Abfahrt

«Ich habe den Sieg einfach zu fest gesucht» – der schmale Grat zwischen Gewinnen und Verlieren für Beat Feuz

Hat die Streif im Griff: Beat Feuz nimmt einen nächsten Anlauf für den Premieren-Sieg.

Hat die Streif im Griff: Beat Feuz nimmt einen nächsten Anlauf für den Premieren-Sieg.

Viermal in Serie war Beat Feuz ganz nah am Abfahrtssieg in Kitzbühel – kommt es am Samstag zum Happy End?

Von wegen einfach fahren und schnell sein! Es ist kompliziert. In Kitzbühel ganz besonders. Vor allem, wenn es darum geht, wie man hier gewinnt. Aber ­lesen Sie selbst: «Man darf nicht zu viel tun. Aber eben auch nicht zu wenig. Aber ich weiss, irgendwann kommt wieder so ein Tag, wo ich zu wenig mache oder zu viel.»

Alles klar? Nein? Vermutlich nicht. Die Erklärung kommt von Beat Feuz. Dreimal war er in der Abfahrt in Kitzbühel schon auf Rang zwei klassiert, einmal flog er auf dem Weg zum deutlichen Sieg in der Traverse ab.

Dieser Sturz in die Netze hilft, besser zu verstehen, was er meint. «Ich habe den Sieg einfach zu fest gesucht. Ich kam zur Hausbergkante, habe gespürt, dass ich gut dabei bin, und sagte mir, dass fahre ich jetzt einfach runter. Und dann sind mir die ­Sicherungen durchgebrannt, weil ich etwas versuchte, was nicht geht.» Er wählte eine Linie, die der Physik widerspricht. Der Ausgang war klar: Schmerzen statt Triumph.

Immer am Limit – aber nur ganz selten darüber

Feuz riskierte zu viel. Er tat, was bei ihm so selten vorkommt. Der 32-Jährige ist ein Meister auf der Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Immer am Limit, ­sehr selten darüber. Das unterstreicht seine beeindruckende Konstanz. In 16 der vergangenen 18 Abfahrten stand Feuz auf dem Podest.

Trotzdem: Wie schafft er es, nicht doch zu viel zu wollen? ­Besonders in Kitzbühel, auf der Königin der Abfahrtspisten, auf der Siege fast schon unsterblich ­machen. Feuz probiert es, indem er den Stellenwert dieses Triumphs abzuschwächen versucht. «In Wengen habe ich den Sieg sicher zehnmal mehr gewollt als ich ihn hier will», sagt er. Am Lauberhorn gewann er am vergangenen Samstag zum dritten Mal.

Aber ist es so einfach? Lässt sich die Sehnsucht nach dem Sieg auf der Streif mit alternativen Er­folgen stillen? Feuz sagt: «Es ist von vielen ein Traum, in Kitz­bühel zu ge­winnen, und diesen Traum habe ich auch. Aber wenn er bei mir nicht in Erfüllung geht, habe ich kein Problem damit. Ich werde am Ende meiner Karriere trotzdem zufrieden sein.»

Ist das alles Kalkül oder die Wahrheit? Abschliessend weiss er es nur selbst. Verständlich ist dieser Umgang mit Druck allemal.

Fast wie einst Didier Cuche – nur umgekehrt

Und doch: Beat Feuz bringt alles mit, um auf der Streif zu ge­winnen. Seine Postur erinnert immer mehr an Didier Cuche, den Rekordsieger der Abfahrt in Kitzbühel. Und auch die Fahrten von Feuz auf der schwierigsten Piste sind so präzis und so gespickt mit fahrerischem Können, als ob man in die Vergangenheit blickt. Er selbst aber relativiert: «Die Piste hat sich verändert, es ist nicht mehr ganz der gleiche Kurs.» Eine Kopie brächte keinen Erfolg.

Cuche hat in Kitzbühel fünfmal die Abfahrt gewonnen. In Wengen aber blieb er bis zum Ende seiner Karriere ohne Sieg. Drei zweite Plätze bleiben als Bestwerte. Feuz steht nun in der Abfahrt von Kitzbühel bei drei zweiten Plätzen. Teilen sie am Ende gar das Schicksal? Einfach umgekehrt?

So weit ist es lange nicht. Feuz wird am Samstag erneut der Topfavorit sein, der Mann, den es zu schlagen gilt, wenn er es nicht selbst tut. So kommen wir noch einmal zurück zu jenem Sturz 2017. «Da hatte ich wahrscheinlich zu wenig Respekt vor der Streif», sagt Feuz und bezahlte den Preis dafür. «In den zwei folgenden Jahren war der Respekt dann wieder stark gestiegen.»

Und trotzdem belegte Feuz zweimal den zweiten Rang. Das weckt Hoffnungen. Er sagt: «Jetzt hat sich der Respekt wieder eingependelt, was hoffentlich okay ist.»

Es ist kompliziert. In Kitz­bühel ganz besonders.

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