Kommentar
Klein gegen gross, Schweiz gegen Italien – Fussball ist wie Hollywood, nur ohne Wendepunkt

Das Spiel Schweiz gegen Italien war ein schwermütiges Drama. Eine Kulturredaktorin schaut EM.

Anna Raymann
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Betretene Mienen auf Schweizer Seite.

Betretene Mienen auf Schweizer Seite.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Ein Fussballspiel beginnt nicht erst beim Anpfiff – erst recht nicht an der EM. Dieses Spiel zwischen Schweiz und Italien zum Beispiel begann schon vor drei Tagen mit einem Coiffeur-Besuch. Frisch blondiert hoffen Xhaka und Akanji besser zu spielen als gegen Wales, medientechnisch war die Aktion aber wohl eher ein Eigentor.

Die Haarfärberei ist auch in der Spieleinführung ein Thema, allerdings nur am Rande. Dafür wird Pathos mit der grossen Kelle angerührt. Schweiz – Italien, das ist Kult, unter nicht gerade wenigen Trikots in den Public Viewings dürften zwei Herzen schlagen und so klingt es auch in der Anmoderation.

In Rom wird das Feld zur Bühne

Das letzte Spiel der Italiener gegen die Türkei, dieses phänomenale 3:0, das sei so emotional, so dramatisch gewesen, wie eine Oper von Verdi! Ich bin Kulturredaktorin und jetzt bin auch ich abgeholt. Einige Rückblicke, teilweise bis in die 80er Jahre zurück, erklärt mir die historische Übermacht, an der sich bis heute wenig geändert hat: 28 Spiele lang ungeschlagen, in den letzten neun traf keine «Kugel» das italienische Netz.

Die Geschichte wurde etabliert, nun kann die Heldenreise losgehen. Klein gegen gross (der kleinste Spieler auf dem Feld misst übrigens 1.63 m, der grösste etwas über 1.90 m), Schweiz gegen Italien.

In jedem Hollywood-Strassenfegern wäre die Sache klar: Ein euphorischer, motivierter Start. Dann kommen die ersten Erfolge, vielleicht ein Schuss knapp über der Latte durch. Die Fans heulen auf. Dann er überraschende Gegenangriff – im Spielfilm fällt der Höhepunkt, die Klimax, oft auf wenige Sekunden genau auf die 45. Minute. Dann also das Tor und die kleine Schweiz sackt in die Knie, nur um umso härter zurückzuschlagen und schliesslich den unbesiegbaren Gegner clever und gewitzt zu überlisten. Und letztlich ginge es nur um Freundschaft und Zusammenhalt.

Nicht so einfach wie im Film

In Tat und Wahrheit ist natürlich alles ganz anders. Die Kultur-Floskeln tragen noch etwas weiter durch das Spiel. Das «Ensemble» ist gut aufgestellt, die Trainer stehen am «Bühnenrand». Was die Schweizer Spieler aber zeigen, ist weit weg von hoher Kunst. Die Motivation der Nati hält kaum mehr als fünf Minuten an. Das erste Tor nach zwanzig Minuten zwang sie tatsächlich in die Knie, nur für das Aufrichten fehlte die Kraft. Oder war es der Wille?

Mit dem Pfiff zur zweiten Halbzeit sehen die Fans noch ein letztes Aufbäumen, ein Foul, die gelbe Karte. Ist das der Wendepunkt? Wohl kaum, denn bald darauf das 2:0. Nicht einmal für die Moderation ist noch etwas vom anfänglichen Pathos aufzutreiben. Das 3:0 kurz vor Schluss ist die Zugabe der Italiener, die Schweizer sind kleinlaut wie schon zu Beginn beim Anstimmen der Nationalhymne.

Die Heldenreise geht eben nicht auf, wenn sich der Protagonist entscheidet, einfach nicht mitzuspielen.