Bayern München wird 2019 Deutscher Meister. Das ist nach dem Sieg gegen Hannover vom Wochenende und dem gleichzeitigen Remis von Dortmund gegen Bremen so gut wie sicher. Der FCB braucht aus den letzten beiden Spielen in Leipzig und gegen Frankfurt noch einen Sieg oder zwei Unentschieden.

Dass Dortmund zwei Spieltage vor Schluss überhaupt noch um die Meisterschaft spielt, hätte zu Beginn der Saison kaum jemand gedacht. Nach der schwachen letzten Saison mit Peter Bosz und Peter Stöger (Platz 4 mit 55 Punkten) hat Lucien Favre die Mannschaft stabilisiert und wieder zu einem ernsthaften Herausforderer der Bayern geformt. 9 Punkte lag Dortmund zwischenzeitlich vor dem Rekordmeister – und begann zu träumen. Doch die Träume vom 9. Meistertitel zerbrachen Stück für Stück – 5 Gründe, weshalb.

1. Die Mentalitätsspieler auf der Suche nach der Mentalität

Am 9. Februar begann etwas zu zerbrechen. Dortmund führte gegen Hoffenheim nach 75 Minuten mit 3:0 – musste noch drei Gegentore hinnehmen und spielte schliesslich nur 3:3. Der Vorsprung auf Bayern schmolz auf 5 Punkte. Der BVB trägt Schaden davon – es folgt ein mageres 0:0 gegen Nürnberg, zwei Wochen später eine unnötige 1:2-Niederlage in Augsburg.

Die im Sommer verpflichteten und in der Hinrunde hochgelobten «Mentalitätsspieler» Axel Witsel (30) und Thomas Delaney (27) konnten dem Team nicht (mehr) den Halt geben, den es brauchte. Im Spitzenspiel gegen Bayern liess man sich gleich 0:5 abschlachten und muss die Tabellenführung abgeben, im Revierderby gegen Schalke gab es letzte Woche eine 2:4-Klatsche.

Dortmund, so hatte man oft das Gefühl, fehlte in wichtigen Momenten die Mentalität – wie am Wochenende beim 2:2 gegen Bremen. Der BVB gab einmal mehr in dieser Saison in einem Spiel Punkte ab, in dem er niemals Punkte abgeben durfte. Einmal mehr offenbarte der BVB grosse Probleme, eine komfortable Führung nach Hause zu bringen.

Oft reicht ein harter Schiedsrichterentscheid, ein unglückliches Gegentor oder ein Patzer, um die ganze Mannschaft ins Wackeln zu bringen. Hier fehlte in der Rückrunde die moralische Stabilität. Delaney und Witsel wurden einerseits wegen physischen Aspekten geholt, aber auch als Spieler, die dagegenhalten, wenn es nicht läuft – wenn das Team Führungsstärke braucht. Diesen Part konnten beide Spieler in der Rückrunde kaum noch erfüllen.

2. Die fehlbaren jungen Wilden

Gegen Bremen geht die Niederlage auf die Kappe von zwei Schweizern. Roman Bürki patzte beim 1:2, Manuel Akanji beim 2:2. Beide Fehler dürfen so natürlich nicht passieren. Nicht, wenn du die Ambition hast, Meister zu werden.

Zumindest beim 23-jährigen Manuel Akanji, der wegen der Rotsperre gegen Marco Reus als Captain auflief, darf man mangelnde Erfahrung geltend nehmen. Der Nati-Spieler, der als Aussenverteidiger ran musste, versuchte einen Ball abzulaufen, Ludwig Augustinsson brachte den Fuss ran, Claudio Pizarro reagierte schneller als Abdou Diallo und traf zum Ausgleich.

Beim 2:2 gegen Bremen mitschuldig am zweiten Gegentreffer: Manuel Akanji.

Beim 2:2 gegen Bremen mitschuldig am zweiten Gegentreffer: Manuel Akanji.

Zusammen mit Julian Weigl (23), Abdou Diallo (23) und Raphael Guerreiro (25) bildete der Schweizer eine junge Abwehr. Eine Abwehr, die lange überzeugte, am Ende aber doch wackelte und irgendwann einbrach. Rechnet man Ende Saison all die individuellen Fehler zusammen, welche Dortmund gemacht hat, es sind wohl genau die Punkte, welche zu den Bayern fehlen.

Neben dem jungen Durchschnittsalter hat Dortmund vor allem auch einen Mangel an Erfahrung, was den Palmarès angeht. Während für die Bayern-Spieler Titelgewinne eine Selbstverständlichkeit sind, wäre es für die meisten Dortmund-Spieler ein Novum. Sie wissen (noch) nicht, wie man Titel holt.

3. Die Zerbrechlichkeit des Marco Reus

Mit ein Grund für die starke Dortmund-Hinserie war Marco Reus. Der Captain erhielt von Lucien Favre alle Freiheiten, dankte diese mit 11 Toren und 7 Assists – und das Wichtigste: Er blieb für einmal unverletzt, machte in der Hinrunde sämtliche Partien. Marco Reus ist der einzige Spieler im Kader, der in Topform die absolute Weltklasse erreicht. Eine Identifikationsfigur für Mannschaft, Fans, den ganzen Verein.

Dortmund hätte einen gesunden Reus in Topform gebraucht.

Dortmund hätte einen gesunden Reus in Topform gebraucht.

Teile der Wintervorbereitung und den Rückrundenstart verpasste Reus wegen einer Bänderdehnung – wenig später fiel der deutsche Nationalspieler mit einem Muskelfaserriss im Adduktorenbereich erneut aus. Von 15 Rückrundenpartien war Reus nur 9 Mal dabei und wirkte nicht immer zu 100 Prozent fit. In der Rückrunde kommt er immerhin noch auf 5 Tore und 3 Vorlagen. Das ist kein schlechter Wert – doch Dortmund hätte einen gesunden Reus in Topform gebraucht. Der Tiefpunkt des sonst so vorbildlichen Captains folgte durch ein überhartes Foul gegen Schalke, welches mit der roten Karte bestraft wurde. Reus fehlte gegen Bremen und wird auch das Heimspiel gegen Düsseldorf verpassen.

4. Favres taktischer Elfenbeinturm

Die Dortmunder Version 2018/19 ist ein fragiles Gebilde. Und ganz oben im taktischen Elfenbeinturm sitzt Lucien Favre. Der Schweizer ist ein Perfektionist, der eine Spielidee hat und genau weiss, wie er diese umsetzen möchte. Er ist ein Typ wie Pep Guardiola, der dem Gegner seine Spielweise aufzwingen will. Lucien Favre ist überzeugt von seinem System. Einige bezeichnen es als detailversessen, andere als stur, wie sehr Favre teilweise auf seinen Ideen beharrt.

Nach der 2:0-Pausenführung gegen Bremen stellte Favre um, opferte das hohe Pressing einer viel passiveren Ausrichtung. Das funktionierte gut, Dortmund verpasste mit seinem schnellen Umschaltspiel das 3:0 mehrmals knapp. Als Bremen-Trainer Florian Kohfeldt nach einer Stunde Claudio Pizarro und Kevin Möhwald brachte, verpasste es Favre, zu reagieren. Bei Werder agierte Linksverteidiger Augustinsson so offensiv, dass die Verteidigung praktisch zu einer Dreierkette wurde. Während Bremen die rechte Seite überlud, gab es Platz auf links. Beide Tore fielen nach Spielverlagerungen in eben diesen offenen Raum auf Augustinsson.

Ist Lucien Favre zu stur?

Ist Lucien Favre zu stur?

Natürlich profitierte Werder von den BVB-Fehlern, dennoch ging der Matchplan von Kohfeldt voll auf, während sich Favre fragen musste, wie das Spiel nochmals spannend werden konnte.

Dass Favre bisweilen etwas stur sein kann, beweist die chronische Standard-Schwäche seines BVB. In der Rückrunde kassierte Dortmund acht Gegentore – doch Favre bleibt dabei, nur raumorientiert und nicht mannorientiert zu verteidigen.

In Deutschland hat Favre sowieso einen schweren Stand, ihm wird unterstellt, dass ihm das Sieger-Gen fehle. Als er nach der Niederlage gegen Schalke die Meisterschaft abschrieb, wurde er in den deutschen Medien hart kritisiert. Ein Kolumnist der «Bild»-Zeitung forderte sogar seine Entlassung.

5. Die Titelhamster aus München

Schnell wird vergessen, wie gut die Dortmund-Saison trotz dem Einbruch in der Rückrunde war. 70 Punkte aus 32 Spielen, das ist ein Schnitt von 2,19 Punkten. Zum Vergleich, in Klopps umjubelter erster Meistersaison 2011 holte Dortmund 75 Punkte – in dieser Saison liegen noch 76 drin.

Doch die Bayern zeigen eine überragende Rückrunde und haben 37 von 45 möglichen Punkten geholt. Dortmund wird unter anderem nicht Meister, weil Bayern einmal mehr eine starke Saison zeigt. In der nächsten Spielzeit werden es die Dortmunder wieder versuchen. Mit einem Lucien Favre, der den Sprung vom sehr guten zum grossartigen Trainer machen kann.