Cup-Viertelfinal

Jetzt hilft nur noch der Exorzist: Der Titelfluch der Young Boys ist kaum mehr rational erklärbar

Verflucht, verhext: YB, ein Fall für den Exorzisten.

Verflucht, verhext: YB, ein Fall für den Exorzisten.

Sie haben es schon wieder veryoungboyst. YB verliert den Cup-Viertelfinal gegen das unterklassige Winterthur. Den Bernern will es einfach nicht gelingen, einen Titel zu holen. Obwohl sie gut genug wären. Es scheint, als wäre YB verflucht.

«Der Befreiungsdienst beinhaltet nicht nur, Dämonen auszutreiben», sagt Beat Schulthess, Offizier der Heilsarmee bei SRF Virus. «Der Befreiungsdienst ist für die Menschen da, die anstehen und eine Not oder Gebundenheit haben, von der sie sich nicht befreien können.»

Zur Erklärung: Der Befreiungsdienst ist der Zwillingsbruder des Exorzismus. Nur, was hat das mit den Young Boys zu tun? Die Berner sind unbestritten die zweite Kraft im Schweizer Fussball. Aber den letzten Titel haben sie vor 30 Jahren gewonnen. In dieser Zeitspanne wurde selbst der kleine FC Aarau einmal Schweizer Meister. YB im besten Fall Zweiter, oder Verlierer im Cup-Final.

1986 wurde YB zum letzten Mal Schweizer Meister.

1986 wurde YB zum letzten Mal Schweizer Meister.

Besonders dramatisch steht es um die Young Boys, seit sie mit dem Einzug ins Stade de Suisse und den Rihs-Millionen im Gepäck für die Rolle als erster Herausforderer des FC Basel vorgesehen sind.

Neue Strategie, neue Spieler, neue Trainer, neue Sportchefs – die Titellosigkeit klebt an YB wie ein Kaugummi am Schuh. Jede noch so gut gemeinte Massnahme verpufft. Nichts hilft wirklich. Die YB-Rakete bleibt auch nach Phase 3 am Boden. Probleme mit der Zündung.

YB schafft es, einen 13-Punkte-Vorsprung auf Basel zu verspielen. YB schafft es, sich ab 2011 viermal in Folge im Cup gegen ein unterklassiges Team zu blamieren. YB wird zum Synonym für Verlierermentalität. Selbst ein Sammelbegriff wird für die Peinlichkeiten kreiert: veryoungboysen.

In den Klauen der Dämonen

Mal war der Platz – beim damaligen Promotion-League-Klub Le Mont – eine Katastrophe. Mal war es verhängnisvoll – beim 2.-Liga-Klub Buochs –, dass die besten Kräfte geschont wurden. Hilflose Erklärungsversuche für etwas, das man nicht erklären kann.

Denn YB ist gut genug, um selbst auf dem Mond gegen Le Mont zu gewinnen. Und die YB-Ergänzungsspieler sind mehr als stark genug, um einen Amateurklub zu versohlen. Aber es scheint, als wäre YB verflucht. In den Klauen der Dämonen. Also ein Fall für den Befreiungsdienst.

Die jüngste Blamage, das Out im Cup-Viertelfinal gegen Winterthur, ist derart absurd, dass sie rational kaum erklärbar ist. Natürlich hätte Schiedsrichter Pache einen oder zwei Penaltys für die Berner pfeifen können. Gewiss war auch ein bisschen Pech dabei, als Hoarau je einmal den Pfosten und die Latte traf.

Guillaume Hoarau ist nach der Niederlage am Boden zerstört.

Guillaume Hoarau ist nach der Niederlage am Boden zerstört.

Und suboptimal ist, wenn die YB-Führung die Partie gegen Winterthur als Spiel des Jahres proklamiert, aber nur 9462 Zuschauer diese Meinung teilen, weil YB keine Anstrengungen unternimmt, um das Stadion zu füllen.

Erklären lässt sich damit das erneute Scheitern nicht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Körpersprache einzelner YB-Spieler auf dem Weg zum Pausentee signalisierte: 2:0, das Ding ist gelaufen. Aller Erklärungsversuche zum Trotz: YB ist schlicht zu gut, um ein Spiel gegen diesen biederen, phasenweise sogar desolaten Gegner, Zweitletzter in der Challenge League, zu verdaddeln.

Kaum bei YB, schon verhext

Sowieso: Veryoungboysen ist Vergangenheit. Trainer Hütter und etwa die Hälfte aller YB-Spieler hat nie veryoungboyst. Das neue Sturmjuwel Assalé ist eben erst ein paar Wochen in Bern, kennt das Wort nicht mal vom Hörensagen. Was soll da schiefgehen?

Doch es geht schief, weil selbst jene versagen, die bislang noch nie veryoungboyst haben. Ravet ist einer von ihnen. Ausgerechnet er, seit Wochen in der Form seines Lebens, scheitert als Einziger im Penaltyschiessen.

Ravet kann den Penalty nicht verwerten.

Ravet kann den Penalty nicht verwerten.

Gleicher Ort, gleiches Wetter, gleiche Spieler, gleiche Taktik. Würde man einzig die Verpackung wechseln, aus dem Cup- ein Testspiel machen: YB hätte mit vier, fünf oder sechs Toren Unterschied gewonnen. Verflucht, verhext. YB, ein Fall für den Exorzisten.

Wer Exorzismus hört, denkt ans Mittelalter. Doch Exorzismus wird heute und in der Schweiz, in einer aufgeklärten Welt, wo es für fast alles eine wissenschaftliche Erklärung gibt, ziemlich fleissig praktiziert. Weil es Leute gibt, die glauben, dass sie vom Bösen besessen sind. Und weil es Leute gibt, die überzeugt sind, das Böse austreiben zu können.

Teufelsaustreibung bei YB

Einer von ihnen ist Christoph Casetti, Bischofsvikar des Bistums Chur. «Die Existenz von Dämonen ist durch die Bibel bezeugt. Jesus hat nicht nur geheilt und gepredigt, er hat auch Menschen befreit, die von Dämonen besessen waren», sagt Casetti.

Christoph Casetti: «Die Existenz von Dämonen ist durch die Bibel bezeugt.»

Christoph Casetti: «Die Existenz von Dämonen ist durch die Bibel bezeugt.»

Die katholische Kirche ist in der Teufelsaustreibung nicht der einzige Player. Auch Freikirchen mischen mit und die Heilsarmee leistet Befreiungsdienst. Kann YB auf diesem Weg vom Titelfluch befreit werden? Ein Exorzist, der anonym bleiben will, sagt: «Bestimmt kann ich den Young Boys helfen.»

Unsinn? Unbestritten ist, dass der Exorzismus zumindest in der katholischen Kirche als eine «Form der Nächstenliebe» anerkannt ist. Und ist nicht der Fussball die grösste Säkularreligion der Welt? Selbst der unsportliche Papst Joseph Ratzinger hat einst gesagt: «Ein Fussballspiel ist eine Art versuchte Heimkehr ins Paradies.» Balleluja!

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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