Leichtathletik
Im Sunshine State beim Super-Trainer: Rekrut Jason Joseph erobert Amerika

Der Schweizer Hürdensprinter reist direkt aus der Spitzensport-Rekrutenschule in die USA und trainiert in Florida für drei Monate unter Leichtathletik-Guru Rana Reider.

Rainer Sommerhalder
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Jason Joseph gefällt das neue Leben in Florida.

Jason Joseph gefällt das neue Leben in Florida.

Bild: Philipp Schmidli

Trainieren, kochen, essen, schlafen. Jason Josephs Trip nach Florida erinnert wenig an ein touristisches Traumziel. Einmal in 70 Tagen war der Schweizer Rekordhalter über 110 m Hürden bisher in Jacksonville Beach für einen kurzen Spaziergang am Strand. Ansonsten steht Sightseeing nicht auf der To-do-Liste des 22-jährigen Baselbieters.

Schliesslich ist Joseph in beruflicher Mission im Nordosten des Sunshine States unterwegs. So steht es hoch offiziell auf dem Dokument des amerikanischen Olympischen Komitees, welches ihm Trainer Rana Reider für eine Einreise in die USA zu Corona-Zeiten organisiert hat. Der 193 cm grosse Modellathlet bereitet sich auf seine ersten Olympischen Spiele im Sommer in Tokio vor.

Genau genommen reiste Jason Joseph Anfang Februar als Schweizer Söldner nach Amerika. Denn bis zum 10. März dauerte die Spitzensport-Rekrutenschule, welche der Baselbieter gemeinsam mit anderen Leichtathleten seit Ende Oktober in Magglingen absolvierte, die aber viele Freiheiten ermöglicht. Wie Josephs Trainingsreise nach Florida.

Der Ausrüster zahlt die Kosten fürs Training

Doch in Zeiten der Pandemie ist Flexibilität in allen Lebenslagen gefragt. Auf dieses Jahr hin wechselte Jason Joseph seinen Ausrüster. Anstatt einer Wolke ziert neu ein Puma seine Berufskleidung. Und der neue Partner offerierte dem Schweizer Youngster kurzfristig einen Platz im Trainingscamp von Rana Reider. Der Kalifornier steht als Trainer im Sold der Wildtier-Marke und hat seinen Stützpunkt mit 20 hochkarätigen Sprinterinnen und Sprintern auf dem Universitätsgelände von Floridas grösster Stadt Jacksonville aufgeschlagen.

Reider gehört zu den Hochkarätern der Trainergilde in der Leichtathletik. Seit einem Vierteljahrhundert ist der 50-Jährige im Geschäft und hat Stars wie die holländische Sprinterin Dafne Schippers oder den Dreispringer Christian Taylor zum Erfolg geführt. 2018 trainierte auch die Schweizerin Mujinga Kambundji für einige Monate unter Reider. Sie wollte aber im Gegensatz zu Joseph ihren Lebensmittelpunkt nicht für längere Zeit von Bern wegverschieben. Daher war es die meiste Zeit eine Fernbe­ziehung.

Bei Joseph ist das anders. Zwar wusste er zu Beginn nicht, wie lange er in der Gruppe von Reider bleibt. Doch mittlerweile ist es sogar ein Thema, nach seiner Rückkehr in die Schweiz am 23. April später für die unmittelbare Olympiavorbereitung nochmals mehrere Wochen lang ins Camp von Trainer-Guru Reider zu reisen.

Die Hoffnung auf einen Leistungsschub

Dabei war der Aufenthalt in Florida für Jason Joseph verbunden mit grundlegenden Umstellungen. Alleine in der Airbnb-Wohnung anstatt daheim im «Hotel Mama», selber kochen und waschen, weg von der langjährigen Trainerin Claudine Müller, die weiterhin Josephs erste sportliche Anlaufstelle während der Zeit in der Schweiz bleibt.

Joseph hat seinen Entschluss nicht bereut. Er schwärmt von der Einstellung der Gruppe: «Alle haben nur eines im Kopf: Bei einem Grossanlass aufs Podest zu kommen. Die Arbeitsmoral dieser Sportler ist beeindruckend.» Er staunt über die Intensität im Training, das sechs Tage die Woche zwischen 10 Uhr und 16 Uhr auf der modernen Leichtathletik-Anlage des Uni-Geländes stattfindet: «In der Schweiz trainiere ich meistens allein. Hier sprinte ich täglich gegen Athleten, die alle schneller sind als ich. Das motiviert ungemein und spornt an.» Und er spricht ehrfürchtig über die Fähigkeiten des Trainers:

«Rana ist sehr direkt und fordernd. Du weisst bei ihm immer, woran du bist. Er ist mit Herz und Seele bei der Sache.»

Joseph ist gespannt, wohin ihn diese Reise sportlich führen wird. Der Halbfinal bei Olympia ist Pflicht. So wie er es 2018 bei der EM in Berlin und 2019 bei der WM in Doha geschafft hat. Der 22-jährige traut sich aber auch den olympischen Final zu. Es seien zwar «nur» die Eindrücke aus dem Training, aber der U23-Europameister ist überzeugt, dass er im Kraftbereich zugelegt hat, am Start explosiver und zwischen den Hürden dynamischer geworden ist. Sein Schweizer Rekord von 13,29 Sekunden, aufgestellt im vergangenen Sommer in Basel, soll bald fallen.

Jacksonvilles Fussballerinnen vermitteln eine Prise Heimatgefühl

Weitere Faktoren tragen dazu bei, dass Joseph den mit Abstand längsten Auslandsaufenthalt in seinem Leben als Erfolg wertet. Er verkraftet den hohen Trainingsumfang körperlich bislang ohne nennenswerte Probleme. Ihm gefällt die offene Art der Amerikaner. «‹Wow, ich mag deine Schuhe›, sagt dir in der Schweiz nie jemand. Die Leute hier sind mega positiv und du kommst dir dadurch wertvoll vor.»

Und hat Jospeh doch einmal Heimweh und vermisst die Fussballstadt Basel, hilft der Blick ­rüber zu den Trainingsnachbarn auf dem Uni-Campus. Dort spielen die Sportstudentinnen Fussball. Und sie gewinnen erst noch häufiger als aktuell der FCB. Denn die Uni-Equipe aus Jacksonville gehört landesweit zu den Topteams.

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