Super League

Immer weiter im Wahnsinn – vom neuen Stadion bis zum unbenutzten Balkon

Bringen sie den FCB wieder zurück in die Spur? Trainer Ciriaco Sforza und Captain Valentin Stocker, der beim FCB bleibt.

Bringen sie den FCB wieder zurück in die Spur? Trainer Ciriaco Sforza und Captain Valentin Stocker, der beim FCB bleibt.

«Tour de Super League»: In unserer Serie besuchen wir vor dem Saisonstart die zehn Fussball-Städte der höchsten Liga. In der letzten Etappe machen wir eine Reise zu den aufregenden Teams. Lesen Sie, was in Basel, Bern, Sion und Lausanne abgeht.

FC Basel: Weit weg von der Feier auf dem Balkon

Beni Huggel steht auf dem Barfüsserplatz und blickt zum Balkon. Dort, wo der FC Basel vor noch nicht allzu langer Zeit in jedem Frühling den Meistertitel bejubeln konnte. «Im Moment braucht es den Balkon nicht mehr», sagt Huggel augenzwinkernd. «Vom Meistertitel ist der FCB zu weit weg.» Seit drei Jahren ist Basel nicht mehr Ligakrösus, YB ist enteilt. «Ich glaube, viele in Basel haben erst jetzt realisiert, dass es nicht einfach ist, Meister zu werden.»

Auf dem Balkon, der derzeit nicht gebraucht wird: FCB-Legende Benjamin Huggel.

Auf dem Balkon, der derzeit nicht gebraucht wird: FCB-Legende Benjamin Huggel.

Huggel weiss, wovon er spricht. Sieben Mal wurde er als FCB-Spieler Meister, fünf Mal holte er den Cup. «Ich bin dem FCB, schon seit ich ein kleiner Junge bin, tief verbunden, erlebte sie in der Nationalliga B, als es gegen Teams wie Emmenbrücke ging. Später durfte ich Teil des Vereins sein und war dabei, als wir 2002 erstmals seit 22 Jahren den Meistertitel geholt haben.» Irgendwann war der FCB das, was die Bayern in Deutschland sind. Ein Klub, für den Nichts gut genug ist, ausser der Titel.

Prägt den FC Basel jahrelang: Beni Huggel.

Prägt den FC Basel jahrelang: Beni Huggel.

Wie hoch die Wertschätzung für Huggel in Basel ist, spürt man auch im Café in der Nähe des Barfüsserplatzes. Ihn kennen viele, sie winken ihm zu und begrüssen ihn. Wenn es zum Gespräch kommt, dreht sich immer alles um den FCB. «Sehr viele denken, ich habe noch irgendeine Funktion. Dabei stimmt das nicht», sagt Huggel. Zwar freut er sich, wenn Basel gewinnt, richtig emotional wird er aber nicht mehr. Das ist mit Blick auf die letzten Jahre auch gut für seine Nerven.

Seit es vor drei Jahren zum Umbruch in der Führungsriege des FC Basel gekommen ist, wartet der FCB auf den Meistertitel. «Man hat es sich zu einfach vorgestellt», sagt Huggel. Es werde über den Titel gesprochen, aber zu wenig dafür getan. Für Huggel fehlt es an Kontinuität und Führungsstärke. «Wenn es auf wichtigen Position wie dem Sportchef und dem Trainer viele Wechsel gibt, ist das ein Problem.»

Die letzten Jahre waren für den FCB eine Enttäuschung.

Die letzten Jahre waren für den FCB eine Enttäuschung.

Zudem habe die viel kritisierte Kommunikation der Basler auch Einfluss bis auf den Platz. «Es wirkt sich auf die Leistung aus, wenn es Unklarheiten bezüglich Verträgen oder dem Trainerposten gibt.» Von der Qualität der Spieler bleibt Huggel überzeugt, sagt aber dennoch: «Platz zwei wäre gut.» Dem neuen Trainer Ciriaco Sforza traut er zu, dass er den FCB vorwärtsbringt. «Unter Marcel Koller fehlte die Variabilität. Jeder Gegner wusste, worauf man sich einstellen konnte», sagt Huggel. «Von Sforza hoffe ich, dass er Lösungen aufzeigen kann, wie man gegen tief stehende Gegner agieren kann.»

Als Burgener beim FCB als Präsident antrat, hiess der Slogan «Für immer Rotblau». Huggel findet: «Dies so zu kommunizieren, war unnötig. Denn Basel hat auch in den grössten Erfolgen immer sehr auf junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs gesetzt.» Inzwischen sind mit Alex Frei und Marco Streller zwei Identifikationsfiguren nicht mehr dabei. Darum ist es für Huggel umso wichtiger, dass mit den Spielern Valentin Stocker und Taulant Xhaka zwei langjährige Stützen gehalten werden konnten. Nicht nur für die Identifikation. «Sie sind wichtige Leader dieser jungen Mannschaft.»

An diesem Tag sind in Basel zwar keine Plakate gegen den Präsidenten zu sehen. Es ist aber spürbar, dass das Verhältnis zwischen dem FCB und den Leuten ein wenig abgekühlt ist. Abwenden werden sich die Fans aber nicht, sagt Huggel. «Die Leute stehen hier immer hinter ihrem FCB.» Und irgendwann, daran glaubt man in Basel fest, wird man wieder auf dem Barfüsserplatz feiern können. Der Balkon bleibt.

YB: Der Abschied von Hoarau und ein erneutes Solo

Guillhaume Hoarau sagt Adiömitänang.

Guillhaume Hoarau sagt Adiömitänang.

Der Herbst liegt schon leise in der Luft. Aber noch weigert sich Bern, die Sonne gehen zu lassen. Die Menschen geniessen es, nochmals zu flanieren. Es ist, als wäre die Szenerie für Guillaume Hoarau konstruiert.

Sechs Jahre lang war Bern Hoarau-Land. Nun endet die Geschichte plötzlich und ein bisschen zu abrupt. «Ich brauchte Zeit, um zu realisieren, dass es vorbei ist», sagt Hoarau. «Aber so ist das im Leben. Und irgendwo wird eine neue Geschichte entstehen.»

Um zu erklären, wie aus den ewigen Verlierern von YB ein entrückter Meister geworden ist, eignet sich niemand besser als Hoarau. «Als ich damals sagte, ich gehe nicht ohne einen Titel, hielten mich die Menschen für verrückt», erinnert er sich. Und heute? «Schauen Sie auf die Strasse, die Kinder tragen wieder YB-Leibchen. Bern ist nicht mehr nur Eishockey. Es ist toll, den Menschen, die sich für Fussball interessieren, das Lächeln zurückgebracht zu haben.»

Direkt am Zytglogge liegt das «Du Théâtre». Es ist der Ort, wo Hoarau sein erstes Konzert als Musiker gegeben hat. Wir treffen Mit-Inhaber Tereq Timmers, mittlerweile ein guter Freund von Hoarau. Er erinnert sich: «Hoarau war sich nie zu schade, auf die Menschen zuzugehen und Zeit mit ihnen zu verbringen.»

Ja, Hoarau war nicht nur Stürmer, er war auch Sänger. Durfte das sein, weil die YB-Verantwortlichen wussten: Er ist da, wenn es zählt. Da nahm man lange auch in Kauf, dass sich Hoarau zu inszenieren wusste. Leander Strupler, auch er enger Vertrauter von Hoarau, kreierte dessen wunderbares Abschieds-Shirt («Adiömitänäng – forever i mim Härz). Im Gespräch erinnert er sich: «Gegen aussen sah alles immer so easy aus. Aber er wusste eben auch, was es dafür braucht. Wann es Zeit ist, das Handy auszuschalten. Oder sein Mittagsschlaf – da gibt es nichts, was ihn davon abhalten könnte.»

Hoarau mit dem Meisterpokal und der Cuptrophäe: «Als ich damals sagte, ich gehe nicht ohne einen Titel, hielten mich die Menschen für verrückt.»

Hoarau mit dem Meisterpokal und der Cuptrophäe: «Als ich damals sagte, ich gehe nicht ohne einen Titel, hielten mich die Menschen für verrückt.»

Guillaume Hoarau, wenn Ihre Zeit bei YB mit einem Song umschrieben werden müsste, wie würde er lauten? Er überlegt. «Schwierige Frage. Aber der Song wäre sicher magnifique und würde von Liebe handeln.» Bald kommt eine neue Version von «Scharlachrot» auf den Markt, gesunden von Hoarau mit Büne Huber von Patent Ochsner. Und irgendwo in der Schweiz wird Hoarau einen neuen Ort finden, um etwas zur Geschichte eines Fussballvereins beizutragen. Vermutlich in Sion.

Und wie geht die Geschichte von YB weiter? Hätte es auch mit Hoarau am Mittwoch eine 0:3-Klatsche abgesetzt in Dänemark in der Champions-League-Qualifikation? Die Frage ist hypothetisch oder gar tendenziös. Und die Antwort darauf unerheblich. Doch der Meister hat eine Flughöhe erreicht, bei der er fast nur abstürzen kann. Der nächste Titel ist auf dem Papier Formsache. So sehr, dass plötzlich einiges ins Wanken gerät?

Nein. Ein YB-Absturz, und das wäre bereits der zweite Rang, ist eigentlich undenkbar. Zu souverän verhalten sich sowohl Trainer Gerardo Seoane als auch die sportliche Führung um Christoph Spycher in schwierigen Zeiten. Die Berner werden das Out in der Champions League verdauen und zum nationalen Solo ansetzen. Zumal der Umbruch vor einem Jahr grösser war als in diesem Sommer. Klar, die Erfahrung von Hoarau und Marco Wölfli fehlt, aber der Hunger vieler ist ungestillt. Dazu tätigten die Berner erneut einige clevere Transfers.

FC Sion: Wieder einmal eine Wundertüte

Stéphane Fournier, ausgeschlossener Journalist der «Le Nouvelliste »

Stéphane Fournier, ausgeschlossener Journalist der «Le Nouvelliste »

Noch ist keine Minute seit unserem Eintreffen in Sitten verstrichen, und schon ist eine leidenschaftliche Diskussion im Gang: Dreierkette? Oder doch besser Viererkette? Welches System passt zum FC Sion? Journalist Stéphane Fournier und Yves Débonnaire, früher Ausbildungschef beim SFV und noch früher eine Saison lang Trainer im Tourbillon, sind sich zufällig am Bahnhofplatz begegnet. «Der FC Sion ist hier zu jeder Zeit im Gespräch, er gehört zum Wallis», sagt Fournier später. Das aktuelle Thema: Die Fans wollen wegen der Erhöhung der Eintrittspreise ihr Kommen verweigern. Und natürlich ist auch Präsident Christian Constantin ein Dauerbrenner. Ist Profifussball im Wallis ohne CC denkbar? «Ich sage Nein. Der FC Sion würde zwar überleben, aber wie?», sagt Fournier.

In Nendaz aufgewachsen, studiert er in Genf, ist während anderthalb Jahren unter Präsident Christian Constantin Generalsekretär des FC Sion, berichtet für das Radio und danach bis heute für die Zeitung «Le Nouvelliste» über die Sittener. «Der Klub ist noch immer meine Leidenschaft. Ich bin fast in jedem Training dabei», sagt der 54-jährige Familienvater. «Ich berichte seit 30 Jahren über ihn.»

Schliesst bis heute die Journalisten der Nouvelliste aus dem Tourbillon aus: Sion-Präsident Christian Constantin.

Schliesst bis heute die Journalisten der Nouvelliste aus dem Tourbillon aus: Sion-Präsident Christian Constantin.

Wobei dies gerade speziell ist, weil Constantin den «Nouvelliste» seit 2018 von der Berichterstattung aus dem Tourbillon ausgeschlossen hat, nachdem dessen Chefredaktor ein paar Artikel geschrieben hatte, die dem Präsidenten missfielen. «Ich habe mich damit arrangiert», sagt Fournier. Die Auswärtsspiele besucht er ganz normal und kann dort mit dem Trainer und den Spielern sprechen. Zu den Heimspielen wird er von einem Sponsor eingeladen, Interviews sind dann jedoch ebenso wenig möglich wie vor den Spielen. «Wir berichten sogar eher etwas mehr über den FC Sion», schmunzelt Fournier. «Wir liessen vor den Spielen Ex-Spieler auf einer Doppelseite zu Wort kommen, luden diese dann zu den Partien ein und holten von ihnen für die Montagsausgabe einen Kommentar.» Fournier erzählt, wie er Ahmed Ouattara, die Meisterlegende von 1997, in Abidjan angerufen habe und dieser auf eigene Kosten von der Elfenbeinküste nach Sitten gereist und im Tourbillon mit Sprechchören gefeiert worden sei.

Jetzt ist der fussballverrückte Fournier, der die Trikots der AS Roma und des FC Liverpool seit 30 Jahren lückenlos besitzt, dabei, die Saisonprognose zu verfassen. «Das Team ist eine Wundertüte. Kasami, Lenjani, Maceiras und Toma sind weg, die Substanz ist kleiner geworden, aber vielleicht kommen ja noch Hoarau und Tosetti.»

Der neue Trainer des FC Sion: Fabio Grosso.

Der neue Trainer des FC Sion: Fabio Grosso.

Fournier hätte es gerne gesehen, wenn sich CC mit Paolo Tramezzani finanziell geeinigt und der Trainer weitergearbeitet hätte. «Er hat den FC Sion nach der Coronapause gerettet.» Mit einer Einschätzung von dessen Nachfolger Fabio Grosso will er noch etwas zuwarten. «Gut ist, dass er fliessend französisch spricht, und gut für ihn ist, dass er das Cupspiel in Schötz gewonnen hat. Weil die nächste Runde erst im Februar stattfindet, hat er jetzt eine etwas längere Schonfrist», sagt Fournier. Im Wallis ist der Cup eben alles.

Lausanne: Kein Rock ’n’ Roll trotz Ineos-Millionen

Das neue «Stade de la Tuilière» in Lausanne.

Das neue «Stade de la Tuilière» in Lausanne.

Die Zukunft liegt auf dem Weg zur Vergangenheit. Wer mit dem Auto zur Pontaise fährt, passiert das Stade de la Tuilière. Bezugsbereit im November. Es ist schmuck und zweckmässig, aber weder wuchtig noch prachtvoll. Gleichwohl symbolisiert es den neuen Weg des FC Lausanne-Sport. Ein Widerspruch? Wird der Klub nicht als neue Kraft des Schweizer Fussballs gehandelt? Ist Lausanne-Sport etwa nicht im Besitz des Chemiegiganten Ineos, der 60 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt? «Wer glaubt, wir rocken nun die Super League, allein weil wir einen Milliardär im Rücken haben, irrt», sagt Trainer Giorgio Contini.

Wir sitzen beim Chinesen. Auf halbem Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ineos pumpt also nicht Unmengen in den Klub, und Contini hat eine Zukunft in Lausanne – das überrascht. Nein, es sei nicht ungemütlich gewesen im Sommer 2019, sagt Contini. Lausanne wurde schon damals als Aufstiegskandidat gehandelt, schaffte es aber nicht mal in die Barrage. Für viele war klar: Contini muss gehen. Aber er durfte bleiben. «Intern haben wir uns zwei Jahre gegeben für den Aufstieg in die Super League. Warum man das in der Öffentlichkeit so nicht wahrhaben wollte, ist mir schleierhaft.»

Trainer von FC Lausanne-Sport Giorgio Contini, im Fussball Test spiel der Super League zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Lausanne-Sport, im Stadion Wankdorf in Bern, am Dienstag, 8. September 2020. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Trainer von FC Lausanne-Sport Giorgio Contini, im Fussball Test spiel der Super League zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Lausanne-Sport, im Stadion Wankdorf in Bern, am Dienstag, 8. September 2020. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Das Engagement von Ineos macht vieles leichter und einiges schwieriger. Titel und rauschende Europacup-Nächte werden erwartet. Contini, 46, sagt: «Wir haben in der Super League gleich viel Geld zur Verfügung wie in der Challenge League.» Im Klub spricht keiner von Titeln. Von Contini wird indes erwartet, den Wert der Talente zu steigern, damit man sie gewinnbringend verkaufen kann. Daran wird er gemessen. «So extrem auf Wertsteigerung zu arbeiten wie hier, habe ich noch nie erlebt.» Aber es ist auch nicht so, dass die Spieler beim erstbesten Angebot verkauft werden. Das hat Lausanne nicht nötig. Schliesslich hat man dank Ineos etwas Spielraum bei den Löhnen.

Nach Lausanne hat Ineos auch die Kontrolle des französischen Klubs Nizza übernommen. Das bedeutet: Die obersten Entscheidungsträger sitzen nun nicht mehr am Genfersee, sondern an der Côte d’Azure. «Kein Problem», sagt Contini. «Erstens ist jedem klar, dass wir in der Nahrungskette nicht zuoberst stehen. Zweitens wollen wir hier einen eigenen Weg gehen. Drittens werden wir punkto Synergien wohl mehr profitieren als Nizza.»

Der Kaffee ist ausgetrunken, seine Frau, die mit den beiden Mädchen weiterhin in Niederbüren SG wohnt, erwartet den Rückruf. Eine Frage noch: Macht es Sie nicht nervös, dass Lausanne auf dem Transfermarkt bislang nicht agierte? «Nein. Vor ein paar Jahren wäre ich anders mit der Situation umgegangen. Ich identifiziere mich mit der Philosophie, und der Klub steht hinter mir. Es passt.» Punkt. Adieu.

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