Doping
Zum Glück dürfen russische Leichtathleten nicht nach Rio

Der Internationale Leichtathletik-Verband setzt mit der Suspendierung der Russen ein Zeichen. Dennoch kann das erst der Anfang im Kampf gegen Doping sein.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
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Die russischen Leichtathleten müssen an den olympischen Spielen zuschauen.

Die russischen Leichtathleten müssen an den olympischen Spielen zuschauen.

KEYSTONE/EPA DPA FILE/KAY NIETFELD

Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) hat die Sperre der russischen Athleten bestätigt, womit sie an den Olympischen Spielen in Rio im August nicht dabei sein werden. Das letzte Wort in dieser Affäre hat allerdings das Internationale Olympische Komittee (IOC). Unabhängig davon, wie das IOC im Juli letztlich entscheidet, muss sich die internationale Sportgemeinschaft endlich darüber klar werden, wie der Kampf gegen Doping in Zukunft gestaltet werden soll.

Die aktuelle Pflästerlipolitik kann nicht des Rätsels Lösung sein. Seit Jahrzehnten hechelt man einem Skandal nach dem anderen hinterher. Mal sind es die Leichtathleten, mal die Radfahrer, mal die Fussballer. Mal ist es die USA (Balco-Affäre), mal Spanien (Operacion Puerto mit dem gerade eben freigesprochenen Blutpanscher Dr. Fuentes), mal Deutschland (Uni Freiburg und die Telekom-Leistungsfabrik). Jetzt sind die Russen mit ihrem sportartenübergreifenden, systematischen Doping-Programm im Kreuzfeuer der Kritik. Irgendwann trifft es dann vermutlich mal die Chinesen. Oder die Jamaikaner. Oder die Äthiopier. Oder die Kenianer.

Ein fatales Problem

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Spitzensport hat ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem. Die Zeiten, in denen man bedenkenlos den Wettkämpfen zugeschaut hat, sind vorbei. Wenn wir im August nach Rio blicken und den Athleten bei der olympischen Medaillenjagd zusehen, was sollen wir dann noch glauben? Einfach das Hirn ausschalten und über Usain Bolts Zauberzeit über 100 Meter staunen? Die afrikanischen Marathonläufer bewundern, die ihre Gegnerschaft in Grund und Boden laufen? Die georgischen Gewichtheber für ihre Kraftakte beklatschen? Lässt sich der übliche Verdrängungsmechanismus wieder einschalten? Hoffentlich nicht!

Der IAAF Sebastian Coe mit nachdenklichem Blick anlässlich der Medienkonferenz in Wien.

Der IAAF Sebastian Coe mit nachdenklichem Blick anlässlich der Medienkonferenz in Wien.

KEYSTONE/EPA/LISI NIESNER

Eigentlich wäre es höchste Zeit, dass sich der Sportkonsument mit Grausen von diesen hochgezüchteten Wettkämpfen abwendet. Grossanlässe wie Olympische Spiele dienen Typen wie Wladimir Putin inzwischen nur noch als Plattform dafür, auf internationaler Ebene Ruhm und Ehre zu erheischen und von den Problemen im eigenen Land abzulenken. Der Sport dient nur noch als Make-up, als Opium fürs Volk. Wenn dann der Glanz der gewonnenen Medaillen ein paar Jahre später ermattet ist und die Nachkontrollen der Dopingproben ergeben, dass vieles nur Betrug war, dann interessiert das längstens niemanden mehr.

Den Kampf forcieren

Was tun, um dieses Dilemma zu eliminieren? Nun, es gibt nur einen Weg. Dem Kampf gegen den Betrug muss noch mehr Gewicht gegeben werden. Die Weltantidopingagentur Wada hat zwar sehr viel geleistet, sie hat sich aber in dieser Form als untaugliches Instrument zum flächendeckenden, konsequenten Kampf gegen den Dopingmissbrauch erwiesen. Das Problem ist seit Jahren dasselbe. Um den Betrügern wirklich auf die Schliche kommen zu können, fehlt der Agentur primär das Geld. Ihre Labors in aller Welt sollten unabhängig sein, sind es aber nicht, wie der Fall Russland eindrücklich gezeigt hat. Und zu schlechter Letzt organisiert jedes Land seinen Anti-Doping-Kampf nach eigenem Gutdünken – oder eben Schlechtdünken.

Wenn dem IOC und den grossen Sportverbänden tatsächlich etwas am sauberen Sport gelegen ist, dann wird in Zukunft konsequent ein namhafter, fixer Prozentsatz aller TV-Rechte- und Sponsoringeinnahmen in den Anti-Doping-Kampf investiert. Es braucht Forscher, die auf Augenhöhe mit den findigen Sportärzten agieren und nicht erst Jahre später erkennen, wie damals betrogen wurde. Es braucht unabhängige Labors, unabhängige Kontrollinstanzen, die sich in aller Welt frei bewegen und Sportler jederzeit kontrollieren dürfen. Jedes Land, dass an den grossen Wettkämpfen teilnehmen will, verpflichtet sich, die Spielregeln einzuhalten. Das alles kostet sehr viel Geld und die Umsetzung ist einfacher gesagt als getan. Medaillengewinne lassen den Rubel rollen. Mit Dopingskandalen fährt man höchstens Verluste ein. Wenn wir aber wollen, dass der (Spitzen-)Sport noch ein Minimum ab Glaubwürdigkeit bewahrt, dann muss ein Umdenken stattfinden.

Rio ohne Beteiligung der russischen Leichtathleten wäre zumindest ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ein noch stärkeres Zeichen wäre der komplette Ausschluss der
russischen Delegation. Dazu bräuchte es aber viel Mut. Zu viel?