Schwingen

König der Herzen: Christian Stucki reist als ewiger Favorit ans Eidgenössische

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Verlierer Christian Stucki (rechts) küsst Sieger Matthias Sempach nach dem Schlussgang beim «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf.BENJAMIN SOLAND

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Verlierer Christian Stucki (rechts) küsst Sieger Matthias Sempach nach dem Schlussgang beim «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf.BENJAMIN SOLAND

Der Berner Christian Stucki reist als ewiger Favorit nächstes Wochenende ans Eidgenössische Schwing- und Älplerfest nach Estavayer-le-Lac. Gewonnen hat er die Sägemehl-Olympiade noch nie.

Ausgerechnet mit einer Niederlage hat sich Christian Stucki unsterblich gemacht. Die Bilder, wie er nach dem verlorenen Schlussgang am «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf seinen Bezwinger Matthias Sempach auf die Stirn küsst, gingen um die Welt. Spätestens seit damals ist der 1,98 m grosse Seeländer mit der Aura des knuddeligen Teddybären beim Schwingvolk der unbestrittene König der Herzen. «Dem Stucki möchte ich den Königstitel gönnen», sagt ein eingefleischter Schwingfan, ansonsten ein durchaus strammer Unterstützer der Innerschweizer «Bösen».

Eine Umfrage unter Funktionären der Teilverbände offenbart das gleiche Bild: Wenn nicht einen der Ihren, dann wünschten sie sich am ehesten den «Chrigu» auf den Thron. Beeindruckt sind die Fachleute nicht nur von der körperlichen Erscheinung Stuckis und dessen Fähigkeiten im Küssen, sondern vor allem von der gutmütigen Art und der stoischen Ruhe, welche der 31-Jährige ausstrahlt. Selbst im Sägemehl geht ihm jegliche Hektik ab. «Je gestresster du bist, umso mehr Energie verbrauchst du. Zumindest mir tut die stoische Ruhe gut», sagt der 34-fache Kranzfestsieger.

Zum Gespräch in seinem Wohnort Lyss kommt Christian Stucki mit dem Velo. Er wirkt eine Woche vor dem Saisonhöhepunkt ausgeglichen und austrainiert. Welches Thema soll man zuerst ansprechen – den Kuss oder das Gewicht? Über beides hat der vierfache «Eidgenosse» in Interviews bereits bis zur Schmerzgrenze Auskunft gegeben. Man weiss, dass die Kuss-Idee spontan kam, dass er es wieder tun würde und dass der Sempach Mätthu seit Jahren ein sehr guter Kollege ist. Doch man weiss nicht genau, wie viel der Stucki Chrigu nun tatsächlich wiegt: 140 Kilogramm, wie es auf seiner Homepage steht? Oder doch 150 Kilogramm, wie sein Steckbrief beim Schwingverband offenbart? Stucki zuckt mit den Achseln: «Ich weiss es auch nicht, ich stand schon lange nicht mehr auf der Waage.» Dem Kilchberg-Sieger von 2008 ist das Gewicht ebenso wenig wichtig wie Aussagen von Kritikern, die ihn auf keinen Fall als König sehen wollen. Mit der Begründung, er sei zu wenig athletisch und würde dem Bild des Schwingens als Hochleistungssport nicht gerecht.

Das sind keine Diskussionen, die den Seeländer aus dem inneren Gleichgewicht bringen. Zur These, der Stucki könne ein zweitägiges Fest nicht gewinnen, weil die Kondition dafür nicht reiche, sagt er lapidar: «Ich mache mein Ding. Um König zu werden, braucht es so viel. Letztlich muss so manches Detail stimmen.» Nach den Rängen 4 (2007), 3 (2010) und 2 (2013) will der 109-fache Kranzgewinner an seinem insgesamt sechsten «Eidgenössischen» den Titel. Dazu steht er. Doch genauso wenig geht für ihn eine Welt unter, sollte es erneut nicht klappen. Verbissenheit gehört nicht in sein Repertoire. «Das ist meine Art. Das ist es, was mich ausmacht», sagt er. Schliesslich ist Sport nicht der Mittelpunkt der Welt. Den hat Christian Stucki mit der Gründung einer eigenen Familie, mit der Heirat seiner langjährigen Freundin Cécile im letzten Jahr, mit der Geburt der zwei Söhne Xavier (2013) und Elia (2015) längst gefunden. «Die Prioritäten im Leben ändern sich durch die Familie ein wenig. Zuvor stand der Sport ohne Konkurrenz an erster Stelle.» Um mehr Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen, hat Stucki sein Pensum als Lastwagenchauffeur auf 60 Prozent reduziert. Dazu kommen bis zu sechs Trainings pro Woche und rund 15 Schwingfeste pro Saison, wenn ihn nicht wie diesen Sommer eine Oberschenkelverletzung für Wochen ausser Gefecht setzt.

Denkt Christian Stucki ans «Eidgenössische», dann kommt in erster Linie Freude auf. Freude auf das, «was für die Schwinger die Olympischen Spiele sind», wie er es ausdrückt. Apropos Olympia: Die Übertragungen aus Rio dominierten in den letzten Tagen auch den TV-Konsum der Stuckis. Welche Disziplinen haben sich seine Frau und er angeschaut? «Kunstturnen, Beachvolleyball, Synchronschwimmen, Rugby – die ganze Palette halt», sagt er. Auch punkto sportlicher Favoriten ist Stucki vielfältig. Einerseits bewundert er Stehaufmännchen wie Skirennfahrer Beat Feuz, aber auch Athleten mit überragender Konstanz wie US-Schwimmstar Michael Phelps. Eine Konstanz, die auch ihn auszeichnet und zum ganz heissen Eisen für Estavayer macht.

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