Judo

Sie wollte kämpfen wie eine Pokémonfigur – und Polizistin werden

Dynamisch wirft Judoka Yasmin Abbani ihren Trainingspartner Julian Bersnak zu Boden.

Dynamisch wirft Judoka Yasmin Abbani ihren Trainingspartner Julian Bersnak zu Boden.

Die Dietiker Judoka Yasmin Abbani konzentriert sich seit August auf ihre Lehre als Verkäuferin, trotzdem läuft es sportlich rund für sie. Ein Portrait.

Der Judogriff wirkt locker und natürlich: Die Dietikerin Yasmin Abbani schwingt ihren Trainingskollegen wieder und wieder über den Rücken auf die Matte. Nach dem zehnten Mal stützt sie die Arme in die Hüfte und sagt: «Nun bin ich aufgewärmt.» Ihre lockigen Haare hat sie zu einem festen Dutt zusammengebunden und um ihren Bauch schmiegt sich der braune Gurt, welchen sie dieses Jahr erhalten hat, nachdem sie eine Reihe von Würfen vor der Jury zeigte.

Es ist nicht lange her, da investierte sie mehr Zeit ins Judotraining als heute. Sie besuchte bis zum Sommer drei Jahre lang die Sportschule in Zürich und war deshalb jeden Tag am Trainieren. Seitdem sie im August ihre Vorlehre als Verkäuferin in einer Bäckerei begonnen hat, habe sie dafür keine Zeit mehr. «Ich gehe nur noch ein- bis zweimal ins Training, das Lernen hat nun Priorität», sagt die 16-Jährige.

Mit Leidenschaft bei den «Killerküken»

Trotzdem hat Abbani Erfolg: In Magglingen an den Schweizer Einzelmeisterschaften im November holte sie in der Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm neben Gold in der Alterskategorie U21 auch Bronze in der Kategorie Jugend (U18). Zudem gehört Abbani zum jungen Frauenteam des Judo Clubs Uster mit dem Spitznamen «Killerküken».

Diese Mannschaft sicherte sich letztes Wochenende den dritten Platz an den Schweizer Meisterschaften. Die «Killerküken» gebe sie nicht mehr her, ein so gutes Team finde man nicht so schnell, sagt Abbani.

Nachdem sich die Judokas nach Rang geordnet vor ihren Meister hinknien und sich zur Begrüssung verbeugen, starten sie das Training. Vor dem Kampf begrüssen sich die Kontrahenten wieder mit einer Verbeugung. «Wir behandeln einander respektvoll, das ist uns wichtig», sagt Martin Anderhalden. Er ist einer der Trainer, der Abbani bereits seit ihren ersten Judoversuchen vor sechs Jahren begleitet.

«Sie ist das Gegenteil von ‘gstabig’»

Eine von ihren Stärken sei ihr Kampfgeist, sagt er. «Sie kann sehr schnell Dinge aufnehmen und umsetzen. Sie ist das Gegenteil von ‘gstabig’ und zudem ist sie sehr vielseitig.» Das zeigt sich auch in ihren vielen sportlichen Tätigkeiten. Nebst Judo ist sie Trainerin der jungen Dietiker Leichtathleten und spielt Fussball im FC Oetwil-Geroldswil.

Die Idee mit Judo zu starten, entstand, als sie mit anderen Kindern wie die Pokémonfigur Pikachu kämpfen wollte. «Eine Nachbarin sagte, geh doch einmal ins Judo», sagt sie. So habe sie schliesslich Feuer für den japanischen Kampfsport gefangen.

Da ihr von Anfang an vieles eher leicht gefallen sei, müsse sie manchmal an ihrem Fleiss arbeiten, sagt ihr Trainer. Bislang konnte sie vieles mit ihrem Talent kompensieren. «Wenn es aber in Richtung Elite geht, wird es schwieriger. Dann braucht es auch Trainingswille.»

Judoauftritt auf dem Fussballrasen

Wenn Abbani ihren Kolleginnen sagt, dass sie Judoka ist, heisse es sofort: «Dann kannst du ja diese Person verhauen.» Das stimme aber nicht, sie dürfe ihre Kampfkünste nur im Notfall anwenden. Ein solcher Fall trat dieses Jahr erstmals ein, als eine Teamkollegin auf dem Fussballrasen von einer gegnerischen Spielerin angegriffen wurde. Als diese mit der Faust auf die Kollegin losging, stellte sich Abbani dazwischen.

«Reflexartig holte ich ihre Faust runter und fiel mit ihr auf den Rasen», sagt Abbani. Auf diese Situation angesprochen, sagt der Trainer: «So wie ich das einschätze, war das ein emotionaler Ausbruch.» Wenn er jedoch merke, dass ein Jugendlicher seine Fähigkeiten missbrauche und aggressiv sei, suche er das Gespräch. Das passiere jedoch kaum.

Austeilen und Einstecken gehören zum Kampfsport dazu: Vor einem Jahr erlitt Abbani an einem Wettkampf eine Gehirnerschütterung, sodass sie einen Filmriss hatte und während dreier Monate nicht mehr trainieren durfte. «Das war sehr schwierig», sagt Abbani. In dieser Zeit habe sie fast die Lust am Sport verloren. Doch diese sei mit dem Trainingsstart wieder gekommen.

Sobald sich ihre Schulnoten verbessert haben, oder wenn sie die Ausbildung beendet habe, könnte sich Abbani nun gar vorstellen, Judo wieder als Leistungssport zu betreiben. Vielleicht könne sie dann auch ihren ehemaligen Traumberuf in Angriff nehmen, sagt Abbani: «Ich wollte Polizistin werden.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1