetzt war eine einwöchige Laufpause unumgänglich, wurden Anpassungen, etwa mit viel Training im Wasser, nötig. Behoben war damit aber nichts.

Neue Wege hiess es im Formaufbau zu gehen. Gefühlsmässig glückte dies. Trainingswerte waren vielversprechend. Der dritte Platz mit der Bronzemedaille an der EM Mitte Juli entsprach hingegen nicht dem Erhofften. Und auch seither entsprach der Aufbau einem Suchen und Pröbeln. Belastungen fielen weg. «Die Vorbereitung auf Olympia hat nicht dem entsprochen, was wir uns vorgenommen hatten», müssen sich Hussein wie Trainier Zberg eingestehen.

Der Entscheid, überhaupt nach Rio zu fliegen, hing aber nicht davon ab, sondern von der Frage, ob ein Start überhaupt möglich sein würde. Zum Ja kam es sehr kurzfristig, letzten Freitag. «Wir dachten immer positiv, wollten nichts unversucht lassen und nicht zuletzt sämtliche Therapiemöglichkeiten nutzen», erklärten Hussein und Zberg dieses Vorgehen. Ausschlaggebend war schliesslich ein erfolgreiches Abschlusstraining über acht Hürden im Wettkampf-Rhythmus. Und zu bedenken geben sie: «Sport auf diesem Niveau ist immer eine Gratwanderung, eine Gewissheit gibt es nie.» Die Ruhe bewahren bildete einen Schwerpunkt für das gesamte Projekt.

Ziel Final – nach wie vor

Und jetzt? Blüht dennoch ein Déjà-vu von London? «Klar, diese Gedanken lassen sich nicht verdrängen, sie tauchen auf», sagt Hussein. Einen markanten Unterschied nennt er allerdings. «Damals konnte ich keinen Schritt laufen, von dem bin ich jetzt glücklicherweise weit davon entfernt.» Darum versucht er auch, die Parallelen in den Hintergrund zu rücken, sich nicht mit ihnen zu beschäftigen. Und er, wie Zberg, richten ihren Fokus auf das, was sie beeinflussen, steuern können: «Wir nehmen den Istzustand an und versuchen, das Beste daraus zu machen.» Und diesbezüglich können sich Athlet und Trainer an Bewährtem orientieren: nur noch gezielte Trainingsreize, sich fokussieren und «Runde für Runde für sich nehmen».

Am ursprünglichen Ziel halten Hussein und Zberg fest: die Finalqualifikation. Und auch der Nebensatz hat nach wie vor seine Berechtigung: «Finalqualifikation, und dann ist alles möglich.» Für den 27-Jährigen wird es bei diesem Turnier darum gehen, mögliches Schmerzempfinden im Rennen auszublenden. Der Vorlauf steht für Kariem Hussein heute Montag, um 16.30 Uhr Schweizer Zeit auf dem Programm.

Eine Anleitung für die interaktive Olympia-Karte finden Sie hier.