Langlauf

«Ich habe viermal Gold, er einmal» – Olympiasieger Cologna stichelt im grossen Interview gegen Kempf

Dario Cologna beim Interview: Er lese schon lange nicht mehr alles, was über ihn in den Medien stehe.

Dario Cologna beim Interview: Er lese schon lange nicht mehr alles, was über ihn in den Medien stehe.

Das Gespräch zweier Olympiasieger vor der Langlaufsaison: Dario Cologna und sein Chef Hippolyt Kempf über ihre spezielle Seilschaft.

Dario Colognas Aufmerksamkeit gehört dem Handy. Dort läuft die Liveübertragung eines Sportevents. «Ihr könnt ja schon mal beginnen und ich schau noch ein wenig dem Wettkampf zu», sagt der erfolgreichste Schweizer Wintersportler der Geschichte schmunzelnd. Nichts da! Den nächsten Angriff erwarten wir verbal von Cologna und nicht von den Athleten am Bildschirm.

Hippolyt Kempf informiert die Öffentlichkeit jeweils über die Lage der Nation in Sachen Dario ­Colo­gna. Wann haben Sie sich zum letzten Mal über eine Aussage Ihres Chefs geärgert?

Dario Cologna (lacht): Schon lange her – schon lange lese ich es nicht mehr. Das letzte Thema in den Medien war zum Asthma. Da las ich, dass man anscheinend die Lösung gegen mein Asthma gefunden habe. Hippolyt macht gerne positive Aussagen. Gegen diese Eigenschaft ist ja nichts auszusetzen. Nur muss ich mich im Nachhinein ab und zu rechtfertigen, wenn die Situation halt doch nicht ganz so positiv ist.

Die Einschätzungen zu Ihrem aktuellen Leistungsvermögen divergieren tatsächlich ab und zu.

Dario Cologna: Wir haben hier einfach unterschiedliche Strategien. Ich bin wohl vom Naturell her gerne ein wenig zurückhaltender als Hippolyt.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Was trauen Sie Dario Cologna an den kommenden Grossanlässen WM und Olympische Spiele zu?

Hippolyt Kempf: Viel, sonst wäre Dario heute nicht hier. Man setzt sich im Verlauf der Karriere für jeweils eine Periode Ziele. Wir arbeiten in Richtung Olympische Spiele 2022 in Peking hin und sind derzeit in einem langfristigen Aufbau auf diesen Event. Das Ziel einer Medaille wurde ganz klar geäussert.

Und was trauen Sie sich zu?

Dario Cologna: Ich denke, hier sind wir uns für einmal einig (beide lachen).

Hier treffen sich zwei Olympiasieger aus zwei Generationen: Was verbindet Sie?

Hippolyt Kempf: Das verbindende Element ist die gemeinsame Geschichte. Man kommt als Individualist aus einem Land ohne grosse Erfolgsgeschichte im Nordischen Skisport ins Rampenlicht und bewährt sich an der Spitze – mehr oder weniger lang. Das heisst auch, dass ich gewisse Erfahrungen habe, die wir teilen können – als Profi gelebt, sehr viel ins Training investiert, eine grosse mediale Präsenz. Der Unterschied ist: Dario ist viel talentierter als ich es war.

Dario Cologna: Es gibt zweifellos Parallelen betreffend den zurückgelegten Weg und die Leidenschaft für diesen Sport. Auch der Olympiasieg als Erfolg ist ein ziemlich exklusives Erlebnis für einen Schweizer Nordischen.

Und was unterscheidet euch?

Hippolyt Kempf: Dario ist der klassische Sportler, wogegen ich viel mehr der Aussenseiter war. Viel grössere Schwankungen in den Leistungen, schwieriger zu lesen, noch viel mehr der Wettkampftyp, sehr emotional unterwegs. Das ist der grosse Unterschied: Dario verkörpert viel mehr das, was man unter einem klassischen Sportstar versteht. Das war ich nie, das wollte ich auch nie sein.

Dario Cologna: Der Unterschied? Ganz einfach: ich habe vier olympische Goldmedaillen und er hat eine Goldmedaille (beide lachen).

Kann trotz Colognas Seitenhieb lachen: Hippolyt Kempf.

Kann trotz Colognas Seitenhieb lachen: Hippolyt Kempf.

Hippolyt Kempf wirkt extravertierter. Stimmt diese Einschätzung?

Dario Cologna: Er ist schon mehr der Akademiker und Querdenker, der seine Meinung auch öfter äussert als ich. Umgekehrt würde ich mich nicht als introvertiert bezeichnen. Ich bin eher ruhig, wenn es sein muss. Aber ich sage auch, wenn mir etwas nicht passt. Mein Umfeld kann das bestätigen.

Hippolyt Kempf: Als Athlet war mein Übername «der Schweiger», weil ich fast nie etwas gesagt habe (beide lachen). Als Funktionär sehe ich es als meine Aufgabe, hin und wieder ein Thema zu setzen und es nach aussen zu tragen. Ob es jeweils genau das Thema ist, das brennt, ist eine andere Frage.

Ist es manchmal schwierig als Athlet, mit einem Chef zusammenzuarbeiten, der vor Ideen nur so sprudelt?

Dario Cologna: Nein, für mich war das nie schwierig...

Hippolyt Kempf: ...weil er mir gar nicht erst zuhört (beide lachen). Dario Cologna: Schwierig ist das falsche Wort. Es ist richtig, dass Hippolyt Ideen hat. Und dass er damit bisweilen aneckt oder nicht bei allen Begeisterung auslöst, gehört dazu. Er zieht im Hintergrund die Fäden und ich konzentriere mich auf meine Leistung. Das hat immer gut funktioniert.

Und ist es für Sie manchmal schwierig, mit einem Team zusammenzuarbeiten, aus dem ein Athlet so herausragt wie Dario Cologna?

Hippolyt Kempf: Das ist doch eine Traumkonstellation!

Wieso?

Hippolyt Kempf: Ich kann meine Ideen bringen und ein Spitzenathlet wie Dario hat das Gespür dafür, was gut und was nicht gut ist. Er prüft Ideen, er verwirft sie sogleich oder nimmt sie auf und ist so wieder Trendsetter für die anderen Athleten. Es ist nicht Sache des Funktionärs, zu definieren, was eine gute Idee ist. Der Funktionär muss den Teppich auslegen, damit sich die guten Ideen durchsetzen. Und eine gute Idee, die von den Athleten nicht getragen wird, ist keine gute Idee.

Hippolyt Kempf: «Als Athlet war mein Übername ‹der Schweiger›, weil ich fast nie etwas gesagt habe.»

Hippolyt Kempf: «Als Athlet war mein Übername ‹der Schweiger›, weil ich fast nie etwas gesagt habe.»

Und wie weit bringen Sie Ideen ein, die für das gesamte Team anwendbar sind?

Dario Cologna: Ich denke schon, dass ich das mache. Ich diskutiere solche nicht immer direkt mit Hippolyt. Als Athlet sind die Trainer, die Serviceleute oder der Physiotherapeut primäre Ansprechpersonen. Dieser Austausch funktioniert gut.

Dario Cologna wirkt gegen aussen oft still und zurückhaltend. Innerhalb des Teams wird aber immer wieder sein ausgeprägter Humor genannt. Ist Dario ein «Lausbub» geblieben?

Hippolyt Kempf (schweigt lange): Nächste Frage… Es gibt schon Situationen, bei denen ich ziemlich schmunzeln musste. Wo vor allem ich ohne Ende aufgezogen wurde (beide lachen).

Sie nehmen es mit Humor, wenn er Sie auf die Schippe nimmt?

Hippolyt Kempf: Was bleibt mir anderes übrig?

Sie sind oder waren beide ausgesprochen erfolgreiche Sportler. Wie beeinflusst sportliche Höchstleistung den Charakter?

Dario Cologna: Der Weg eines Athleten als Ganzes ist eine Lebensschule, denn verschiedene Aspekte eines Sportlerlebens prägen den Charakter. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich mich durch meine Erfolge als Mensch verändert habe. Ich stehe durch sie mehr im Fokus als die Teamkollegen und trage wohl auch ein wenig mehr Verantwortung. Aber auf den Charakter sollten die Erfolge keinen Einfluss haben.

Hippolyt Kempf: Mit dem Olympiasieg wird man zu einem Teil der Öffentlichkeit. Entsprechend ist man Teil der öffentlichen Erwartung. Spätestens,wenn man sich aus dieser Öffentlichkeit zurückziehen will, merkt man, dass man damit Leute enttäuscht. Zu realisieren, für immer ein Teil der Öffentlichkeit zu sein, ist deshalb die grösste Veränderung im Leben eines erfolgreichen Sportlers. Je älter man wird, desto schöner ist es. Aber in der Zeit als Aktiver, wenn man vielleicht seine Ruhe möchte, ist es nicht so einfach.

Dann ist es während der Karriere eher lästig, wenn Sie in den Ferien ständig angesprochen werden?

Dario Cologna: Es gibt Dafür und Dawider. Populär zu sein, ist schön. Aber klar gibt es Momente, wo man lieber seine Ruhe hätte. In solchen Situationen muss man manchmal aufpassen, trotzdem freundlich zu bleiben. Jeder Einzelne hat in diesem Augenblick Erwartungen an mich. Und oft denken diese Leute, ich gehöre ihnen ein Stück weit. Aber für mich ist es praktisch immer in einem Rahmen, den ich noch als positiv betrachte. Bekannt zu sein, bringt auch viele Privilegien, von denen man im Leben nach der Karriere profitiert.

Richtet den Fokus auf die Weltmeisterschaft in Oberstdorf, die im Februar und März 2021 stattfindet: Dario Cologna.

Richtet den Fokus auf die Weltmeisterschaft in Oberstdorf, die im Februar und März 2021 stattfindet: Dario Cologna.

Blicken wir auf die Saison: Wann werden Sie am Ende des Winters von einer guten Saison der Langläufer sprechen?

Hippolyt Kempf: Wenn trotz Corona möglichst viele Rennen stattfinden konnten.

Dario Cologna: Ich sehe die grossen ­Herausforderungen. Für mich als Athlet ist es dann erfolgreich, wenn ich schnell bin. Der sportliche Wert einer Leistung wird durch Corona nicht geschmälert. Im Vordergrund stehen die Grossanlässe, in diesem Winter die Weltmeisterschaften in Oberstdorf.

Hippolyt Kempf hat einmal gesagt, in Ihrem Alter sei der Fokus auf Exploits in einzelnen Rennen zu richten. Geben Sie ihm Recht?

Dario Cologna: Wenn die Form passt, ist in vielen Rennen etwas möglich. Aber der Gesamtweltcup steht natürlich nicht mehr so im Zentrum wie noch vor einigen Jahren. Ich will und kann nicht mehr alle Rennen laufen, so ­rücken einzelne Wettkämpfe mehr in den Fokus. Es gibt auch neben der WM einige spannende Rennen, auf die ich mich gezielt vorbereite.

Der Fokus liegt nicht mehr so sehr auf dem Gesamtweltcup wie auch schon, sagt Dario Cologna.

Der Fokus liegt nicht mehr so sehr auf dem Gesamtweltcup wie auch schon, sagt Dario Cologna.

Wie weit belastet Sie die Situation mit dem Coronavirus?

Hippolyt Kempf: Persönlich belastet es mich überhaupt nicht. Gedanken mache ich mir über die gesamte wirtschaftliche Situation respektive über das ganze Risiko, das damit einhergeht. Das ist ein Stressfaktor. Das Virus generiert für mich im Job extrem viel Mehrarbeit, man fühlt sich pausenlos im Ausnahmezustand.

Dario Cologna: Ich gehe nicht mit Angst durchs Leben. Als Athlet belastet es mich weniger. Klar kann man die grosse Unsicherheit nicht ganz ausblenden, aber ich konzentriere mich auf das Training und lasse mich nicht stressen.

Machen Sie sich Sorgen um die Gesundheit Ihrer Athleten?

Hippolyt Kempf: Nein. Der ganze Umgang mit Infekten ist für uns Routine. Im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsgruppen sind für Spitzensportler viele der aktuellen Hygienemassnahmen seit Jahren ein Dauerzustand.

Dario Cologna: Desinfektionsmittel gehörten schon immer zu meinem Reisegepäck. Aber viele verstanden in der Vergangenheit nicht, wenn ich ihnen den Handschlag verweigert habe. Zumindest das hat sich jetzt geklärt.

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