Kommentar
Immer über die Schmerzensgrenze gegangen: Das Wunder der italienischen Auferstehung

Italien muss im EM-Final im Wembley-Stadion gegen England lange leiden. Trotzdem setzt sich die Squadra Azzurra im Penaltyschiessen durch.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Die Italiener wissen, bei wem sie sich zu bedanken haben: Torhüter Gianluigi Donnarumma.

Die Italiener wissen, bei wem sie sich zu bedanken haben: Torhüter Gianluigi Donnarumma.

Laurence Griffiths/Pool via AP

Hoffnungsträgerin für die ganze Nation. Trainer Roberto Mancini sprach im Vorfeld nicht vom Finaleinzug oder Titelgewinn. Nein, seine Squadra soll nur dieses eine Ziel erreichen: Den Italienerinnen und Italienern nach vielen Monaten des Leidens, der Entbehrungen, der scheinbaren Ausweglosigkeit wieder Hoffnung und Lebensfreude zu vermitteln.

Man kann es eine Mission nennen, was Mancini da angestossen hat. Oder einfach nur eine Idee. Die Idee, wie man sich als Gruppe präsentiert, wie man sich in der Gruppe verhält und vor allem wie die Gruppe spielt: Diszipliniert, abenteuerlustig, unermüdlich, furchtlos. Es ist die Idee des Triumphs.

Italien hat nicht diesen aufregenden Starspieler. Da ist kein Schillerfalter à la Mbappé, kein Künstler à la De Bruyne. Da spielten sich teilweise Akteure in den Fokus, die man zuvor bestenfalls vom Hörensagen kannte. Aber Italien hat das beste Team und Italien hatte die beste Idee, wie man dieses Turnier bestreiten muss. Nämlich die Idee, Inspiration aus der Krise zu ziehen und jenen Menschen, von denen sie selbst in den schlimmsten Momenten so viel Liebe erfahren, die wegen der Pandemie so sehr gelitten haben, etwas zurückzugeben.

Kein Land in Europa war von Corona schlimmer betroffen als Italien. Es gibt Regionen in diesem Land, denen das Virus jene Generation genommen hat, die nach dem Krieg für den Wiederaufbau gesorgt hat. Und es ist ja ausgerechnet beim Fussball passiert. Am 19. Februar 2020. Beim Champions-League-Spiel Bergamo – Valencia in Mailand, bei dem sich Tausende Bergamasker ansteckten.

Italiens Vorkämpfer, Captain und Integrationsfigur Giorgio Chiellini jubelt. Englands John Stones ist konsterniert.

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Frank Augstein / AP

Die Bilder danach mit den Militärlastwagen voller Corona-Opfer, mit Krankenhäusern und ihren Mitarbeiterinnen unmittelbar vor dem Kollaps: Sie sind den Fussballern nicht verborgen geblieben. Und so, wie im Gesundheitswesen ein Sondereffort nach dem andern geleistet wurde, haben sich auch die Kicker darauf geeinigt, in jedem Spiel und gegen jeden Gegner mehr zu leisten als ihre Kontrahenten.

Macinis Squadra hat sich nie geschont. Sie ist stets bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus gegangen. Ja, sie ist hat sich zu einem Symbol der Erneuerung gespielt und vor allem hat sie geschuftet. Aber es ist ein Muster der italienischen Fussball-Feste, dass der Kater danach zu lange anhält. Man lehnt sich zurück, wird genügsam. Nur kann sich Italien das momentan nicht leisten. Und der italienische Fussball auch nicht.

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